„Speicher, Netze und erneuerbare Energien sind der bessere Weg“
Nach der Abschaltung und dem Abriss seines Kohlekraftwerks Moorburg wird Vattenfall in Hamburg nicht mehr so stark wahrgenommen wie in den Jahren zuvor. Die Kohleverstromung hat Vattenfall international inzwischen komplett aufgegeben. Doch der schwedische Energiekonzern ist noch immer der führende Stromversorger in der Hansestadt, mit mehr als 60 Prozent Marktanteil am Endkundengeschäft. Deutschlandchef Robert Zurawski sagt, wie man im Unternehmen auf die Energiewende blickt und warum Vattenfall nicht mehr auf fossile Energien setzt.
WELT AM SONNTAG: Herr Zurawski, soll man den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland und Europa – die Energiewende – beschleunigen oder bremsen? Diese Debatte wird mit wechselnden Regierungen und politischen Mehrheiten seit mehr als 30 Jahren geführt. Wie sehen Sie es bei Vattenfall vor dem Hintergrund der neuen globalen Energiekrise?
Robert Zurawski: Wir bekommen gerade deutlich vor Augen geführt, welche Abhängigkeiten bestehen und wie sich diese Abhängigkeiten auf Energiepreise auswirken, nicht nur an den Tankstellen, sondern auch bei den Großhandelspreisen für Strom und Gas. Mittel- und langfristig kann Deutschland und Europa in einem solchen fossilen Energiesystem nicht bestehen. Fossile Energien sind immer teuer in Europa, weil sie zum großen Teil importiert werden müssen. Speicher, Netze und erneuerbare Energien sind aus unserer Sicht der bessere Weg. Deutschland erzeugt seinen Strom bereits zu rund 60 Prozent aus erneuerbaren Energien. Weil es eine schwankende Stromproduktion ist, brauchen wir neue, leistungsfähige Netze und Stromspeicher.
WAMS: Der Ausbau der Stromnetze kommt seit Jahren nur langsam voran.
Zurawski: Der Ausbau der Netze hat mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien nicht ganz Schritt gehalten. Da bleibt noch viel zu tun. Besonders wichtig für Europa und für Deutschland ist in diesem Zusammenhang die Investitionssicherheit. Viele Gesetzesvorhaben zu den erneuerbaren Energien, zu Speichern oder auch zum Netzausbau schweben derzeit noch in der Luft. Diese Unsicherheit muss aus dem Markt herausgenommen werden, dann können Unternehmen auch wieder besser und schneller in notwendige Speicher und erneuerbare Energien investieren.
WAMS: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) erwägt zum Beispiel die Abschaffung der Förderung für kleine Solaranlagen, die in privaten Haushalten genutzt werden. Belastet das Ihr Geschäft?
Zurawski: Ein neues Gesetz zum Ausbau der erneuerbaren Energien zum 1. Januar 2027 muss kommen. Und dabei muss die Bezahlbarkeit der Energie für die Bevölkerung und die Industrie gewahrt bleiben, dieses Ziel verfolgt ja auch die Bundesregierung. Ich wünsche mir allerdings, dass wir schneller in die entsprechenden, wirklichen konkreten Gesetze und Vorschläge kommen. Die aktuelle Unsicherheit am Markt ist für das Investitionsklima nicht gut.
WAMS: Woran mangelt es aus Ihrer Sicht derzeit besonders?
Zurawski: An der schnellen Implementierung der Gesetze, vor allem beim Zusammenspiel dieser drei Vorhaben: dem Ausbau der erneuerbaren Energien, dem Ausbau der Netze und der „AgNes“ genannten Reform des Netzpreis-Systems bei der Bundesnetzagentur. Ein durchdachtes Zusammenspiel dieser drei Komponenten ist enorm wichtig.
WAMS: Wenn es um eine Reform des Systems geht: Warum zum Beispiel sollte der Bund privat genutzte Solaranlagen weiterhin fördern? Die Installation von Fotovoltaik ist doch längst ein etablierter Massenmarkt.
Zurawski: Das Schöne bei der Solarförderung für die Haushalte ist ja, dass die Leute tatsächlich zu Hause in die Energiewende investieren oder, wie es neudeutsch heißt, in „Smart Homes“. Wer ein eigenes Haus hat, kann diese Möglichkeit nutzen. Ob wir durch eine Abschaffung der Solarförderung volkswirtschaftlich enorm viel einsparen, weiß ich nicht. Prinzipiell, glaube ich, rechnet sich das heutige System mit all seinen verschiedenen Aspekten auch deshalb, weil es eine direkte Verbindung für die Privathaushalte zur Transformation des Energiemarktes schafft.
WAMS: Viele in der Energiewirtschaft wissen, was organisiert und umgesetzt werden müsste, um in Europa zu einem vollintegrierten System erneuerbarer Energien zu kommen. Warum machen wir es nicht einfach?
Zurawski: Der internationale „Nordseegipfel“ im Januar in Hamburg hat uns viel Mut gemacht, weil da genau die richtigen Themen adressiert wurden: vor allem die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Nordeuropa bei der Offshore-Windkraft mit den dazu gehörenden Netzanschlüssen, mit denen man Offshore-Windparks untereinander verbindet. Viele dieser Ideen hatten wir auch schon vorgeschlagen. So kann ein europäisches System erneuerbarer Energien entstehen.
