Salat aus der Stadt
Inhalt des Artikels:
- Eine Dachfarm auf einem Hamburger Hochhaus
- Ein Drittel des Gemüsebedarfs in Europa decken
- Flächen in Fabrikgebäuden, U-Bahn-Schächten, Bierkellern
Kay Plat zieht sich blaue Plastik-Überzieher über seine Schuhe und betritt den Hygienebereich des Unternehmens Greenhub in Leipzig. Hinter der nächsten Tür surrt die Belüftung, in Regalen übereinander wächst Salat, beleuchtet von hunderten LEDs. Die Pflanzen stecken ihre Köpfe aus runden Löchern einer hellgrauen Plastikplatte. Plat hebt sie an, Nährlösung tropft von den Wurzeln. "Unser System ist so ausgelegt, dass es autark arbeiten kann. Wir steuern über eine Software alles, was die Pflanze braucht: Düngung, Bewässerung, Beleuchtung." Weil kein Wasser versickert, geht er von einer Wasserersparnis von bis zu 90 Prozent im Vergleich zum klassischen Feldanbau aus.
Greenhub ist aus einer Arbeitsgruppe an der Uni Leipzig entstanden. Kay Plat und sein Kollege Alexander Jaworski gründeten ihr Unternehmen vor drei Jahren als Startup. Mit Hilfe von Investoren und öffentlicher Förderung versuchen sie, sich am Markt zu etablieren. Ihre Geschäftsidee ist nicht der Verkauf von Gemüse, sondern von Indoor-Farming-Technologie.
Eine Dachfarm auf einem Hamburger Hochhaus
Die Visualisierung zeigt ein Gewächshaus auf dem Dach eines Hochhauses in Hamburg, das Greenhub plant. Bildrechte: MDR Gerade plant das junge Unternehmen eine Dachfarm auf einem Hochhaus in Hamburg, erklärt Jaworski und zeigt im Büro von Greenhub eine Visualisierung auf dem Computerbildschirm. "Da geht es darum, den Bewohnern des Hauses und der Gastronomie in dem Gebäude die Lebensmittelproduktion wieder näher zu bringen und super-frische Lebensmittel auch einfach direkt da anzubauen, wo sie verzehrt werden."
Frische Lebensmittel direkt aus der Stadt – Science Fiction oder ein reales Zukunftsszenario? Susanne Baldermann beschäftigt sich wissenschaftlich an der Uni Bayreuth mit Urban Farming. Ansätze, wie sie Greenhub verfolgt, hält sie für möglich und nötig. "Wir haben vermehrt Leute, die in Städten wohnen. Wir haben Klimawandel, wir haben verschiedene Krisen global – und alles trägt dazu bei, dass sich unsere Lebensmittelsysteme verändern."
Ganzjährig auf frische Lebensmittel zurückzugreifen, die nicht quer über den Globus transportiert wurden, das könne aus ihrer Sicht eine sinnvolle Ergänzung zum klassischen Anbau sein.
Ein Drittel des Gemüsebedarfs in Europa decken
Zu diesem Ergebnis kommt auch eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung aus Dresden. Forscherinnen und Forscher aus den Niederlanden und Deutschland haben herausgefunden, dass Landwirtschaft in Städten rund ein Drittel des Gemüsebedarfs in Europa decken könnte. Und es könnte sogar noch mehr sein. Denn Hightech-Systeme, wie sie Greenhub in Leipzig entwickelt, wurden in der Studie gar nicht berücksichtigt. Die Wissenschaftler betrachteten lediglich Flächen auf Dächern oder in Gärten für klassischen Anbau mit Erde.
Flächen in Fabrikgebäuden, U-Bahn-Schächten, Bierkellern
Doch eine Frage stellt sich: Ist es in Städten nicht schon eng genug? Susanne Baldermann erzählt, sie habe bisher in jeder Stadt, in der sie in Deutschland gelebt habe, Flächen identifiziert, die nicht genutzt werden: "Alte Fabrikgebäude oder U-Bahn-Schächte. Dort, wo ich jetzt bin, in Bayern, gibt es leere Bierkeller. Das sind alles urbane Orte, die auch nicht in Konkurrenz mit Wohnraum stehen."
Während in Singapur, Israel, Japan schon mitten in der Stadt Gemüse in Pflanzenfabriken oder auf Flachdächern produziert wird, befinde sich Deutschland in Sachen Urban Farming aber noch in der Startphase.
Den eigenen Salat gibt es bei Greenhub fast jeden Tag zum Mittagessen. Bildrechte: MDR In Wiesbaden hat das Unternehmen ECF Farmsystems ein Gewächshaus auf dem Dach eines Supermarkts gebaut. Solche großen Projekte gebe es hierzulande weniger, erklärt Baldermann. Neue Anlagen bedeuteten nun mal hohe Investitionen. Aber: Es gebe hierzulande vielversprechende Startups und Forschung. Die tüftelten vor allem daran, noch effizientere Systeme zu entwickeln. Daran arbeiten sie auch bei Greenhub in Leipzig, erklärt Kay Plat. "Der Energieverbrauch ist das kritischste Thema. Deshalb haben wir den Ansatz, das mit erneuerbaren Energien zu verknüpfen. Außerdem versuchen wir, den Lichteintrag so minimal wie möglich zu halten."
Der Salat, der hier unter künstlicher Sonne wächst, ist also noch im Experimentierstadium. Verkostet wird er täglich - zum Mittagessen steht er bei Greenhub mit auf dem Tisch.
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