Die Rente ist schon jetzt nur eine Basisabsicherung
Die große Aufregung über den Renten-Satz des Bundeskanzlers habe ich nicht ganz verstanden. Er mahnte auf einer Festveranstaltung des Bankenverbands: „Die gesetzliche Rente allein wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter. Sie wird nicht mehr ausreichen, um den Lebensstandard zu sichern.“ Damit spielte er auf die Notwendigkeit von Reformen an und betonte noch einmal, wie wichtig zusätzliche Vorsorge ist, besonders das betriebliche private Alterssparen. Prompt hagelte es Kritik von allen Seiten: Zuerst von SPD-Chefin Bärbel Bas und von der IG Metall, dann auch vom Sozialflügel der CDU sowie von der christlichen Arbeitnehmerschaft (CDA) und den Senioren der CDU.
Sie alle wollten die Worte des Kanzlers so verstehen, als würde die Rente unter seiner Ägide künftig so weit abgeschmolzen, dass sie gerade einmal eine Art Grundsicherungsfunktion im Alter erfülle. Gegen ein „Runterrasieren“ der Rente kündigte SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf prompt „erbitterten Widerstand“ an. Man müsse aufhören, den Menschen Angst zu machen, wetterte auch der Arbeitnehmerverband CDA. Und SPD-Chefin Bas betonte: „Eine ordentliche Rente nach einem Leben voller Arbeit ist eine Frage der Leistungsgerechtigkeit.“ Sie sagte auch: „Die Menschen sollten von ihrer Rente leben können.“
Grundsätzlich kann man solchen Aussagen natürlich nur zustimmen. Trotzdem regen mich diese Sätze auf, denn: Erstens hat Merz von einer Kürzung der Rente oder einem Herunterfahren der Rente auf eine Grundsicherung überhaupt nicht gesprochen – das stellte er am Wochenende auch noch einmal ganz klar. Und zweitens malt der Kanzler hier mitnichten eine dunkle Zukunft aus, sondern er fasst nur zusammen, was in der Gegenwart schon gilt. Denn wenn man ehrlich ist, dann können schon heute die allerwenigsten Ruheständler allein von der gesetzlichen Rente leben.
Von der Rente heute können viele kaum die Miete zahlen
Man muss sich nur einmal die Zahlen der Rentenstatistik ansehen, dann merkt man, dass Friedrich Merz im Grunde nicht über die Zukunft gesprochen hat, sondern über das Heute. Denn schon heute gilt, dass die gesetzliche Rente eher eine Basis ist – wenngleich auch eine recht breite und stabile. Momentan bekommen Männer am Ende eines durchschnittlichen Arbeitslebens (also nach 42 Jahren Berufstätigkeit mit durchschnittlichem Vollzeitgehalt) im Schnitt rund 1400 Euro Rente ausgezahlt. Frauen erhalten durchschnittlich 930 Euro (sie arbeiten im Schnitt 33 Jahre zu leicht unterdurchschnittlichem Einkommen). Und es ist nicht übertrieben zu sagen: Davon kann man sich schon heute in einer größeren Stadt kaum noch eine Wohnung leisten. Geschweige denn die übrigen Lebenshaltungskosten.
Wer also keine zusätzlichen Einkünfte hat, die sich im Rentenalter auf diesen Basisbetrag stapeln, der wird schon jetzt Mühe haben, ordentlich leben zu können. Den allermeisten Menschen im höheren Alter ist das auch bewusst, also ab etwa 40 Jahren. Nicht umsonst sagt aktuell eine Zweidrittelmehrheit der Befragten laut einer repräsentativen Umfrage des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW: Zusätzliches Rentensparen sei notwendig, und sie würden es auch praktizieren.
Interessant ist, dass selbst von dieser Zweidrittelmehrheit, die bereits spart und zudem gesetzliche Rente erhalten wird, dennoch etwa jeder Dritte glaubt, es sei unwahrscheinlich, dass er sein persönliches Wunschrentenniveau erreichen werde. Die Wunschrente ist dabei übrigens alles andere als utopisch hoch angesetzt: Im Mittel nennen die Befragten als Ziel, im Alter 75 Prozent ihres jetzigen Nettoeinkommens zur Verfügung zu haben. Das wäre also die Idealrente, auf die sich all ihre Renteneinkünfte addieren sollten, also gesetzliche Rente, betriebliche Rente und Erträge aus privaten Sparverträgen oder Vermietungen. Als Mindestziel streben die Befragten 54 Prozent des Netto an. Mit weniger wollen sie nicht leben.
Wie viel also ist das – und wie weit sind die Beschäftigten wirklich von diesem Ziel entfernt? Zuerst ein Blick auf das Durchschnittseinkommen: Das beziffern die Daten des Statistischen Bundesamts und Wirtschaftsforschungsinstitute hierzulande auf rund 4100 bis 4300 Euro brutto im Monat für einen Vollzeitarbeitsplatz. Das Nettoeinkommen liegt demnach im Median bei etwa 2750 Euro, das heißt: Jeder zweite Vollzeitbeschäftigte hierzulande verdient mehr, die andere Hälfte weniger. Und dieses Nettoeinkommen gilt „bedarfsgewichtet“, es ist also unabhängig davon, wie viele Personen im Haushalt leben, denn es gilt pro Kopf für jede Person im Haushalt. 2750 Euro monatlich sind also jene 100 Prozent des Nettogehalts, von denen sich die Befragten künftig 75 Prozent als Rente wünschen. Die Idealrente läge also bei 2062 Euro.