WAMS: In Hamburg ist Vattenfall nicht mehr so sichtbar wie früher, seit das Kohlekraftwerk Moorburg stillgelegt und abgerissen wurde, nach einem jahrelangen harten politischen und gesellschaftlichen Konflikt. Aber Vattenfall hat noch immer den größten Marktanteil bei der Stromversorgung in der Hansestadt. Was ist heutzutage der Kern ihres Geschäftes?
Zurawski: Wir sind sowohl in Hamburg als auch in Berlin beim Strom mit dem größten Marktanteil weiterhin der Grundversorger. Das Unternehmen hat sich in Deutschland aber deutlich transformiert. Wir sind inzwischen ein „grünes“ Energieversorgungsunternehmen. Wir haben nur noch Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im Portfolio. Wir versorgen unsere Kunden mit „grünem“ Strom. Und wir betreiben große Speicheranlagen, denn wir besitzen 40 Prozent der deutschen Pumpspeicherkapazitäten.
WAMS: Dazu gehört auch die Anlage bei Geesthacht. In Pumpspeicherkraftwerken wird Wasser bei hohem Aufkommen von günstigem Strom bergauf in Becken gepumpt, bei Strombedarf treibt das Wasser dann bergab Turbinen an.
Zurawski: Ja, neben der Anlage in Geesthacht bei Hamburg zählen das größte deutsche Pumpspeicherkraftwerk im thüringischen Goldisthal und andere zu unserem Bestand. Wir sind ein nachhaltiges Energieversorgungsunternehmen in der gesamten Wertschöpfungskette. Ein „fossilfreies Leben“ zu ermöglichen, das ist unsere Geschäftsstrategie, die wir seit Jahren konsequent umsetzen. In Hamburg zum Beispiel sind wir für die Endkunden mehr als nur ein Stromlieferant. Wir haben auch die nötigen Strukturen aufgebaut, gemeinsam mit Handwerksbetrieben, um Energielösungen und Energiedienstleistungen aus einer Hand zu bieten – vom Solarpanel auf dem Dach bis zum Speicher im Keller, von der Wärmepumpe draußen bis zur Wallbox im Carport. An der Energiewende zu Hause arbeiten wir auf diese Art auch in Berlin und in Nordrhein-Westfalen.
WAMS: Sie investieren auch in mehrere Hektar große Batteriespeicher. Etliche solcher Freilandanlagen verschiedener Unternehmen werden derzeit gebaut. Wie verändern die den Strommarkt in Deutschland und das System der erneuerbaren Energien?
Zurawski: Große Batteriespeicher sind Kurzfristspeicher, die Strom für zwei oder vier Stunden liefern können. Pumpspeicher können das etwas länger. Wir planen unter anderem ein Großbatterie-Projekt am Standort unseres stillgelegten Kernkraftwerks in Brunsbüttel und auch eines in Krümmel. An diesen ehemaligen Kernkraft-Standorten in Norddeutschland existiert eine hervorragende Infrastruktur, vor allem der Anschluss an das Höchstspannungsnetz. Und wir planen, überall in Deutschland, auch im Norden, viele Freiflächensolarprojekte, jeweils in Kombination mit einem Speicher.
WAMS: Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen Stromerzeugung und Speicherung?
Zurawski: Solarparks und Speicher ergänzen sich wunderbar, wir haben mittags die höchste Einspeicherung von Strom und am frühen Abend den höchsten Verbrauch. An sonnigen Tagen zwischen 12 und 14 Uhr zum Beispiel liegt der Strompreis an der Energiebörse oft bei null – und abends bei 200 Euro je Megawattstunde. Mit Batteriespeichern können wir diese schwankende Erzeugung ausgleichen – und zugleich dazu beitragen, dass die Kosten für die Abregelung von Wind- und Solarkraftwerken sinken. Denn mithilfe von Speichern können diese Kraftwerke auch bei geringer Stromnachfrage am Netz bleiben.
WAMS: Sehen Sie jetzt schon eine preissenkende Wirkung durch die ersten großen Batteriespeicher?
Zurawski: Bei den Pumpspeicherwerken haben wir schon heute eine preisdämpfende Wirkung. Wir planen deshalb zum Beispiel im Thüringer Schiefergebirge nahe Saalfeld ein neues Pumpspeicherwerk mit bis zu 500 Megawatt Leistung. Das Projekt heißt „Puls“. Dieses Projekt in Thüringen könnte dazu beitragen, die Preise weiter zu senken und auch die Kosten für Abregelungen signifikant zu senken. Auch die Batteriespeicher werden preisdämpfend wirken, wenn mehr und größere Anlagen am Netz sind. Unser Speicher in Brunsbüttel soll eine Leistung von 254 Megawatt und eine Speicherkapazität von 700 Megawattstunden haben. So große Batteriespeicher gibt es in Deutschland bislang noch nicht.
