Da sitzt er nun. Den Gehstock umklammernd, fast liegend in seinem Sessel, über dem weißen Hemd ein lila Pullover. Warren Buffett spricht langsam. Immer wieder bricht seine krächzende Stimme. Manchmal stoppt er mitten im Satz und es wirkt, als habe er den Faden verloren – dann aber führt der 95-Jährige seine Gedanken zu Ende und bricht in ein beinahe jungenhaftes Lachen aus.

Buffett scheint sichtlich Spaß zu haben an diesem sonnigen Wochenende in Omaha. Eigentlich geht es hier gar nicht mehr um ihn, hat er die Führung von Berkshire Hathaway doch abgegeben. Aber das, was der 180-Milliarden-Investor sagt, hat immer noch Gewicht. Für die Firma – und für die Finanzwelt des gesamten Planeten.

Tausende Aktionäre sind nach Nebraska gereist, um bei der Hauptversammlung von Berkshire Hathaway dabei zu sein. Sie sind vor allem wegen jenes Mannes hier, der den Namen des Unternehmens wie kein Zweiter geprägt hat: Warren Buffett, Gründer und 60 Jahre lang Vorstand des Mischkonzerns. Der wird nun seit einigen Monaten von Greg Abel geleitet.

Und die Fußstapfen, in die der 63-jährige Kanadier tritt, könnten nicht größer sein. Buffett hat aus Berkshire eines der wertvollsten Unternehmen der USA und zehntausende Aktionäre reich gemacht. Doch ist Berkshire auch in den kommenden Jahren ein Garant für Wachstum? Es ist die entscheidende Frage für die Besucher beim diesjährigen „Woodstock der Hauptversammlungen“.

Da ist beispielsweise Yang Huang aus Peking. „Ich habe so viel von Warren Buffett gelernt“, sagt der Vermögensverwalter, hinter dem eine 24-Stunden-Reise liegt. „Nun will ich sehen, wie der Übergang gelingt.“

Da ist Elizabeth aus Nebraska, seit 30 Jahren Aktionärin und Stammgast bei der Hauptversammlung. „Ich habe Buffett jahrzehntelang vertraut. Und deshalb vertraue ich dem Unternehmen auch weiterhin“, sagt sie. „Warren Buffett hat den Menschen so viel gegeben. Er hat so viele Jobs geschaffen und immer für gute Zwecke gespendet.“

Und da sind Gäste wie der 16-jährige Josh aus Alabama, der den 79 Jahre älteren Buffett als „extrem schlauen Geschäftsmann“ bewundert. Er habe durch Berkshire gelernt, wie wichtig es sei, sich früh finanziell zu bilden und langfristig abzusichern, erzählt er.

Aktionärin Elizabeth ist Stammgast bei Berkhsire

Spätestens, als dann in der Arena die Vorhänge fallen, wird klar: Die Hauptversammlung ist in diesem Jahr mehr als ein Aktionärstreffen. Sie ist ein Machtwechsel in wirtschaftlich volatilen Zeiten. Eine ganze Branche schaut auf das Ende einer Ära, die über ein halbes Jahrhundert lang das Bild des amerikanischen Kapitalismus mitgeprägt hat.

Berkshire ist mittlerweile ein wirtschaftliches Schattenreich mit Versicherung, Bahn, Energie, Industrie, Handel und einem gigantischen Kapitalpolster, das kaum einen Vergleich fürchten muss. Und gleichzeitig ist der Auftritt der Firma extrem minimalistisch gehalten. Die Website sieht aus, als wäre sie seit den Neunzigerjahren nicht mehr aktualisiert worden. Für leidenschaftliche Anleger ist es genau dieses Understatement, das den Reiz des Ganzen ausmacht. Denn Berkshire ist für viele eine Aktie für die Ewigkeit. Buffetts Investitionsstrategien waren nie für unabschätzbare Risiken bekannt, das Portfolio ist stark konzentriert.

