Homeoffice könnte täglich Millionen Liter Sprit sparen
Der Krieg im Nahen Osten treibt die Energiepreise hoch. Seit die Öltanker in der wichtigen Straße von Hormus festsitzen, ist der Preis für die Sorte Brent zwischenzeitlich über die 100-Dollar-Marke gesprungen. Das schlägt sich nieder an den Tankstellen, wo Autofahrer teures Benzin und Diesel kaufen.
Knapp zehn Millionen Deutsche fahren mit dem Auto ins Büro. Die allermeisten mit Verbrennungsmotor. Um Sprit zu sparen, arbeitet inzwischen jeder Fünfte öfter von zu Hause aus. Das schreibt das Team um den Organisationsforscher Florian Kunze der Universität Konstanz. Seit Beginn der Corona-Pandemie erstellen sie die repräsentative „Konstanzer Homeoffice Studie“ als Langzeitprojekt.
In ihrer 19. Erhebung haben sie knapp 1000 Büro-Beschäftigte danach gefragt, welche Folgen die Spritpreise für ihre Arbeitswege haben. Fast zwei Drittel der Menschen mit Bürojobs halten es demnach für sinnvoll, aufgrund des teuren Kraftstoffs im Homeoffice zu bleiben. Bei den Autopendlern sind es sogar 72 Prozent. Im Schnitt arbeiten die Befragten laut Studie 1,9 Tage pro Woche zu Hause – wünschen sich aber 2,8 Tage.
EU-Kommission will Homeoffice-Tag
Würden alle knapp neun Millionen Büro-Pendler mit Benzin- und Dieselautos einmal öfter pro Woche Homeoffice machen, könnte das etwa 32 Millionen Liter Kraftstoff sparen. Das berechneten die Forscher anhand eigener Daten, denen der Kraftfahrt- und Umweltbundesämter sowie des Instituts der deutschen Wirtschaft vor.
Die Forscher der Uni Konstanz gehen aus von Deutschlands 14,8 Millionen Bürobeschäftigten, die das Institut der deutschen Wirtschaft 2020 erfasste. Laut „Konstanzer Homeoffice Studie“ pendeln 64 Prozent von ihnen mit dem Auto zur Arbeit – das sind 9,47 Millionen Menschen. Zieht man die laut Bundeskraftfahrtamt vier Prozent zugelassenen Elektrofahrzeuge ab, bleiben 9,09 Millionen Pendlerinnen und Pendler mit Verbrennungsmotor übrig. Diese Gruppe legt den Daten der Forscher zufolge pro Bürotag im Schnitt 47,6 Kilometer zurück – Hin- und Rückweg zusammen. Bei einem Durchschnittsverbrauch von 7,4 Litern auf 100 Kilometern ergibt das 3,52 Liter Kraftstoff pro Person und Bürotag. Die Gesamteinsparung ergibt sich dann aus einer einfachen Multiplikation: 9,09 Millionen Pendler mal 3,52 Liter – macht rund 32 Millionen Liter pro zusätzlichem Homeoffice-Tag.
Allerdings ist diese Zahl theoretisch. Denn die Mehrheit der Beschäftigten, die Homeoffice grundsätzlich befürworten, fahre dennoch lieber ins Büro: weil etwa klare Regeln fehlten für hybride Arbeit oder weil sie „sichtbar“ bleiben wollten.
Immerhin: 25 Prozent der Deutschen arbeiten gelegentlich im Homeoffice, so Zahlen des Statistischen Bundesamts. Und es könnten noch mehr werden. Laut Medienberichten plant die EU-Kommission einen festen Homeoffice-Tag für Arbeitnehmer – als Reaktion auf die Ölkrise. Dazu ruft auch die Internationale Energieagentur (IEA) auf. Sie schlägt zehn Maßnahmen vor, die Regierungen, Haushalte und Unternehmen „schnell umsetzen“ können. Ratschlag Nummer eins auf der Liste: Homeoffice. Denn Straßenverkehr erzeuge 45 Prozent der globalen Ölnachfrage.
Die Bundesregierung geht andere Wege. Sie plante eine freiwillige Entlastungsprämie. Arbeitgeber sollen ihren Beschäftigten bis zu 1000 Euro abgaben- und steuerfrei auszahlen können. Dieser Vorschlag scheiterte allerdings zunächst am Nein aus dem Bundesrat.
Außerdem will sie die Energiesteuer pro Liter Benzin und Diesel senken. Ein Recht auf Homeoffice ist vom Tisch. „Die Entscheidung über die Vereinbarung von zusätzlichen Homeofficezeiten ist allein Sache der Arbeitsvertragsparteien, der Betriebs- und Tarifvertragspartner“, schreibt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales auf Anfrage von WELT.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund wiederum fordert mehr Homeoffice-Optionen vonseiten der Unternehmen. „Jeder gesparte Tropfen Sprit hilft: Auch die Arbeitgeber müssen ihren Teil dazu beitragen“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Sie sollten demnach „Beschäftigten die Wahl geben, ob sie im Büro oder im Homeoffice arbeiten. Das kann Pendelstrecken einsparen und die Geldbeutel schonen.“
Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg lehnen staatliche Vorgaben ab. Doch sei mehr Remote Work denkbar, sagt ein Sprecher auf WELT-Anfrage: „Wenn es betriebsintern sinnvoll ist und sich regeln lässt, sind erweiterte Homeoffice-Möglichkeiten sicherlich eine Option.“ Und: „Die Kosten dafür dürften in aller Regel deutlich unter denen der Entlastungsprämie liegen, die die Bundesregierung in die Diskussion gebracht hat.“
Besserverdiener profitieren
Das Homeoffice würde Beschäftigte konkret entlasten, sagt Bettina Kohlrausch. Sie leitet das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Boeckler-Stiftung und forscht zum Thema. „Die Pandemie hat uns trainiert, wir haben die Infrastrukturen“, erklärt sie im WELT-Interview. „Dort, wo Menschen sich das Homeoffice wünschen und es unter guten Bedingungen und mit klaren Regeln nutzen können, hat das für alle Beteiligten positive Effekte.“ Ein Anrecht hält die Soziologin für sinnvoll, „weil das Homeoffice viele Vorteile bietet und den Wünschen vieler Beschäftigter entspricht“.
Das Homeoffice könne Beschäftigten in der Krise punktuell sehr helfen. Jedoch würden viele Menschen auch gerne vor Ort arbeiten. Außerdem würden vom Recht auf Homeoffice eher höher Qualifizierte oder Besserverdiener profitieren. Diese könnten statistisch häufiger ihre Bürojobs nach Hause holen. „Menschen bei Pflegediensten brauchen ihr Auto, um Patientinnen und Patienten zu betreuen“, nennt sie als Beispiel. „Sie verdienen weniger Geld, tragen Lasten der Spritpreise und können nicht einfach ins Homeoffice.“
Auch unter den Arbeitgebern ist das Bild gespalten. Zwar bieten alle DAX-Konzerne etwa Home-Office-Optionen, doch immer öfter setzen sie Grenzen. Beispiel SAP und Siemens: Sie haben ihre Mitarbeitenden seit der Pandemie immer mehr zurückgeholt. Gleichzeitig stellen sie ihren Beschäftigten Mobilitäts-Benefits bereit, darunter Tankgutscheine bei SAP oder Angebote bei Siemens zum Leasing von Fahrrädern. Auch das soll die Spritkosten abfedern.
Dass neun Millionen Deutsche ihre Autos freiwillig einmal mehr pro Woche stehenlassen, ist also erst mal unwahrscheinlich.
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