„Wir wissen, wie Integration funktioniert“
Vom ersten Stahlschnitt Ende 2021 bis zur Ablieferung der Korvette „Lübeck“ an die Deutsche Marine werden letztlich mehr als fünf Jahre vergangen sein. Diese Spanne ist viel zu lang in einer Zeit, in der vor allem ferngesteuerte Waffen – Drohnen für den Einsatz auf See, in der Luft und zu Land – quasi im Monatsrhythmus weiterentwickelt werden. Es muss schneller gehen.
Am Mittwoch ließ der führende deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall auf der Werft Blohm+Voss die 89 Meter lange „Lübeck“ taufen. Sie ist das fünfte und letzte Boot des sogenannten zweiten Loses – der zweiten Serie – K130 für die Deutsche Marine. Erstmals trägt nun Rheinmetall Verantwortung bei einem großen Beschaffungsprogramm für die deutschen Seestreitkräfte in einem weit fortgeschrittenen Stadium. Anfang März hatte Rheinmetall vom Bremer Werftunternehmen Lürssen dessen Marinesparte NVL übernommen, die samt Management und Belegschaft nun als Rheinmetall-Division Naval Systems firmiert. Die neuen Korvetten werden durch die Arbeitsgemeinschaft K130 unter Federführung von Naval Systems in Zusammenarbeit mit den Werften TKMS und German Naval Yards Kiel gefertigt.
Mit dem Einstieg in den Marineschiffbau hat Rheinmetall auch alle Problem dieser sehr speziellen Waffengattung übernommen. Kein Waffensystem der Bundeswehr ist so komplex wie Kampfschiffe. Beim zweiten Los der K130 gab es teils jahrelange Verzögerungen beim Bau und bei der Nachrüstung der Schiffe, vor allem auch, weil nach Russlands Überfall auf die Ukraine die digitalen Systeme der Korvetten überarbeitet werden mussten, unter anderem für eine bessere Drohnenabwehr.
Seit dem Vertragsabschluss für das zweite Los K130 im Jahr 2017 habe man „teils mit gravierenden Verzögerungen gekämpft, und wir waren nicht immer einer Meinung“, sagte Jürgen Giefer, Direktor beim Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw). In den kommenden Jahren sollen alle insgesamt zehn Korvetten K130 fortlaufend vor allem digital modernisiert werden, für eine bessere Erkennung und Bekämpfung von Drohnen, eine insgesamt höhere digitale Leistungsfähigkeit und eine bessere Abschirmung der digitalen Systeme.
Rheinmetall-Konzernchef Armin Papperger sagte der WELT AM SONNTAG, die Integration der insgesamt vier Marinewerften von Lürssen sei für den Konzern ein wichtiger Schritt in ein neues Marktsegment. Mit den Mitteln von Rheinmetall werde man den Bau von Kampfschiffen deutlich beschleunigen. „Wir werden hier eine Digitalisierungsoffensive starten, gemeinsam mit dem öffentlichen Auftraggeber.“ Rheinmetall betreibe allein in Deutschland 70 Werke, „und mit den Marinewerften kommen nun noch einige hinzu. Wir wissen, wie Integration funktioniert.“
In den „kommenden drei bis vier Monaten“ hoffe man, vom Bund den Auftrag für den Bau der nächsten Fregattengeneration F126 zu bekommen. Dem niederländischen Marinewerftunternehmen Damen Naval war es im Verlauf der vergangenen Jahre nicht gelungen, den Bau dieser sechs Großkampfschiffe zeitgerecht voranzubringen. Der Bund entzog Damen Naval 2025 den Auftrag als Generalunternehmer, Rheinmetall soll das Projekt nun fertigstellen. Man plane, die erste F126 „im Jahr 2031 abzuliefern“, sagte Papperger.
Blohm+Voss soll im Gefüge der Marinewerften von Rheinmetall das Zentrum für die Endfertigung großer bemannter Schiffe und zugleich für die Produktion unbemannter Marinefahrzeuge sein. „Blohm+Voss, bereits heute der wichtigste Standort für die Endausrüstung deutscher Marineschiffe, werden wir zum führenden Technologiezentrum für autonome und unbemannte Überwassersysteme entwickeln“, sagte Papperger. Die Zahl der Mitarbeiter bei Blohm+Voss soll von heutzutage 650 in den kommenden Jahren auf bis zu 1000 steigen, hinzu kommen in Hamburg 120 Menschen bei der Reparaturwerft Norderwerft.
In Kiel will Rheinmetall zudem die Werft von German Naval Yards übernehmen. Man betreibe bereits eine vertiefende Prüfung der Werft, eine sogenannten „Due Diligence“, und hoffe auf eine Einigung noch in diesem Jahr, sagte Papperger. German Naval Yards gehört zum französischen Familienkonzern CMN Naval.
In Emden startete, ebenfalls am Mittwoch, die diesjährige Nationale Maritime Konferenz. Die Sicherheit der globalen Schifffahrtsrouten und die Schlagkraft der deutschen und europäischen Marinen – etwa beim Schutz der kritischen Infrastruktur – ist dort eines der zentralen Themen.
Der Bund rechnet wegen der wachsenden Bedeutung der seeseitigen Wirtschaft und Rüstung mit einem Boom bei den Arbeitsplätzen vor allem an den Küsten: beim militärischen und zivilen Schiffbau, beim Ausbau der Offshore-Windkraft und der Expansion der Seehäfen. „Die Nationale Maritime Konferenz macht deutlich, wie wichtig die maritime Wirtschaft für die Souveränität, Sicherheit und Resilienz Deutschlands ist“, sagt der maritime Koordinator des Bundes, der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph Ploß. „Mit der Ausweitung der maritimen Forschungsprogramme und der Aufnahme des Schiffbaus in das Großbürgschaftsprogramm des Bundes schaffen wie die Grundlage dafür, dass in den nächsten Jahren über 100.000 zusätzliche Arbeitsplätze in der maritimen Industrie entstehen können.“
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagt: „Die maritime Wirtschaft ist zentral für unseren Industriestandort, für unseren Export und für unsere Sicherheit. Ohne stabile Lieferketten und sichere Seewege funktioniert unsere Wirtschaft nicht. Deshalb brauchen wir eine starke maritime Infrastruktur und modernste Technologien.“
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften.
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