Greg Abel, das wird in seiner anderthalb Stunden langen Eröffnungsrede deutlich, will da weitermachen, wo Buffett aufgehört hat. Er sagt dabei Sätze wie „Investieren heißt, ein Unternehmen zu verstehen“ und „Aktionäre sollten sich immer der Risiken bewusst sein und langfristig denken“. Das klingt nicht nach Zockerei, sondern eher nach dem Einmaleins der Börse. Vielleicht ist es aber auch genau das, was die Aktionäre vom neuen Chef hören wollen: In Zeiten geopolitischer Verwerfungen und Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt bleibt Berkshire ein Stabilitätsanker – vorerst.

Josh aus Alabama fängt früh mit dem Investieren an

Abel übersteht die Feuerprobe

Je länger Abel spricht, desto deutlicher wird allerdings: Aus dem Schatten Buffetts zu treten, wird ziemlich schwierig. Zwar blickt er auf eine jahrzehntelange Karriere im Konzern zurück. Doch im persönlichen Auftreten, das wird in Omaha deutlich, fehlt das gewisse Etwas. Der verschmitzte Humor, für den Buffett bekannt ist, fehlt bei Abel. Was er auf der Bühne vorträgt, klingt grundsolide. Weder lässt sich Abel durch kritische Fragen von Klimaaktivisten aus dem Publikum noch von brüllenden Anti-Israel-Demonstranten vor der Halle aus der Ruhe bringen.

Doch bis die Aktionärsgemeinschaft Abel ins Herz schließen wird, wie sie es einst bei Buffett getan hat, dürfte wohl noch einige Zeit vergehen. Schon einige Minuten nach seiner Vorstellung regt sich Unruhe in der Halle. Teile des Publikums driften ab, als der neue Chef über die Kennzahlen des Geschäfts referiert.

Auch wirtschaftlich steht in Omaha einiges auf dem Spiel. Aktuell verfügt Berkshire über rund 397 Milliarden Dollar an Bargeld und liquiden Mitteln. Allein das macht die Firma zu einem der mächtigsten Kapitalakkumulatoren der Welt. 2025 kamen die operativen Gewinne auf 44,5 Milliarden Dollar, nach 47,4 Milliarden Dollar im Jahr 2024; die Nettogewinne lagen 2025 bei 67,0 Milliarden Dollar nach 89,0 Milliarden Dollar im Vorjahr.

Das erste Quartal, das Abel verantwortet, stimmt jedenfalls positiv. Die operativen Gewinne lagen mit 11,3 Milliarden Dollar fast 18 Prozent über dem Vorjahreswert. Der Nettogewinn stieg in den ersten vier Monaten auf rund 10,1 Milliarden US-Dollar und hat sich damit mehr als verdoppelt. Allerdings schwächelte die Aktie zuletzt. Viele Anleger hoffen deshalb auf den perfekten Moment, sich einzukaufen oder den Bestand aufzustocken.

Und dafür braucht es das nötige Kleingeld. Die B-Aktie ist für derzeit rund 404 Euro zu haben. Damit ist man als Aktionär aber so gut wie nicht stimmberechtigt. Die Stammaktie schlägt aktuell mit 606.500 Euro zu Buche – nach wie vor der weltweit höchste Wert.

Gerade diese Zahlen erklären, warum Buffett über Jahrzehnte als Ausnahmefigur galt. Er war nicht einfach Vorstandschef, sondern der Architekt einer regelrechten Wohlstandsvermehrungs-Maschine. Sein Abgang hat deshalb eine doppelte Bedeutung. Erstens verliert Berkshire seine Galionsfigur. Zweitens endet ein Vertrauensvorschuss, der fast schon institutionell war: Anleger kauften Berkshire nicht nur wegen der Zahlen, sondern wegen des Mannes, der sie las.

