DeepL wird zum Echtzeit-Dolmetscher
Die babylonische Sprachverwirrung bei der Produktdemonstration von DeepL ist gewollt. Leonardo Doin, Head of Voice beim Kölner KI-Übersetzer, trägt auf Portugiesisch vor; CEO Jaroslaw Kutylowski redet Polnisch; die Teilnehmer an der Produktdemo können gleichzeitig die deutsche Übersetzung auf ihren Smartphones mitlesen; und eine KI-Stimme erklingt simultan auf Englisch über Lautsprecher. Abgesehen von kleinen Aussetzern („Fireside Jet“ statt „Fireside Chat“) klappt das ziemlich gut; es unterstreicht, wie leistungsfähig die Übersetzungstechnologie von DeepL noch immer ist – und wie vielversprechend die neue Funktion ist.
Mit dem Voice-to-Voice-Feature ergänzen die Kölner ihr Produktportfolio, das laut CEO Kutylowski noch immer vor allem dazu dient, weltweit Sprachbarrieren abzubauen. Seit 2017 tut das aus der Vorgängerfirma Linguee hervorgegangene Unternehmen das höchst erfolgreich; obwohl zu den Konkurrenten im Übersetzungsmarkt Big Techs wie Google und Apple und seit Kurzem auch Chatbot-Anbieter wie OpenAI gehören, behauptet sich DeepL am Markt.
Seit 2023 und 2024 große US-Investoren eingestiegen sind und die Firmenbewertung auf 2 Milliarden Dollar getrieben haben, tritt DeepL auch anders auf: Aus dem Kölner Underdog ist ein Tech-Player mit globalem Anspruch geworden. Ein Börsengang in den USA gilt als möglich, vielleicht sogar noch in diesem Jahr; gleichzeitig klagten zuletzt Insider im „Handelsblatt“ über steigenden Druck und eine „Amerikanisierung“ des Unternehmens. Aber ganz ohne Wachstumsschmerzen kann eine Tech-Erfolgsstory vermutlich eben nicht geschrieben werden, erst recht nicht in diesem Markt.
DeepL: Eigenes Sprachmodell im Hintergrund
Denn dass die Konkurrenz nicht schläft, ist auch Kutylowski klar. Vor einigen Monaten hat Apple seinen AirPods die Fähigkeit zur Echtzeitübersetzung beigebracht, offenbar mit gemischten Ergebnissen. Das DeepL-Feature ist nun explizit für den Einsatz in Unternehmen gedacht, wo globale Teams in Meetings zusammenkommen oder Frontline-Arbeiter an unterschiedlichsten Einsatzorten Sprachbarrieren überwinden müssen. „Es ist ein umkämpfter Markt“, gesteht der DeepL-CEO ein. „Aber das war er schon immer.“ Absetzen will sich DeepL über die Qualität, hohe Geschwindigkeit und geringe Latenzzeiten.
Das Voice-to-Voice-Feature wurde nach Firmenangaben zwei Jahre lang entwickelt. Stolz sind die Kölner darauf, dass man die dahinter liegenden KI-Sprachmodelle komplett selbst gebaut habe und besitze: „Die ganze Technologie ist proprietär“, sagt Kutylowski. Das ist durchaus ein Alleinstellungsmerkmal: Die große Mehrheit der vielen neuen KI-Anbieter setzt inzwischen auf die Modelle von Anthropic oder OpenAI. Die Technologie zu besitzen sei wichtig, „um das Beste aus ihr herauszuholen“, so der CEO, nur so sei man in der Lage, selbst die nächste Generation von Produkt und Technik zu entwickeln.
Für Kutylowski ist der Durchgriff auf die Modelle ein Merkmal echter technologischer Souveränität – wichtiger als die Frage, ob die Software in Teilen über US-Cloudanbieter abgespielt wird. Dass DeepL nämlich inzwischen auch auf die Amazon-Tochter AWS setzt, hatte kürzlich für Kritik gesorgt.
KI-Agenten als Hebel?
Über Geschäftszahlen will der DeepL-Chef nicht im Konkreten sprechen. Es laufe aber, anders als vom „Handelsblatt“ berichtet, „großartig“ – das Unternehmen erreiche „eine der besten Bruttomargen im KI-Markt“. Die sei eher vergleichbar mit denen von Softwareunternehmen als mit denen der KI-Anbieter, die von den hohen Preisen für Rechenleistung abhängig seien. Im Software-as-a-Service-Markt gelten 75 Prozent als gut.
Trotzdem schwebt über DeepL immer die Frage, ob es langfristig ausreicht, ein ausgezeichneter Übersetzungsanbieter zu sein – und nicht mehr. Im Herbst kündigte die inzwischen 1000 Mitarbeiter große Firma an, sich erstmals in neue Märkte zu bewegen und ihren Unternehmenskunden KI-Agenten für ganz unterschiedliche Anwendungen in Konzernen anzubieten. Große Fortschritte kann oder will Kutylowski hierzu nicht verkünden – die Agenten seien ein „sehr dynamischer Bereich“, so der CEO. Es wirkt so, als ob das Unternehmen hier noch auf der Suche nach einem guten Produkt-Markt-Fit ist.
So scheint sich DeepL fürs Erste wieder auf den Sprach- und Übersetzungsmarkt zu konzentrieren – das ist angesichts der mächtigen Wettbewerber schon Herausforderung genug. Und Kutylowski hat Routine darin, sich von Big Tech nicht einschüchtern zu lassen: „Als Tech-CEO sollte man keine Angst haben.“ Das Risiko zu scheitern sei immer da. „Und sollte auch immer da sein.“ Denn sonst sei man einfach nicht mutig genug.
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