WAMS: Wie steht es aus Ihrer Sicht um die sogenannte Sektorkopplung, die Verbindung der einzelnen Energiemärkte für Strom, Gebäudewärme, Mobilität und Industrie mithilfe der erneuerbaren Energien?
Zurawski: Die Technologie ist da. Wir müssen sie nur noch stärker nutzen, etwa sogenannte „Power to Heat“-Anlagen, mit denen Ökostrom in Fernwärmesystemen gespeichert werden kann, aber auch Wärmepumpen in allen Größen, vom Privathaushalt bis zum Stadtwerk. Und generell hilft auch die Elektrifizierung der Industrie. Wir haben Stromlieferverträge zum Beispiel mit Stahl- oder Chemieunternehmen, sogenannte PPAs. Wir liefern Strom aus Windenergie, das Unternehmen erzeugt daraus CO2-armen oder CO2-freien Stahl, den wir wiederum nutzen, um neue Windkraftanlagen bauen und errichten zu lassen. So schließt sich der Kreis. Bei unserem Offshore-Windpark-Projekt „Nordlicht“ in der Nordsee werden schon 16 Prozent der Türme für die Windturbinen aus CO2-armem Stahl gefertigt. Und ich glaube, da geht noch deutlich mehr.
WAMS: Vattenfall ist ein führender Akteur an Europas Offshore-Windkraft-Markt. Was tun Sie dort derzeit?
Zurawski: Im vergangenen Jahr hat Vattenfall als einziges Unternehmen eine finale Investitionsentscheidung in Deutschland für ein großes Offshore-Projekt getroffen, unser „Nordlicht“-Projekt mit 1,6 Gigawatt Leistung. Das bauen wir ohne direkte Subventionen. Aber auch in der Offshore-Windkraft-Branche sind die Investitionskosten stark gestiegen. Wir brauchen unbedingt auch in Deutschland das sogenannte Modell „Contracts for difference“. Das ist ein Mechanismus, bei dem ein bestimmter Preis definiert wird. Fällt der Strompreis unter dieses Limit, bekommt der Windparkbetreiber einen Ausgleich von der öffentlichen Hand. Steigt der Preis darüber, zahlt das Unternehmen seinerseits Geld an den Staat. Eine ganze Reihe europäischer Staaten, von Großbritannien über Dänemark bis Polen, nutzt dieses Modell bereits, Deutschland bislang aber noch nicht. Ein weiteres Problem, das die Politik in Deutschland schnell lösen muss, ist die sogenannte Verschattung. Windturbinen nehmen sich gegenseitig den Wind weg, wenn sie zu eng aneinander geplant werden. Dafür ist in Deutschland das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg zuständig. Dieses Problem lässt sich teils auch durch grenzüberschreitende Planungen mit dort verfügbaren Flächen in Nachbarländern wie Dänemark oder den Niederlanden lösen.
WAMS: Kann und sollte die Atomkraft auch in Deutschland wieder eine Rolle spielen? Eine Reihe von Staaten, auch in Europa, verlängert Laufzeiten oder plant neue Reaktoren.
Zurawski: In Schweden investiert Vattenfall mit in neue Kernkraftwerke. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen Deutschland und Schweden: In Schweden hat sich der Staat mit den Unternehmen auf ein Finanzierungs- und Risikomodell geeinigt, das einen Großteil der wirklich großen Finanzierungs- und Kostenrisiken der Kernkraft herausnimmt. Das gibt es in Deutschland so nicht. Außerdem haben wir in Deutschland einen gesellschaftlichen Konsens, der sagt, wir sind aus der Atomkraft ausgestiegen. Ich kann nicht erkennen, dass sich das ändert. Und solange sich das nicht ändert, ist das in Deutschland kein Thema für uns. Jedes Land entscheidet sich selbst für sein Energiesystem.
WAMS: Wie sieht Vattenfall die Perspektiven für – regenerativ hergestellten, „grünen“ – Wasserstoff als ein umfassendes Speichermedium?
Zurawski: Der Ausbau einer Wasserstoffwirtschaft hängt derzeit auf der Nachfrage- und auf der Angebotsseite fest. Ich glaube, man muss es von der Nachfrageseite her lösen, vor allem auch in der Industrie, die große Mengen an Wasserstoff benötigt, wenn ihre Prozesse CO2-frei werden sollen. Im Hafen von Rotterdam baut Vattenfall gerade eine große Elektrolyseanlage, die mit Strom aus einem Offshore-Windpark betrieben werden soll. Wir glauben an eine wirtschaftlich mögliche Erzeugung von „grünem“ Wasserstoff in Europa.
Robert Zurawski, 50, studierte Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Zittau/Görlitz und begann seinen Berufsweg beim ostdeutschen Energieunternehmen Veag. Zu Beginn des Jahrtausends wurde Veag neben einer Reihe anderer Unternehmen – so auch HEW in Hamburg – vom staatlichen schwedischen Energiekonzern Vattenfall übernommen. Bei Vattenfall hatte Zurawski eine Reihe von Führungspositionen inne. 2025 wurde er Deutschlandchef des Unternehmens. Zurawski ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten über die deutsche und die internationale Energiewirtsdchaft.
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