Der Chef des weltgrößten Windkraftherstellers Vestas, Henrik Andersen, schlägt angesichts der durch den Irankrieg ausgelösten Energieturbulenzen Alarm – und spart dabei nicht mit unbequemen Wahrheiten zur deutschen Debatte über die weltweite Energieversorgung, der politischen Kommunikation auf europäischer Ebene sowie falschen europäischen Prioritäten der Energiepolitik. Bemerkenswert offen spricht er auch über seine persönlichen Zukunftsängste.

Europa unterschätze die Tragweite der aktuellen Lage fundamental, sagte Andersen im Interview mit dem Handelsblatt. „Wir stehen vor einer Energiekrise einer ganz neuen Dimension“, warnte der dänische Manager. Dabei sei das Schlimmste noch nicht einmal eingetreten: Die eigentliche Krise komme erst noch. Dass die Lufthansa zuletzt 20.000 Flüge gestrichen habe, sei kein Zufall, sondern ein ernstes Warnsignal – die Airline fürchte schlicht einen Kerosinmangel. Und Europa habe bereits zu Krisenbeginn ein Drittel seiner Ölnotfallreserven freigegeben, um die Preise zu drücken – erfolglos.

Besonders deutlich wird Andersen bei seiner Einschätzung der politischen Reaktion auf die Krise. „Mir kommt es so vor, als würde die Politik nur noch überlegen, wie sie es der Bevölkerung erklären soll“ – nicht etwa, wie die Krise tatsächlich bewältigt werden könne. In Europa führe man weiterhin dieselben kleinteiligen politischen Detaildebatten wie vor Jahren, während sich die Welt grundlegend verändert habe.

Schonungslos offen äußert sich der Windkraft-Manager zu den nötigen Prioritäten der Energiepolitik und stellt damit dem Vorgehen der EU und insbesondere Deutschlands in den vergangenen Jahren ein vernichtendes Urteil aus. „Grundsätzlich ist jetzt nicht der Zeitpunkt, um sich aufs Klima zu fokussieren. Im Jahr 2019 hätte ich das niemals gesagt, aber leider hat sich die Welt so weiterentwickelt, dass wir andere Prioritäten setzen müssen, und zwar: dass den Menschen warm ist und das Licht an bleibt.“

Beim EU-Gipfel in Kopenhagen im vergangenen Oktober habe er erstmals in seinem Leben Kriegsschiffe im Hafen gesehen – wegen vorangegangener Drohnenangriffe auf den Luftraum. „In einer solchen Lage lassen wir immer noch zu, dass andere Regionen die Energieversorgung Europas kontrollieren.“

Auch zur Atomkraft äußert sich Andersen, obwohl er Manager eines Erneuerbare-Energien-Konzerns ist, auf im Vergleich zu deutschen Unternehmenslenkern bemerkenswert klare Weise. „Vor 40 Jahren war Europa führend in der Atomkraft – das hätten wir niemals aufgeben sollen“, sagt er und liefert die Begründung für die deutliche Ansage gleich mit: „Ich bin kein Ideologe – mir geht es um Energie.“

„China hat aus der Energiekrise 2022 gelernt“

Berlin habe zwar einen Fehler gemacht, als Deutschland aus der Atomenergie ausstieg, ohne einen klaren Plan zu haben, wie diese Stromerzeugungskapazitäten schnell ersetzt werden könnten. Aber jetzt setze das Land mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien und dem Zubau von Gaskraftwerken immerhin Dinge um, über die andere nur redeten.

Nebenbei korrigiert Andersen ein zentrales Missverständnis besonders der deutschen Debatte zur Energiepolitik Chinas, in der oft impliziert wird, das Land setze ausschließlich auf den Ausbau der Erneuerbaren. „China hat aus der Energiekrise 2022 gelernt, wie wichtig Energieunabhängigkeit ist. Seit 2022 hat China die eigene Energieversorgung in allen Bereichen vervielfacht: neue Atomkraftwerke, neue Kohlekraftwerke und in den vergangenen zwei Jahren so viel Solar und Wind wie der Rest der Welt zusammen.“

Auf die Frage, wie hierzulande der Energiemix der Zukunft aussehen solle, sagte der Däne, das Ziel, bis 2030 mindestens 80 Prozent aus Erneuerbaren Energien zu decken, sei machbar. Auf die Frage, woher der restliche Strom kommen solle, antwortete er vielsagend: „Das kommt darauf an, was aus der Industrie wird …“

Dass Andersen das Thema Energieversorgung nicht ausschließlich als Unternehmenschef bewegt, macht er mit ungewohnter Offenheit deutlich. Neue Batteriespeicher bräuchten in Europa sieben Jahre zur Genehmigung, neue Gaskraftwerke mindestens sechs, neue Atomkraftwerke mindestens 15 Jahre. „Das macht mir Angst und lässt mich nachts wegen meiner Töchter und ihrer Generation nicht schlafen.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.

Michael Höfling schreibt für WELT und Business Insider über Immobilien, Wirtschaftspolitik und Gold. Gemeinsam mit Michael Fabricius ist er für den Immobilien-Newsletter „Frage der Lage“ zuständig, den Sie hier abonnieren können.

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