„Leider besteht wenig Anlass zur Annahme, dass sich die Situation kurzfristig entspannt“
Während die Welt hohe Energiepreise als Folge des aktuellen Golfkrieges beklagt, droht die prekäre Lage der Seeleute vor Ort in Vergessenheit zu geraten. Seit Ausbruch des Iran-Kriegs Ende Februar sitzen mehr als 2000 Handelsschiffe mit rund 20.000 Seeleuten im Persischen Golf fest. Darunter befinden sich mindestens 50 Schiffe von zehn deutschen Reedereien mit etwa 1000 Seeleuten an Bord. Der einzige Weg aus dem Persischen Golf führt durch die Straße von Hormus, die derzeit nicht sicher passierbar ist. Mehr als 20 Handelsschiffe wurden in den vergangenen Wochen angegriffen, mit Toten und Verletzten unter den Besatzungen.
Der Verband Deutscher Reeder (VDR) in Hamburg erinnert in einem aktuellen Statement daran, dass aus der internationalen Gemeinschaft vor allem auch die eingeschlossenen Seeleute vor Ort die Last des Krieges tragen müssen. „Wir begrüßen grundsätzlich alle internationalen Bemühungen, die dazu beitragen, die Sicherheit der zivilen Handelsschifffahrt und unserer Seeleute in der Golfregion zu gewährleisten und eine freie Passage durch die Straße von Hormus wiederherzustellen“, sagt Martin Kröger, Hauptgeschäftsführer des VDR. „Was es jetzt braucht, sind klare und belastbare Rahmenbedingungen für eine sichere und uneingeschränkte Durchfahrt. Es muss ausgeschlossen sein, dass Seeminen eine Gefahr darstellen oder Angriffe auf Handelsschiffe stattfinden. Eine vollständige Beseitigung möglicher Minen wäre dabei ein entscheidender erster Schritt, um die Voraussetzungen für sichere Durchfahrten zu schaffen.“
Die Straße von Hormus ist ein kritischer Engpass für die Energieversorgung der WeltEin Problem dabei: Nicht einmal die kriegführenden Staaten USA und Israel, die den Iran angegriffen haben, und auch nicht der Iran selbst liefern zuverlässige Informationen darüber, in welchem Umfang die Straße von Hormus vermint sein könnte – und ob überhaupt. „Die aktuellen Ankündigungen aus den USA zur Straße von Hormus verdeutlichen die weiterhin äußerst angespannte und volatile Lage in der Region. Leider besteht derzeit wenig Anlass zur Annahme, dass sich die Situation kurzfristig entspannt“, sagt Kröger. „Mit großer Sorge blicken wir insbesondere auf die zahlreichen Schiffe und ihre Besatzungen, die seit Wochen im Persischen Golf festliegen und derzeit keine sichere Möglichkeit haben, die Region über die Straße von Hormus zu verlassen. Es wird abzuwarten sein, welche Maßnahmen vor Ort konkret umgesetzt werden und wie sie sich auswirken. Die Beseitigung möglicher Minen ist dabei in jedem Fall ein wichtiger Beitrag, um Sicherheitsrisiken zu minimieren.“
Der VDR erinnert daran, dass nicht nur ein möglicher Einsatz von Seeminen eklatant gegen internationales Recht verstößt, sondern auch die jeweiligen Drohungen der USA und des Iran, für die Durchfahrt der Straße von Hormus eine Maut zu erheben – und zwar im Zweifel daran orientiert, für welches Zielland die Ladung zum Beispiel eines Öltankers bestimmt ist: „In internationalen Meerengen muss das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen maßgeblich sein. Das Prinzip der Transitdurchfahrt garantiert eine freie und ungehinderte Passage“, sagt Kröger, „Freie und sichere Seehandelswege sowie der Schutz der zivilen Schifffahrt und der Seeleute müssen jederzeit gewährleistet sein.“
Deutschland und Europa halten sich aus dem Iran-Krieg bislang fast vollständig heraus, jedenfalls auf der sichtbaren Ebene. Der VDR fordert hingegen mehr Engagement vor allem auch für die festsitzenden Seeleute, besonders auch der Bundesregierung: „Deutschland sollte internationale Bemühungen zur Sicherung freier Seewege im Rahmen seiner Möglichkeiten aktiv unterstützen – eng abgestimmt mit seinen Partnern und mit klarem Fokus auf den Schutz von Seeleuten und Handelsschifffahrt“, sagt Kröger. „Freie und sichere Seehandelswege sowie der Schutz der zivilen Schifffahrt und der Seeleute müssen jederzeit gewährleistet sein. Die Schifffahrt und ihre Besatzungen dürfen nicht zwischen die Fronten geopolitischer Konflikte geraten. Sie sind auf Verlässlichkeit, Rechtssicherheit und den Schutz vor politischer Instrumentalisierung angewiesen.“
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke