Zur Entlastung der Bürger von gestiegenen Energiepreisen hat die Bundesregierung eine 1000-Euro-Prämie in Aussicht gestellt, die Unternehmen ihren Angestellten steuerfrei zahlen können. Doch in der Wirtschaft kommt diese Art der Politik schlecht an. Unternehmerin Janine Kordes aus Schleswig-Holstein sieht für diese Prämie derzeit gar keinen Spielraum.

Die 49-Jährige führt das mittelständische Chemieunternehmen „Kieler Seifen“ mit zehn Mitarbeitern. Die Firma produziert und vertreibt seit 30 Jahren Gastronomie- und Industriereiniger, seit zwölf Jahren auch Haushaltsreiniger für Privatkunden.

WELT: Frau Kordes, was stört Sie an der 1000-Euro-Prämie?

Janine Kordes: Die Regierung macht ein Geschenk auf Kosten der Unternehmer. Sie sagt, die Arbeitgeber zahlen die Prämie und können sich diese dann zurückholen. Unternehmen erhalten die Prämie aber nur indirekt über die Steuer zurück, indem sie als Ausgabe berücksichtigt wird und der Gewinn gemindert wird – wenn überhaupt ein Gewinn vorhanden ist. Ich frage mich, ob es sinnvoll ist, eine Prämie in Aussicht zu stellen, die die meisten Unternehmen nicht einfach so mal eben zahlen können.

WELT: Könnten Sie denn Ihren Mitarbeitern 1000 Euro extra bieten?

Kordes: Aktuell nicht. Wir haben noch coronabedingte Verpflichtungen, die wir abzahlen müssen. Sollte sich mein Geschäftsfeld absolut großartig entwickeln, würde ich das aber gerne tun. Absehbar ist das aber nicht.

WELT: Stehen Ihre Mitarbeiter schon in ihrem Büro und fordern das Geld ein?

Kordes: Nein, zum Glück nicht. Wir sind sehr transparent. Sie wissen, in welcher Lage wir uns befinden. Alle sind froh, dass wir überhaupt noch am Markt sind.

WELT: Die Prämie ist freiwillig, sie müssen Sie ja nicht zahlen.

Kordes: Die Maßnahme geht an der Realität vorbei. Es ist doch bekannt, wie die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist. Viele Unternehmen werden die Prämie nicht zahlen können. Ich war am Wochenende beim Fußballspiel von Holstein Kiel und auf einem Empfang im Rathaus und habe dort mit vielen Unternehmern gesprochen: Handwerk, Gewerbe, Dienstleistung – nur einer hat gesagt, dass er die Prämie zahlen kann und will. Mich wundert, dass die Regierung das nicht mitbekommt.

WELT: Wie erleben Sie die wirtschaftliche Lage?

Kordes: Wir fliegen in Schleswig-Holstein nie so ganz hoch, fallen aber auch nicht so tief. Das hilft uns. Aber auch in meinem Umfeld hat es schon Insolvenzen gegeben. Und das macht mich betroffen. Ich muss auch sagen: Hätte ich nicht im letzten Jahr privates Geld in mein Unternehmen gesteckt, wäre ich jetzt vielleicht nicht mehr da.

WELT: Wieso? Geputzt werden muss doch auch in der Krise, oder?

Kordes: Wir haben keine Umsatzeinbußen, aber steigende Kosten durch Lieferschwierigkeiten oder Sanktionen. Wir sind auf Vorprodukte angewiesen, die aus dem Ausland kommen, zum Beispiel aus China oder Brasilien. Da geht es um Laugen oder Säuren, aus Fabriken, die in Europa gar nicht mehr gerne gesehen sind, weil sie uns zu schmutzig sind. Ich kann die gestiegenen Kosten aber durch langfristige Verträge nicht an meine Kunden weitergeben. Und selbst wenn, dann treffe ich die Gastronomie.

WELT: Wie spüren Sie die Krise noch?

Kordes: Im Privatkundengeschäft merke ich auch, dass meine Reinigungsmittel, die etwas teurer sind als andere, weniger gekauft werden. Ich produziere aber nicht in Polen, sondern hier in Deutschland. Ich sichere hier Arbeitsplätze. Und ich betreibe nebenbei noch einen kleinen Online-Teehandel. Dort sind die Umsätze zurückgegangen. Die Leute geben kein Geld mehr aus. Das merken auch meine Kunden in der Gastronomie. Wer Angst hat, geht nicht essen.

WELT: Warum läuft es denn in Deutschland seit Jahren wirtschaftlich so schlecht?

Kordes: In Deutschland wollen wir alles immer superduper oberkorrekt machen. Wir füllen Excel-Tabellen aus, weil wir nachweisen müssen, wie viele Kartons wir verwenden, und weil dann dafür irgendwo Bäume aufgeforstet werden müssen. Wir haben die Vorgaben aus dem Lieferkettengesetz. Ich kann fast einen Mitarbeiter beschäftigen, der nur irgendwelche Excel-Tabellen ausfüllt. Das hört man aus anderen EU-Ländern so nicht.

WELT: Was würden Sie sich von der Regierung wünschen, um die Unternehmen zu entlasten?

Kordes: Ich wünsche mir, dass sie sich ernsthaft wieder mit der Wirtschaft an einen Tisch setzt. Die Bundesregierung sollte sich nicht nur mit Konzernen austauschen, sondern auch mit der IHK und anderen Dachverbänden. Ich maße mir keine konkreten Forderungen an, aber gut finde ich den Vorschlag des schleswig-holsteinischen Wirtschaftsministers Claus Ruhe Madsen. Er fordert einen bis zu 2000 Euro steuerfreien Bonus für Überstunden. Das würde auch die Produktivität steigern.

WELT: Sie haben Ihre Kritik an der Bundesregierung auch in einem Video deutlich gemacht, das auf Instagram und TikTok viral gegangen ist und mehr als sechs Millionen Mal gesehen wurde. Wie war die Resonanz?

Kordes: Ich bin ehrlich überwältigt. Auch sehr viele Arbeitnehmer sagen, ihre Arbeitgeber können die Prämie nicht zahlen – sogar viele Konzerne nicht. Das ist bezeichnend. Was mich besorgt, sind die vielen blauen Herzchen und die vielen Aufrufe zur Wahl der AfD.

WELT: Warum?

Kordes: Ich bin persönlich nicht der Meinung, dass die AfD belastbare Lösungsansätze hat, die uns hier weiterhelfen würden, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Vieles, wie Steuersenkungen oder die Forderung, Atomkraftwerke zu reaktivieren, kommt gut an, ist letztlich aber heiße Luft. Ich appelliere daher an die Regierung, wieder an den Tisch zu kommen und Lösungen zu finden. Die realistisch sind, die aber wahrscheinlich uns allen wehtun werden. Jeder muss ein paar Haare lassen. Aber mit einem vernünftigen Konzept sind viele sicher wieder bereit, mitzuziehen.

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