Auf das Ritual kann man sich verlassen – und es ist jedes Mal so erheiternd wie der persönliche Lieblingssketch von Stan und Ollie: Einige Wochen vor der Watches and Wonders, der großen Uhrenmesse in Genf, wissen selbsternannte Brancheninsider über das Bescheid, womit der Marktführer Rolex seine Kunden dieses Mal erfreuen wird. Diesmal herrschte kein Zweifel, dass die Marke mit der Krone ihre „GMT-Master II“ mit der blau-roten Keramiklünette – wegen der Farbgebung „Pepsi“ genannt – aus dem Programm nehmen und durch ein Modell ersetzen würde, dessen Lünette die Bezeichnung „Coke“ erlaube.

Mit Sicherheit war das eine ganz fabelhafte Geschichte. Noch schöner wäre es – wie jedes Mal – gewesen, wenn sie gestimmt hätte. Die „GMT-Master II“ haben die Genfer nicht angefasst. Dafür stand ein viel zu bedeutendes Jubiläum ins Haus: Vor 100 Jahren brachte der Gründer Hans Wilsdorf mit der „Oyster“ ein verschraubtes Modell für das Handgelenk heraus, das den Sieg der Armbanduhr über die Taschenuhr besiegelte und der Marke einen Vorsprung sicherte, der bis heute anhält.

Ein so buntes Zifferblatt war bei Rolex lange undenkbar: Die „Oyster Perpetual 36“ in Edelstahl kostet 6450 Euro

Sich mit dem eigenen Rückgrat zu beschäftigen, ist immer ein Wagnis. Ändert man zu viel, gilt das in der konservativen Uhrenbranche schnell als Bruch mit der Tradition. Ändert man zu wenig, heißt es, man habe seine Kraft zur Innovation eingebüßt. Das Ergebnis kann damit nichts anderes sein als ein Kompromiss.

Am Handgelenk besticht die neue „Oyster Perpetual“ in der 41-Millimeter-Version dadurch, dass sie trotz ihres beachtlichen Durchmessers schlank bleibt und wenig Aufhebens um sich macht. Das ist deshalb eine gute Entscheidung, weil jeder Uhrenkenner ohnehin weiß, was der Besitzer da spazieren trägt; sie als Stahlversion mit goldener Lünette zu bauen, weckt Erinnerungen an die Zeiten, in denen Bicolor-Modelle den Markt für feine Uhren generell dominierten.

Und weil die gesamte Industrie stets auf die Marke mit der Krone schaut, könnte es passieren, dass die Kombination wieder zunimmt. Alle Modelle haben an der Aufzugskrone eine „100“ für die 100 Jahre stehen. Mit anderen Worten: Diese Kollektion dürfte ausverkauft sein, sobald sie in den Handel geht. Für die Klientel, die gern auffällt, gibt es eine Stahl-Version mit liebevoll dekoriertem, buntem Blatt.

Sie garantiert Blicke der Außenwelt und belegt, wie viel sich geändert hat: Eine so farbenfrohe Veranstaltung wäre vor 20 Jahren bei Rolex noch nicht denkbar gewesen. Die 28-Millimeter-Variante mit grünem Blatt sowie Gelbgoldgehäuse und -band (29.050 Euro) verströmt dagegen Noblesse. Am Arm erinnert sie dran, wie viel mehr als Stahl das Edelmetall – genauso verhält es sich bei der Roségold-Variante in 34 Millimetern mit marineblauem Blatt (36.750 Euro).

Voriges Jahr hatte die Manufaktur mit der „Land-Dweller“ eine Kollektion vorgelegt, in der ein neu konstruiertes Werk mit Schnellschwing-Mechanismus arbeitet. 2026 verzichtet das Haus darauf, die Technik als Standard für alle Produktfamilien zu übernehmen. In der „Oyster Perpetual“-Serie eingebaut sind mit den Kalibern 3230 und 2232 erprobte Werke, die als „Superlative Chronometer“ zertifiziert sind.

Durch einen neuen Mechanismus einfacher zu bedienen: Die „Yacht Master II“ kostet 19.500 Euro

Sie dürfen damit nur zwei Sekunden pro Tag vor- oder nachgehen. Dafür schicken die Genfer bisher alle ihre Werke zur COSC, eine offizielle Prüfstelle, die das Chronometer-Prädikat an Uhren vergibt, die einen Toleranzbereich erfüllen, der sich zwischen vier Sekunden minus und sechs Sekunden plus pro Tag befindet. Erst danach kommt das Werk ins Gehäuse – und Rolex führt eigene Tests durch, die wesentlich härter sind. Auf das Ergebnis gibt Rolex fünf Jahre Garantie.

Die schließt seit dieser Watches and Wonders noch mit ein, dass die Uhr auf Magnetismus getestet wurde, härtesten Langlebigkeits-Prüfungen widerstand und ihre Herstellung höchsten Anforderungen bei der Nachhaltigkeit entspricht. Damit erweitert das Unternehmen die Kommunikation über die Präzision seiner Modelle; eine Notwendigkeit in Zeiten, in denen Konkurrenten wie Omega dieses Arbeitsfeld ebenfalls in den Mittelpunkt rücken.

Eine neue Goldlegierung, die ins Sandfarbene geht, stellt Rolex bei seiner „Day-Date“ vor. Gepaart mit einem hellgrünen Blatt, überrascht der Durchmesser von 40 Millimetern (60.500 Euro). Der Sammler-Klassiker „Cosmograph Daytona“ liegt nun in einer Edelstahl-Platin-Variante mit einem aufwendig emaillierten Blatt vor. Die größte mechanische Innovation ist das Werk der „Yacht Master II“.

Diese Regatta-Uhr kam Beobachtern unübersichtlich konstruiert vor, sodass ihre Besitzer viel mit den Pushern hantieren mussten, um die optischen Signale zu empfangen, die die Zeit vor dem Start eines Segelwettbewerbs gliedern. Dies geht nun einfacher, weil die Mechanik hinter dem Zifferblatt aufgeräumt wurde. Ein so komplexes Spiel aus Zeigern und Lünette sauber zu inszenieren, ist eine schwierige Aufgabe.

Die „Cosmograph Daytona“ ist der Sammler-Klassiker schlechthin: In der Edelstahl-Platin-Version mit emailliertem Blatt kostet die Uhr 55.700 Euro

Der Firmengründer Hans Wilsdorf, ein gebürtiger Kulmbacher, war neben seiner Versessenheit auf Qualität auch ein sehr guter Vermarkter seiner Produkte. Mit seiner Idee, die „Oyster“ 1927 der Extremschwimmerin Mercedes Gleitze beim Versuch einer Ärmelkanaldurchquerung mitzugeben, betrat er Neuland und erfand das, was heute „Storytelling“ heißt. Damals scheiterte die Schwimmerin, aber die Uhr hielt dicht, wie die Welt in einer ganzseitigen Anzeige auf dem Titelblatt der „Daily Mail“ erfuhr.

Im Imagefilm zur Jubiläumskollektion geht es zunächst viel um die technischen Innovationen der 1920er-Jahre, die Fortschritte in der Luftfahrt und im Automobilbau. Später zeigt Rolex Winston Churchill und Martin Luther King bei seiner „Ich habe einen Traum“-Rede. Vielleicht ist das die größte Veränderung: Für politische Statements fühlte sich Rolex bisher nicht zuständig. Nun den Verkörperungen demokratischer Resilienz und des Kampfs gegen Rassenschranken einen Auftritt zu verschaffen, darf man als Hinweis deuten, wo das Unternehmen steht.

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