Wie kommt die Bundesregierung auf 2072 Euro?
Vergleicht man das mit den mittleren Auszahlungsbeträgen für Frauen und Männer mit Altersrente (hier sind also die vielen kleineren Rentenzahlungen wegen Erwerbsminderung oder Witwerschaft nicht mit eingerechnet, sondern wirklich nur die Renten aus langjähriger Arbeit), so ist die gesetzliche Rente von knapp 1000 beziehungsweise 1400 Euro schon heute weit von diesen rund 2000 Euro entfernt. Kritiker sollten also nicht so tun, als sei die gesetzliche Rente noch immer auskömmlich. Stattdessen errechnet die Bundesregierung aber alljährlich für ihren Rentenbericht ein „Gesamtversorgungsniveau“, das sich aus gesetzlicher und Riesterrente zusammensetzt, und behauptet darin: 2072 Euro bekomme der Durchschnittsbürger allein aus diesen beiden Quellen. Wie sie darauf kam?
Sie habe eine „theoretische Größe“ ermittelt, so erklärt sie selbst, und habe dafür erstens die Standardrente zugrunde gelegt, die Vollzeitbeschäftigte nach 45 Arbeitsjahren erhalten, wenn sie jedes Jahr exakt den Durchschnittslohn beziehen. Das ergäbe aktuell knapp 1900 Euro Rente. Zweitens ging sie davon aus, dass die Beschäftigten Riesterverträge besparen würden, und zwar mit 4 Prozent ihres Bruttoeinkommens und mit 4 Prozent Verzinsung. Das brächte noch einmal zusätzlich 180 Euro.
Tatsächlich aber arbeiten Bundesbürger erstens weniger lang. Zudem starten sie fast immer mit unterdurchschnittlichen Löhnen in den Beruf, verdienen also etliche Jahre unterdurchschnittlich. Und Riestersparer sind zweitens nicht einmal ein Viertel aller Beschäftigten, die zudem kaum zwei Prozent ihres Brutto in solche Verträge stecken, die auch keine 4 Prozent nach Kosten abwerfen. Im Schnitt kommen daher gerade einmal 75 Euro im Schnitt aus einem Riestervertrag heraus. Solche Theorierechnungen gehen also an der Praxis vorbei.

Reich in Rente So wird man Millionär bis zur Rente
capitalDie tatsächlichen Erträge aus Riester hieven die tatsächlichen Durchschnittsrentner (laut Mittelwert der ausgezahlten Altersrenten) gerade einmal auf gut 1000 Euro, wenn sie weiblich sind, und auf knapp 1500 Euro, wenn sie männlich sind. Das tatsächliche Versorgungsniveau ist also weitaus tiefer als das theoretische Versorgungsniveau, mit dem die Regierung rechnet. Zumindest was die überbordende Mehrheit der Bevölkerung angeht.
Trotzdem schaffen es sehr viele Rentner, recht auskömmlich zu leben. Weil schon heute die gesetzliche Rente nur 53 Prozent aller Einkünfte von Seniorenhaushalten ausmacht, so steht es im Rentenbericht der Regierung. Das ist also gerade einmal die Hälfte. Oder, wenn man es in Friedrich Merz‘ Worten ausdrücken will: die Basis. Knapp ein Viertel der Einkünfte dagegen stammen aus „anderen Alterssicherungssystemen“, wie der Betrieblichen Altersversorgung, aus Versorgungswerken oder Pensionskassen. Weitere 6 Prozent des Einkommens stammen aus privaten Sparverträgen, Rentenversicherungen oder Fondssparplänen. Und ein gehöriger Teil von 15 Prozent sogar aus Erwerbseinkommen, weil immer mehr Menschen über 65 Jahren noch arbeiten. Oder jüngere Partner haben, die weiterarbeiten.
Wer ehrlich über die Rente reden und sie reformieren will, sollte daher nicht so tun, als ob die gesetzliche Rente heute „ordentlich“ sei und von „Leistungsgerechtigkeit“ zeugen würde. Er sollte sich schon gar nicht entrüsten, wenn jemand mahnt, das Geld aus der staatlichen Rentenkasse werde allein nicht reichen. Stattdessen sollte er lieber dazu beitragen, dass sich Beschäftigte aus eigener Kraft weitere Alterseinkünfte aufbauen können, weil ihnen schon heute mehr Netto vom Brutto übrigbleibt. Damit sie in Betriebsrenten einzahlen, ins geförderte Altersvorsorgedepot oder in private Fondssparpläne. Damit sie die Hilfe des Kapitalmarkts nutzen können. Denn der wird sogar dann Erträge abwerfen, wenn die Politik noch Jahre überlegt, wie sie das gesetzliche System reformiert bekommt.
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