Chinas Außenminister gab sich als Verteidiger des internationalen Rechts. „Die Völker des Nahen Ostens sind die wahren Herren über diese Region“, sagte Wang Yi am Sonntag in Peking. Der Iran und die Staaten der Region müssten „unabhängig“ über ihre Angelegenheiten entscheiden, Amerikas Krieg müsse enden. Was er nicht sagte: Der Iran ist seit vielen Jahren nicht mehr unabhängig, sondern eine zentrale Schachfigur in Chinas geduldiger Strategie, seine ökonomische Macht auszubauen.

„Die Iran-Frage drehte sich nie wirklich um den Iran“, schreibt Zineb Riboua, die sich beim US-Thinktank Hudson Institute auf den chinesischen und russischen Einfluss im Nahen Osten spezialisiert hat. Ähnlich wie im Falle Russlands lehnt Peking die US-Sanktionen ab und wurde zum wichtigsten Handelspartner des Mullah-Regimes. China war über viele Jahre die Überlebensversicherung für die von Sanktionen schwer getroffene iranische Wirtschaft.

Dazu baute es ein zwielichtiges, paralleles Wirtschaftssystem auf: Mehr als 80 Prozent der iranischen Öl-Exporte gehen nach China, befördert über Schiffe, die abseits der offiziellen Handels- und Finanzströme operieren. Die Tanker dieser „Schattenflotte“ schalten nach dem Ablegen aus dem Iran ihre Funkortung aus – und weisen das Öl später als malaysisches oder indonesisches Öl aus. Seit dem Jahr 2021 flossen so laut Schätzungen rund 140 Milliarden Dollar an den Iran. „China ist der Hauptgrund dafür, dass die Islamische Republik nicht bankrottgegangen ist“, erklärt Expertin Riboua.

„Iran war für China ein sehr, sehr wichtiger Player und eine wichtige Quelle für Erdöl und Erdgas“, sagt auch China-Experte Markus Taube von der Universität Duisburg-Essen. „China hat zugleich stark versucht, über die politische Elite des Iran einen Hebel zu gewinnen, um die Strategie des Landes zu beeinflussen.“

China muss 70 Prozent seines Erdöls importieren, der Iran steht für rund 15 Prozent dieser Einfuhren. Zum Vergleich: Pro Tag importierte China im vergangenen Jahr etwa 1,5 Millionen Barrel Öl aus dem Iran. Die gesamte deutsche Volkswirtschaft verbraucht pro Tag etwa zwei Millionen Barrel.

Das sanktionierte Öl und Gas aus dem Iran kaufte Peking – ebenso wie jenes aus Russland und Venezuela – über viele Jahre zu sehr niedrigen Preisen ein. Für die Volksrepublik ein perfektes Geschäft: Es machte die Lieferländer zu seinen Vasallen und bekam zugleich billig an den Rohstoff.

Im Jahr 2021 schlossen der Iran und China ein auf 25 Jahre ausgelegtes Wirtschaftsabkommen. Die Details des Deals sind bis heute nicht vollständig bekannt. Die „New York Times“ und andere Medien berichteten, das Abkommen habe ein Volumen von 400 Milliarden Dollar – das Geld fließe in Irans Infrastruktur, dabei wiederum vorwiegend in den Öl- und Gassektor.

Es ist der Typ Abkommen, das China auch häufig im Zuge seiner Seidenstraßen-Initiative schloss – um Pekings ökonomische Macht über Zentralasien und den Nahen Osten bis nach Europa und Afrika zu projizieren. Der Iran, zwischen Kaspischem Meer und Persischem Golf gelegen, ist wegen dieser Geografie ein zentraler Baustein für den Weg westwärts zu Land und zu Wasser.

Eine besonders brisante Dimension der wirtschaftlichen Verbindungen beider Länder betrifft die Überwachungstechnologie. Spätestens seit 2010 blickte der Iran nach China als Vorbild für die Kontrolle der Bevölkerung in einer modernen Diktatur. Damals schloss Teheran einen 130 Millionen Dollar schweren Vertrag mit der chinesischen Firma ZTE – sehr wahrscheinlich, um ein Überwachungssystem in das staatliche Telefonnetz und Internet zu integrieren.

