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Bei einem Rundgang über die Hannover Messe hätten Friedrich Merz und Katherina Reiche die Versöhnung inszenieren können. Doch eine andere Frau stand dazwischen.

Als der Kanzler um 8.26 Uhr endlich die Halle 12 betritt, wird es hektisch. Sicherheitsleute stehen Spalier, drücken Kameraleute und Medienvertreter unsanft zur Seite, auch der ein oder andere CEO muss plötzlich springen. Merz erscheint gemeinsam mit dem brasilianischen Präsidenten Lula da Silva auf der Bühne der Hannovermesse, Brasilien ist in diesem Jahr das Partnerland. Dort wartet bereits seit einer halben Stunde Katherina Reiche, die Bundeswirtschaftsministerin. Sie war pünktlich um 8 am Treffpunkt, ist in ihren üblichen Stöckelschuhen zur Bühne gestakst, heute in einem auffällig cremeweißen Hosenanzug gekleidet – fast so, als wolle sie ein Zeichen setzen: An dem, was war oder was noch folgt, bin ich unschuldig. 

Es ist der erste gemeinsame Auftritt von Merz und Reiche, zumindest vor einem größeren Publikum, seit jener heiklen Woche nach Ostern, als Reiche die schwarz-rote Koalition an den Rand eines offenen Zerwürfnisses manövriert hatte. Damals hatte der Kanzler eingreifen müssen und Reiche öffentlich gerügt, er sei „befremdet“ von dem Schlagabtausch zwischen seiner Wirtschaftsministerin und dem Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil von der SPD. Merz mahnte Reiche sogar zur „Zurückhaltung“. 

Doch der Rüffel hatte einen bemerkenswerten Effekt: Statt Reiche zurück ins Glied der Koalition zu befördern – immerhin provoziert sie SPD und Teile von CDU und CSU immer wieder mit unanbgestimmten Initiativen und Vorschlägen – mobilisierte Merz ungewollt Reiches Unterstützer. Seither ist die Wirtschaftministerin, über deren Ablösung zuvor bereits munter spekuliert wurde, eine Symbolfigur für alle in der Union, denen Merz zu viel Merkelpolitik macht. Reiche ist heute quasi unkündbar. 

Merz dagegen schlägt in Hannover der Verdacht entgegen, als Kanzler verfolge er auch nur noch eine weichgewaschene Koalitionsräson, immer nur der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Union und SPD. So wie einst Merkel, was Merz immer scharf kritisierte. Nun begrüßt ihn ein CEO am Messestand in Hannover mit „Herr Merkel“, was Merz natürlich nicht besonders lustig zu finden scheint.

Reiche und Merz laufen gemeinsam über die Messe

An diesem Montag also ein erster gemeinsamer Auftritt und ein gemeinsamer Rundgang auf der größten Industriemesse der Welt mit über 4000 Ausstellern. Viele sind neugierig, wie sich der Kanzler und seine aufmüpfige Wirtschaftsministerin verhalten: Werfen sie sich heimlich genervte Blicke von der Seite zu, gibt es vergiftete Komplimente oder geht man betont freundlich miteinander um?  

Das Paar macht es einem an diesem Morgen nicht einfach. Wer ein Bild von den beiden erhaschen will, muss entweder kanzlergroß sein oder den Rundgang hüpfend verfolgen. Zudem setzt das Paar auf maximale Distanz. Während Merz und seine Entourage auf direktem Weg zu den vorher ausgewählten Unternehmen (Beckhoff, Phoenix Contact, Agile Robots) gehen, werden die Presseleute über Umwege im Zickzackkurs zu den Ständen geführt, die das Bundeskanzleramt vorher ausgeguckt hat.  

Nur, dass so manche Tour in einer Sackgasse landet, weil der Kanzler zwischendurch seine Route ändert oder der brasilianische Präsident lieber einen ganz eigenen Weg wählt. Manch Unternehmer wundert sich, wo der Merz denn nun bleibt. So hat man Zeit zu lernen, dass in Brasilien der drittgrößte Flugzeugbauer der Welt sitzt, das Land mit grünen Technologien auftrumpft und Deutschland bei der Dekarbonisierung helfen will. 92 Prozent des brasilianischen Stroms kommen aus erneuerbaren Energien. 

Merz grenzt sich ab

Doch Merz schafft es auf dem Rundgang trotzdem, deutliche Zeichen der Abgrenzung zu Reiche zu setzen. Denn die Hauptrolle an seiner Seite hat er heute einer anderen Dame zugedacht: Charlotte Merz, seine Ehefrau, begleitet ihn – oder eher noch: schirmt ihn ab. Dort, wo Reiche stehen könnte, steht sie. Sie hält die Ministerin auf Abstand, besser als jeder Bodyguard es könnte. So wendet sich mancher Unternehmer denn auch gleich an das Ehepaar Merz – statt an die Wirtschaftsministerin, die doch eigentlich für ihn zuständig wär. Frau Merz hält Stecker, blickt in Schaltkästen und darf einen humanoiden Roboter begutachten. Ab und zu hält auch die Wirtschaftsministerin ein Käbelchen, das wichtig ist, um ein Windrad zu steuern.

Für Reiche ist es eine äußerst unkomfortable Rolle. Öfter wird sie von den Fotografen gebeten, aus dem Bild zu treten, damit der Kanzler und seine Frau besser zu sehen sind. Die Wirtschaftsministerin macht sichtbar bemüht gute Miene zum bösen Spiel. Sie knipst ihr schönstes Lachen an und steht noch kerzengerader da als ohnehin schon. Nichts verrät, was sie von diesem Auftritt hält. 

Wahrscheinlich kann es ihr sogar egal sein. Seit dem Eklat mit Klingbeil und der Rüge durch Merz weiß sie schließlich: Der Kanzler muss sie halten, selbst wenn er eigentlich gar nicht mehr will. Denn er braucht ihren harten Wirtschafts-Kurs, um die CDU-Klientel nicht noch mehr gegen sich aufzubringen. Es ist eine stille Macht, die Reiche da hat, aber sie dürfte ihr gefallen.

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