Chery: "In Europa für Europa – und mit dem Handel im Zentrum"
VDIK-Präsidentin Imelda Labbé und AUTOHAUS-Chefredakteur Ralph M. Meunzel sprachen anlässlich der Auto China 2026 in Peking mit Zhu Shaodong, CEO Europa und Executive Vice President von Chery International, über die Markteintrittsstrategie des chinesischen Konzerns, die Rolle Deutschlands, die Doppelmarken-Strategie mit Omoda und Jaecoo sowie das ambitionierte Ziel, bis 2030 in Europa 700.000 Fahrzeuge abzusetzen.
AH: Herr Zhu Shaodong, Chery ist in Europa bereits in zahlreichen Ländern aktiv. Warum kommt Deutschland vergleichsweise spät?
Zhu Shaodong: Deutschland ist für uns kein Markt wie jeder andere. Es ist der anspruchsvollste Automobilmarkt Europas – technologisch, regulatorisch und mit Blick auf die Kundenerwartungen. Genau deshalb haben wir uns bewusst entschieden, zunächst in anderen europäischen Märkten zu lernen. In Ländern wie Spanien, Großbritannien oder Polen konnten wir Strukturen aufbauen, Händlerprozesse testen und Markterfahrung sammeln. In Deutschland reicht es nicht, ein gutes Produkt anzubieten. Hier braucht es ein funktionierendes Gesamtsystem aus Technik, Service, Handel, Finanzierung und Gebrauchtwagenmanagement. Dafür wollten wir bestens vorbereitet sein.
AH: Welche Rolle spielt Deutschland in der europäischen Gesamtstrategie von Chery?
Zhu Shaodong: Deutschland und Frankreich sind für uns die beiden strategischen Schlüsselmärkte in Europa. Wenn wir hier erfolgreich sind, ist das ein starkes Signal für den gesamten Kontinent. Deshalb gilt für uns ein klarer Grundsatz: Jedes Fahrzeug, das wir in Europa anbieten, muss den deutschen Engineering‑Standard erfüllen. Wir testen und entwickeln bewusst hier. Unser europäisches Entwicklungszentrum in der Nähe von Frankfurt spielt dabei eine zentrale Rolle – von Homologation über Fahrwerksabstimmung bis zur Qualitätssicherung.
AUTOHAUS auf der Auto China 2026
AH: In Ihrer Präsentation sprechen Sie von einer "Globalized Value Chain". Was bedeutet das konkret für Europa?
Zhu Shaodong: Export allein ist keine nachhaltige Strategie mehr. Unser Ansatz lautet: Globale Präsenz mit lokaler Wertschöpfung. Weltweit verfügen wir über 26 Forschungs- und Entwicklungszentren sowie mehr als 20 Produktionsstandorte. In Europa bündeln wir diese Kompetenzen gezielt. Forschung und Entwicklung erfolgen unter anderem in Deutschland, die Montage für den europäischen Markt in Spanien. Dazu kommen europäische Logistik-, IT-, Aftersales- und Ersatzteilstrukturen. Wir sind damit der erste chinesische OEM mit lokaler Komplettfahrzeug‑Kapazität in der EU. Das schafft Flexibilität, reduziert Abhängigkeiten – und erhöht das Vertrauen bei Partnern und Kunden.
AH: Chery tritt in Europa nicht unter dem Konzernnamen auf, sondern mit Omoda und Jaecoo. Warum diese Zwei-Marken-Strategie?
Zhu Shaodong: Europa ist extrem heterogen. Kundenerwartungen unterscheiden sich nicht nur von Land zu Land, sondern auch innerhalb der Zielgruppen. Mit Omoda und Jaecoo sprechen wir bewusst unterschiedliche Käufer an. Omoda ist urban, design‑ und technologieorientiert, mit starkem Fokus auf Konnektivität und Lifestyle. Jaecoo hingegen steht für hochwertige SUVs, für Abenteuer, Langstrecke und Robustheit. Beide Marken nutzen gemeinsame Plattformen und Technologien, verfolgen aber unterschiedliche emotionale Ansätze. So vermeiden wir Kannibalisierung und erhöhen unsere Marktrelevanz.
AH: Sie setzen klar auf den Händlervertrieb. Warum?
Zhu Shaodong: Weil wir an den europäischen Markt angepasst denken. Deutschland ist kein Direktvertriebsmarkt. Kunden erwarten Beratung, Service, Leasingangebote, Gebrauchtwagenlösungen und persönliche Ansprechpartner. All das leisten starke Handelspartner. Unser Ziel sind bis zu 100 Standorte in Deutschland bis 2026. Aktuell haben wir rund 30 Partner in der Pipeline. Entscheidend ist für uns nicht nur die Anzahl der Händler, sondern ihre Profitabilität. In den Märkten, in denen wir bereits aktiv sind, arbeiten unsere Partner wirtschaftlich erfolgreich – das ist für uns ein zentrales Kriterium.
AH: Vertrauen ist für deutsche Kunden besonders wichtig. Wie will Chery dieses Vertrauen aufbauen?
Zhu Shaodong: Vertrauen entsteht nicht über Kommunikation, sondern über Leistung. Deshalb investieren wir zuerst in Service‑Exzellenz. Unsere Ersatzteilverfügbarkeit liegt bei über 99 Prozent, Lieferzeiten bei 24 Stunden – optional sogar bei 12 Stunden. Hinzu kommen klare Garantiebedingungen, transparente Prozesse und starke Finanzierungspartner. Erst wenn diese Basis stabil funktioniert, skalieren wir Volumen und Portfolio weiter.
AH: Chery peilt bis 2030 ein Verkaufsziel von 700.000 Einheiten in Europa an. Ist das nicht sehr ambitioniert?
Zhu Shaodong: Es ist ambitioniert – aber realistisch, weil es auf einer klaren Roadmap basiert. 2025 steht ganz im Zeichen des Fundaments: Markteintritt, Händlernetz, elektrifizierte Antriebe. 2026 folgt die Expansion mit neuen Produkten, weiteren Marken und zusätzlicher Lokalisierung. Ab 2027 geht es um die Tiefe: stärkere europäische Wertschöpfung, breiteres Portfolio und nachhaltiges Wachstum. Unser Anspruch lautet nicht, kurzfristig Volumen zu erzeugen, sondern langfristig im europäischen Mainstream anzukommen.
AH: Was unterscheidet Chery von anderen chinesischen Herstellern, die nach Europa drängen?
Zhu Shaodong: Drei Dinge. Erstens unsere Export‑DNA: Wir sind seit 23 Jahren durchgängig der größte Autoexporteur Chinas. Export ist kein Projekt, sondern ein System – von Logistik über IT bis Aftersales. Zweitens unsere Technologiebreite. Wir bieten nicht nur Elektroautos, sondern das gesamte Spektrum von Verbrennern über Hybrid- und Plug‑in‑Hybrid‑Systeme bis hin zu BEV. Wir zwingen dem Markt nichts auf. Drittens unser partnerschaftlicher Ansatz. Wir sehen Händler, Banken und potenzielle Industriepartner als Teil eines Ökosystems. Unser Ziel ist nicht, schnell zu kommen – sondern dauerhaft zu bleiben.
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