Energiepreise? „Was Lebensmittel betrifft, gibt es bis jetzt nullkommanull Konsequenzen“
Deutschlands Verbraucher haben angesichts des Krieges im Nahen Osten Angst vor weiter stark steigenden Preisen. Laut einer aktuellen Umfrage des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV) fürchten 58 Prozent der Menschen, dass sie sich künftig im Alltag finanziell einschränken müssen, weil nach Benzin, Diesel und Heizöl zum Beispiel auch Lebensmittel und Getränke deutlich teurer werden.
Während die Ernährungsindustrie mit Verweis auf höhere Kosten für Energie und Logistik tatsächlich vor genau solch einem Szenario warnt, versucht Lionel Souque, der Vorstandschef des Handelsriesen Rewe Group, nun zu beruhigen. „Was Lebensmittel betrifft, gibt es bis jetzt nullkommanull Konsequenzen“, sagte er im Gespräch mit WELT.
Es gebe derzeit auch keine Anzeichen, dass sich das ändert. „Wir haben zurzeit keine Forderung nach Preiserhöhungen auf dem Tisch seitens der Industrie“, berichtet Souque. Die Situation sei aber auch eine völlig andere als noch bei Ausbruch des Ukraine-Krieges, als viele Rohstoffe wie Getreide oder Sonnenblumen betroffen waren und in der Folge die Rohstoffpreise stark gestiegen sind. „Mit dem Rohstoffargument wird also keiner kommen können.“ Ohnehin gebe es nur drei Rohstoffe, die überhaupt wichtig sind in der Region: Safran, Pistazien und Rosinen. Und das seien allesamt keine wesentlichen Rohstoffe für die Lebensmittelmärkte in Deutschland.
Rewe-Inflation soll bei einem Prozent liegen
Dass die hohen Dieselpreise den Transport verteuern und es zudem auch Auswirkungen auf die meist energieintensive Herstellung von Verpackungen aus Papier, Aluminium oder Plastik geben kann, ficht Souque nicht an: „Bei den Verpackungspreisen wird das aber noch ein bisschen dauern. Und da muss man nicht gleich ‚Ja‘ sagen.“ Außerdem müsse der Konflikt dafür noch länger dauern. Aktuell liege die Inflation in den Rewe-Supermärkten kumuliert bei einem Prozent. Gleichwohl bleibe man wachsam.
Sinkende Nachfrage sieht Souque bislang nicht bei Lebensmitteln. Und im Falle von Preisschocks glaubt er auch eher an eine Verschiebung innerhalb der Sortimente. „Die Leute werden nicht weniger essen, sie werden vielleicht weiterhin, was schon der Trend ist, von Markenartikeln zu Eigenmarken wechseln und mehr in der Aktion kaufen“, sagt er.
Die Rewe Group gehört dabei zu den ersten Anlaufstellen. Das zeigen die vorläufigen Geschäftszahlen der Unternehmensgruppe, zu der hierzulande neben der Supermarktkette Rewe und dem Discounter Penny auch die Baumarktkette Toom und der Touristikanbieter Dertour mit Marken wie Dertour, Jahn Reisen, ITS und Meiers Weltreisen gehören. 2025 wurde erstmals die 100-Milliarden-Grenze beim Umsatz geknackt. Auf 100,4 Milliarden Euro belaufen sich die Einnahmen.
Laut Souque haben alle Geschäftsfelder zu dieser Entwicklung beigetragen. Das Segment Handel Deutschland ist dabei das mit Abstand größte mit einem Umsatz von im vergangenen Jahr 42,5 Milliarden Euro. Weitere 21,1 Milliarden entfallen auf Lebensmittelmärkte jenseits der Grenze, allen voran in Österreich mit den Marken Billa, Bipa und Adeg.
