Eine Stunde mehr arbeiten für die Konjunktur? Arbeitsmarkt-Experten skeptisch
- CSU-Chef Markus Söder schlägt eine zusätzliche Arbeitsstunde pro Woche zur Konjunkturbelebung vor.
- Gewerkschaften und Arbeitgeber zweifeln daran, dass längere Arbeitszeiten die Wirtschaft stärken.
- Wirtschaftsforscher sehen eher Anreize und bessere Rahmenbedingungen als Schlüssel.
Die Menschen in Deutschland arbeiten pro Woche im Schnitt deutlich kürzer als die Beschäftigten in vielen anderen Industrienationen. Viele Studien zeigen, dass die Wochenarbeitszeit hierzulande immer weiter sinkt. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn insgesamt wird in Deutschland so viel gearbeitet wie noch nie, weil mehr Menschen einer Beschäftigung nachgehen.
Söder sei arbeitsweltlich einfach nicht up to date, sagt DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. "Wir haben mit Sicherheit bei den vielen Arbeitsstunden und den vielen Überstunden, die geleistet werden, in Deutschland kein Wochenarbeitszeitproblem, sondern: Wir haben eher ein Problem, dass wir Menschen in Teilzeit haben, die aufgrund schlechter Einkommen noch einen Zweitjob machen müssen, die zu pflegende Angehörige oder Kinder haben, um die sie sich kümmern müssen, wo die Infrastruktur nicht stimmt, dass diejenigen ungewollt in kürzerer Zeit arbeiten oder in weniger Zeit arbeiten müssen."
Zu einem großen Teil seien das Frauen, so Piel. Hier würden sicher einige gerne länger arbeiten. "Aber wir haben Arbeitgeber, die konsequent nur Minijobs anbieten und wir haben Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen, die im Moment tatsächlich eine Verkürzung der Arbeitszeiten planen, um Beschäftigung zu sichern."
Mehr Arbeitszeit bringt nicht automatisch mehr Wachstum
Beim zweiten Punkt erhält DGB-Vorstand Piel Zustimmung der heimischen Arbeitgeber. Sebastian Schenk, Geschäftsführer des Allgemeinen Arbeitgeberverbandes der Wirtschaft für Sachsen-Anhalt, sagt: "In anderen Bereichen, wie aktuell im Automobilbereich, wo die Firmen zu kämpfen haben, überhaupt Aufträge reinzukriegen, die Absatzzahlen einzuhalten und teilweise schon Richtung Kurzarbeit gehen oder zumindest schauen, wie sie ihre Leute beschäftigt kriegen – da hilft eine Stunde mehr dann am Ende des Tages auch nicht." Auch in der Pflege sei eine zusätzliche Arbeitsstunde mit Blick auf die Arbeitsbelastung mindestens kritisch, so Schenk.
Was sagt die Wissenschaft? "Wenn wir mehr arbeiten, dann produzieren wir auch mehr Waren und Dienstleistungen und dann haben wir halt insgesamt auch mehr Einkommen zur Verfügung. Dieser Zusammenhang ist selbstverständlich gegeben", so der Arbeitsmarktexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Holger Schäfer. Das entscheidende Mittel für eine Konjunkturbelebung sei das aber wohl nicht.
Teilzeit, Abgaben und fehlende Anreize als zentrale Probleme
Wenn man Menschen dazu bringen wolle, mehr zu arbeiten, brauche es Anreize aus der Politik. "Die niedriger hängenden Früchte sind da die Teilzeitbeschäftigten. Für die ist es wesentlich leichter, ihre Arbeitszeit aufzustocken, als für Vollzeitbeschäftigte. Für beide Seiten – Voll- und Teilzeitbeschäftigte – ist aber eine Voraussetzung, dass es sich auch lohnt."
Die Abgaben an den Staat seien zu hoch. So sieht das auch Oliver Holtemöller. Es gebe einen klaren negativen Zusammenhang zwischen der Höhe der Abgaben und der Bereitschaft, mehr zu arbeiten, so der stellvertretende Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle.
Aber es gebe auch wichtige andere Faktoren und Bedürfnisse der Beschäftigten. Handelt es sich um einen Fabrikjob oder eine Schreibtischarbeit? Wie steht es um Betreuungsmöglichkeiten für Kinder? Junge Menschen hätten andere Bedürfnisse als Ältere. Mit Blick auf Söders Forderung sagt Holtemöller: "Also, es sollte hier nicht eine verkürzte, einfache Lösung ins Schaufenster gestellt werden für alle Menschen in allen Berufen, quer durchs Land verteilt."
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