Buffett kritisierte Trump wegen Zöllen

Zuletzt jedoch regten sich auch Zweifel am goldenen Händchen Buffetts. Er selbst sagt im Interview mit dem Sender CNBC am Rande der Hauptversammlung: „Ich verstehe viele Firmen nicht mehr, so wie ich sie noch vor zehn Jahren verstanden habe.“ Der Markt habe sich im Zuge des Aufstiegs der Künstlichen Intelligenz rasant verändert.

Und der 95-jährige Buffett, das ist kein Geheimnis, kommt bei vielen Entwicklungen nicht mehr mit. Zwar ist Berkshire zweitgrößter Anteilseigner von Apple – Firmenchef Tim Cook wird in Omaha mit Standing Ovations bejubelt –, doch von vielen anderen Tech-Firmen hat Buffett die Finger gelassen, steigenden Börsenkursen zum Trotz. Er selbst sagt, er habe zwar ein Smartphone, das er aber kaum nutze. Und im Restaurant zahle er am liebsten bar.

Greg Abel übernimmt nun ein Unternehmen, das finanziell stark, aber im Zuge des KI-Booms verwundbarer ist. Der in Alberta geborene Abel hat seine Karriere nicht an der Wall Street begonnen, sondern in der Energiebranche und als Rechnungswesen-Profi. Medienberichte beschreiben ihn als wenig charismatisch, dafür sehr belastbar. In der Konzernlogik ist die Personalie durchaus konsequent.

Nicht etwa ein Newcomer aus dem Silicon Valley mit Zocker-Mindset soll Berkshire in die Zukunft führen, sondern einer, der im Haus durch Leistung aufgestiegen ist. Einer, den sie kennen, hier im Mittleren Westen der USA. Abel führte mehrere Jahre MidAmerican, das später in Berkshire Hathaway Energy umbenannt wurde. 2018 ernannte Buffett ihn zum stellvertretenden Vorsitzenden für die Nicht-Versicherungssparte.

Politische Stellungnahmen verkneift sich Abel bisher – was nicht selbstverständlich ist angesichts des Kurses im Weißen Haus. Buffett hingegen hatte sich wiederholt kritisch zu Donald Trumps Zollpolitik geäußert. Denn Zölle wirken für Berkshire nicht abstrakt, sondern konkret: Sie verteuern Vorprodukte, drücken Margen, erhöhen Planungsunsicherheit und erschweren Investitionen in genau jenen Sektoren, die Berkshire so stark machen.

Nun kommen die Auswirkungen des Iran-Kriegs dazu. Abel sagt das nicht direkt, aber anders als die Tech-Konzerne in Kalifornien und Texas ist Berkshire stärker abhängig von einer funktionierenden Realwirtschaft. BNSF lebt von Güterverkehr und Industrieproduktion, die Versicherungsparte ist auf Preisstabilität angewiesen. Wenn politische Unsicherheit zunimmt und die Wirtschaft unter Handelskonflikten leidet, dürfte sich das bei Berkshire unter der Oberfläche bemerkbar machen.

Gaurav Agrawal denkt über einen weiteren Aktienkauf nach

Ein Steuermann, der das Unternehmen durch ein unsicheres makroökonomisches Umfeld lenkt, wird Abels große Aufgabe – ohne dabei die Symbolkraft eines Warren Buffetts zu haben. Weg vom Personenkult und Vertrauen in die Weisheit des Altmeisters hin zu den potenziellen Investitionsfeldern der Zukunft. Berkshire Hathaway bleibt ein Ausnahmeunternehmen. Doch das Ende einer Ära markiert gleichzeitig den Beginn einer Bewährungsprobe.

Für einige der Aktionäre hat er sie vorerst bestanden. Gaurav Agrawal beispielsweise, der im kalifornischen Los Altos in der Finanzsparte von Apple arbeitet. „Bei Berkshire geht es ums Langfristige. Ich vertraue der Firmenphilosophie und ich vertraue den Führungsqualitäten von Abel“, sagt er. Seit einigen Jahren sei die Hauptversammlung ein Pflichttermin für ihn. Und wenn es sein Konto zulässt, sagt er, dann werde er bald eine weitere Aktie nachkaufen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.

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