Unter dem Strich steht ein Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro. Und das liegt rund ein Viertel niedriger als im Vorjahr. Der Jahresüberschuss hat sich sogar nahezu halbiert auf 525 Millionen Euro. „Damit haben wir gerechnet und geplant“, wiegelt Telerik Schischmanow ab. Der Finanzvorstand der Rewe Group verweist auf die Einführung eigener Kunden-Vorteilsprogramme in Deutschland. „Damit haben wir gezielt in unsere Zukunftsfähigkeit und die Absicherung unseres langfristigen, profitablen Wachstums investiert.“ Seinen Angaben zufolge nutzen aktuell elf Millionen Verbraucher Rewe Bonus und sieben Millionen Kunden das Pendant von Penny.
Außerdem hätten das volatile wirtschaftliche Umfeld, laufende Kostensteigerungen bei Personal- und allen wesentlichen Sachkosten sowie der harte Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel die Ergebnisentwicklung mitgeprägt.
Die Gesamtinvestitionen in Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit beziffert der Finanzchef auf rund 2,5 Milliarden Euro. Schwerpunkte waren dabei über die Bonusprogramme hinaus zum Beispiel Digitalisierung und KI, eine Verbesserung der Infrastruktur von IT über Logistik bis zu den Lagern, aber auch Filialmodernisierungen und zusätzliches Immobilien-Eigentum.
Aktuell steht das rund 6000 Läden umfassende Filialnetz ohnehin im Fokus. Denn Rewe plant die Übernahme von bis zu 40 Märkten des vor allem in Hessen tätigen Konkurrenten Tegut. Einen entsprechenden Kaufvertrag hat der Branchenriese mit Tegut-Eigentümer Migros unterzeichnet. Die Schweizer Genossenschaft will sich aus Deutschland zurückziehen und Tegut verkaufen. Allerdings steht der Deal noch unter Vorbehalt, das Bundeskartellamt muss zustimmen. Gibt die Behörde grünes Licht, will Rewe den Großteil der bislang nicht näher spezifizierten Standorte selbst betreiben und die übrigen an Penny abgeben.
In Summe betreibt Tegut bundesweit rund 300 Märkte. Allein zwei Drittel davon hat sich Rewe-Konkurrent Edeka gesichert, inklusive Logistikzentrum und 40 Teo-Märkten, das sind kleine Smartstores mit weniger als 1000 Artikeln und ohne Verkaufspersonal. Aber auch hier geht nichts ohne Kartellfreigabe. Und das ist kein Selbstläufer. Rechtsexperten zeigen sich jedenfalls kritisch. Rupprecht Podszun etwa, Kartellrechtler der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, hält es mit Verweis auf die schon jetzt hohe Marktkonzentration im Lebensmitteleinzelhandel für möglich, dass die Wettbewerbshüter eines der Vorhaben oder sogar beide untersagen.
Edeka warnt bereits vor einem solchen Szenario. „Eine Untersagung der Übernahme der Tegut-Filialen durch Edeka und andere große deutsche Lebensmitteleinzelhändler hätte gravierende Folgen für die Versorgung der Verbraucher sowie für Tausende Arbeitsplätze, da Standortschließungen drohen“, sagt ein Konzernsprecher. Es gebe schlicht keine anderen potenziellen Käufer als die großen deutschen Lebensmitteleinzelhändler. „Ausländische Investoren scheuen den Markteintritt in den deutschen Markt, da dieser so wettbewerbsintensiv und von niedrigen Margen geprägt ist.“ Und inländische, mittelständische Unternehmen können nicht effizient genug agieren, um Tegut-Standort-Pakete zu übernehmen.
Rewe-Chef Souque glaubt nicht an Probleme mit dem Kartellamt und verweist auf das Verhältnis von 40 Läden, die er kaufen will, zu 6000, die es schon gibt. „Das Risiko für Edeka ist viel höher“, so Souque. „Wir sind kleiner als Edeka und nehmen fünfmal weniger Märkte.“ Sollte es dann bei Edeka tatsächlich ein Veto der Behörden geben, stehe Rewe bereit. „Ich sage es ehrlich: Ich hätte gerne ein paar mehr gekauft.“ Am Ende sei er aber mit jeder Entscheidung des Kartellamts einverstanden.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie Mittelstandsunternehmen.
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