Bundesbaugesellschaft? Noch mehr Staat braucht am Wohnungsmarkt wirklich niemand
In Deutschland fehlen mindestens 600.000 bis 800.000 Wohnungen, stellenweise findet sich sogar die Zahl 1,4 Millionen. Zugleich sinkt die Zahl der Baugenehmigungen dramatisch, und der Neubau droht für 2026 unter die Marke von 200.000 Wohneinheiten zu fallen. Der Iran-Krieg wiederum hat schon in den ersten Wochen dafür gesorgt, dass Baustoffe um bis zu zehn Prozent teurer wurden.
Die Not am deutschen Wohnungsmarkt ist groß, und die Branche wird langsam ungeduldig. Zwar hat Bauministerin Verena Hubertz (SPD) Reformen präsentiert und teilweise auch auf den Weg gebracht. Doch vielen Stakeholdern rund ums Thema Bauen und Wohnen geht es nicht schnell genug. Ein Verbändebündnis hat Ende März auf dem traditionellen Wohnungsbautag in Berlin seinen Forderungen nach verbesserten Rahmenbedingungen nochmals Nachdruck verliehen.
Niemand Geringerer als der Vizekanzler und Finanzminister mag sich das Elend am deutschen Wohnungsmarkt nun nicht mehr länger anschauen. Hubertz‘ Parteigenosse Lars Klingbeil weiß auch schon, wie sich Abhilfe schaffen ließe. Wenn der Markt nicht liefert, muss eben der Staat einspringen. Seine Idee: eine „Bundesgesellschaft für bezahlbaren Wohnungsbau“.
Die soll zwar nicht selbst als ausführender Akteur, sondern lediglich als Entwickler, Koordinator und Kreditgeber auftreten – mit schlanker Struktur, serieller Bauweise und günstigen Finanzierungen, wie Klingbeil jetzt präzisierte. Das klingt modern, ändert am Kern des Problems jedoch nichts.
Denn der Wohnungsmarkt in Deutschland ist nicht deshalb dysfunktional, weil private Akteure versagen würden. Er kommt nicht voran, weil der Staat den Markt über Jahre hinweg systematisch ausgebremst hat. Belege dafür gibt es genug. Wer heute bauen will, sieht sich mit einem Dickicht aus Vorschriften, Auflagen und Genehmigungsverfahren konfrontiert, das europaweit seinesgleichen sucht.
Bauordnungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland, Umwelt- und Lärmschutzauflagen wurden immer weiter verschärft, energetische Standards trieben die Kosten nach oben. Hinzu kommen langwierige Planungsprozesse, fehlende Bauflächen mangels pragmatischer Ausweisungspolitik und eine Bürokratie, die Projekte eher verzögert als ermöglicht. Das Ergebnis ist kein Marktversagen – sondern ein politisch erzeugtes Angebotsdefizit.
Der Staat war noch nie der bessere Unternehmer
Deshalb geht der Versuch, das Problem mit noch mehr Staat zu lösen, in die völlig falsche Richtung. Der Staat war noch nie der bessere Unternehmer, schon gar nicht, siehe Ost-Berlin vor dem Mauerfall, am Wohnungsmarkt. Eine weitere Behörde ist aber nicht nur deshalb das Letzte, was dieses Land braucht. Der ewige Reflex zu „mehr Staat“ verdeutlicht „in a nutshell“ die Mechanismen linker Politik: Interventionen beeinträchtigen die Funktionalität des Marktes, der Staat maßt sich das Wissen an, die Marktstörungen beheben zu können, greift steuernd oder subventionierend ein oder schafft neue Institutionen – und benötigt dafür immer neue Steuern.
Dabei zeigt ein Blick auf bestehende Modelle, dass staatliche Akteure nicht per se das Problem sind – wohl aber ihre Ebene und Ausgestaltung. Kommunale Wohnungsunternehmen wie die SAGA in Hamburg können sinnvoll sein: Sie verfügen über lokale Marktkenntnis, sind nah an den Bedürfnissen der Mieter und können gezielt dort bauen und entwickeln, wo es konkret gebraucht wird. Ihre Stärke liegt gerade in der Verankerung vor Ort und in der engen Verzahnung mit Stadtentwicklung, Planung und Infrastruktur.
In dieser Folge Meinungsfreiheit diskutieren im Studio WELT-Immobilienredakteur Michael Fabricius, Grünen-Politikerin Sandra Stein und die Professorin für Gebäudetechnik Lamia Messari-Becker über aktuelle politische Themen. Sehen Sie die ganze Folge im Video.Ganz anders verhält es sich mit „oben aufgesetzten“ Bundesstrukturen. Eine zentrale Gesellschaft, die deutschlandweit Projekte entwickelt und standardisierte Bauweisen vorantreiben soll, wird zwangsläufig mit größerer Distanz zum Markt operieren. Auch der Ansatz, über serielle Bauweise und Abnahmegarantien die Kosten auf unter 3000 Euro pro Quadratmeter zu drücken, setzt an der Oberfläche an. Denn die entscheidenden Kostentreiber – Regulierung, Auflagen und langwierige Verfahren – bleiben ja bestehen, solange sie von der Politik nicht endlich ernsthaft angegangen werden.
Hinzu kommt ein weiterer, oft unterschätzter Effekt: Der Staat würde mit einer solchen Gesellschaft selbst zum Wettbewerber um die ohnehin knappen Fachkräfte im Bauwesen. Und die sind schon heute Mangelware. Wenn der Staat beginnt, diese in großem Stil für eine neue eigene Struktur zu rekrutieren, verschärft er den Engpass – und treibt die Löhne sowie Projektkosten weiter nach oben. Am Ende verteuert genau das das Bauen zusätzlich, statt es zu verbilligen.
Auch rechtlich ist der Ansatz alles andere als trivial. Weil das Wohnungswesen Ländersache ist, wäre für die Schaffung der „Bundesgesellschaft“ eine Grundgesetzänderung nötig. Das allein zeigt, wie weit sich die Idee von den bestehenden Zuständigkeiten entfernt – und wie groß der politische und institutionelle Aufwand wäre, um eine zusätzliche Ebene einzuziehen.
Noch mehr Staat braucht am Wohnungsmarkt kein Mensch. Denn bauen können private Unternehmen – und auch kommunale Akteure vor Ort leisten ihren Beitrag, wenn man sie lässt. Sie brauchen dafür lediglich die nötigen Rahmenbedingungen. Darauf, diese endlich zu schaffen – und auf nichts anderes –, sollte sich die Politik zu 100 Prozent konzentrieren.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.
Michael Höfling schreibt für WELT über Immobilien, Wirtschaftspolitik und Gold. Gemeinsam mit Michael Fabricius ist er für den Immobilien-Newsletter „Frage der Lage“ zuständig, den Sie hier abonnieren können.
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