Später boten auch chinesische Firmen wie Tiandy oder Hikvision dem Iran ihre Dienste an. Sie gelten als führend bei KI-basierter Gesichtserkennung. Die Firmen gaben später an, sich aus dem Iran zurückgezogen zu haben – aber Recherchen zufolge hat der Iran über Strohfirmen weiter Zugriff auf chinesische Technologie. Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass bei der Niederschlagung der Proteste zu Jahresbeginn im Iran solche Technologien zum Einsatz kamen.

Auch als Rüstungslieferant spielt China für den Iran eine Rolle: Kurz vor Beginn des amerikanisch-israelischen Angriffs hatte die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf mehrere offizielle Quellen berichtet, China stehe kurz vor der Lieferung von Anti-Schiffs-Raketen an den Iran. Mit dieser Waffe hätte das Regime in Teheran demnach auch die US-Marine vor seiner Küste angreifen können.

China macht auch mit Irans Feinden Geschäfte

Wie China seine geoökonomische Macht mithilfe des Iran ausbaute, zeigte sich auch bei den Angriffen im Roten Meer vor rund zwei Jahren. Jemenitische Huthi-Rebellen, die mit dem Iran verbündet sind, attackierten Containerschiffe im Roten Meer, ein Schock für den Welthandel, weil über Monate die Route durch den Suezkanal gefährdet war. Die Huthi-Angriffe wurden von Peking nicht verurteilt – und China blieb auch der US-geführten Koalition zum Schutz der Handelsschiffe fern. Die US-Regierung warf Peking sogar vor, dass staatsnahe Satellitenfirmen die Huthis mit Daten über den Schiffsverkehr im Roten Meer versorgten.

Zugleich ist China in den vergangenen Jahren auch zum Wirtschaftspartner der Feinde des Irans geworden. Die Golfstaaten machen inzwischen sowohl mit den USA als auch mit China gute Geschäfte. Chinesische Firmen bauen Häfen und Telekom-Infrastruktur in den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Ländern am Golf. Saudi-Arabien verkauft mehr Öl an China als an jedes andere Land. Ein Drittel der chinesischen Importe stammt aus den Golfstaaten.

Seine breiten Bündnisse in der Region könnten Experten zufolge China gegen US-Sanktionen bei einem Angriff auf Taiwan immunisieren. Die Vereinigten Staaten wären in diesem Fall auf verbündete Staaten angewiesen, um China zu sanktionieren, schreibt Nahost-Expertin Riboua.

„Wenn Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und andere Länder aber so tief in das chinesische Wirtschaftssystem eingebunden sind, dass sie sich weigern, während eines Pazifikkriegs ihre Öllieferungen an Peking zu drosseln, wird die gesamte Sanktionsarchitektur genau in dem Moment zusammenbrechen, in dem sie am dringendsten gebraucht wird.“ Donald Trump sei der erste US-Präsident, der verstehe, dass der „Weg in den Pazifik über Teheran führe“.

China-Experte Taube sieht diesen Zusammenhang ebenfalls, ist aber skeptisch, ob die Volksrepublik mit dieser Strategie erfolgreich sein kann. „Das wäre sehr hoch gepokert“, sagt der Sinologe. „Ich glaube nicht, dass der chinesische Einfluss schon stark genug ist, wenn es hart auf hart kommt.“

Mit Blick auf die aktuelle Lage rechnet er damit, dass China kühl und pragmatisch vorgehen könnte. Derzeit gebe es nur verbale Unterstützung für Teheran. China versuche sich derweil schon für die Nachkriegsordnung zu positionieren. „Um die Mullahs in der jetzigen Form zu unterstützen, sind die Kosten zu hoch“, sagt Taube. „Aber unter dem Radar die Weichen zu stellen, damit ein Regime kommt, mit dem China gut zurechtkommt, das könnte für Peking funktionieren.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und „Business Insider“ erstellt.

Klaus Geiger berichtet seit vielen Jahren über Themen an der Schnittstelle zwischen Ökonomie und Geopolitik.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke