Wie Frauen in der Landwirtschaft Innovationen vorantreiben
- Warum eine Tochter als Hofnachfolgerin immer noch die Ausnahme ist
- Finanzexpertin rät zu klaren vertraglichen Regelungen
- Wie sich eine Landwirtin als Mentee bewarb und als Mentorin genommen wurde
- FAO: Chancengleichheit könnte weltweite Ernteerträge steigern
- Pilzzüchterin: Mit Trüffelanbau Ernteausfälle bei Weizen oder Mais kompensieren
"Die Betriebsnachfolger waren alles Söhne", erinnert sich Anna Catharina Voges an die gelebte Praxis im Bekanntenkreis ihrer Eltern. Mit der Landwirtschaft ist sie großgeworden. Heute leitet sie selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb am Stadtrand von Leipzig – die Saat-Gut Plaußig Voges KG. Als es um die Nachfolgeregelung für den elterlichen Betrieb ging, war schnell klar: Voges übernimmt die Mehrheitsanteile ihres Vaters als Vollhafter, ihr älterer Bruder die Anteile der Mutter als Mitgesellschafterin.
Anna Catharina Voges hat den landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Eltern übernommen.Bildrechte: Saat-Gut Plaußig Voges KGEine seltene Konstellation – gerademal elf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe deutschlandweit werden von einer Frau geleitet. Dabei sind immerhin 35 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft insgesamt Frauen. Eine Hürde, an der viele von ihnen auf dem Weg an die Spitze scheitern, ist die männlich dominierte Vererbungspraxis von Familienbetrieben. Und auch im Osten mit anderen Betriebsstrukturen wie Genossenschaften liegt der Frauenanteil nur ein paar Punkte über dem bundesweiten Durchschnitt: 17 Prozent in Sachsen und Thüringen, in Sachsen-Anhalt 14 Prozent.
Für einen Kredit haften ohne im Grundbuch zu stehen
Dabei erleben sich viele Frauen in der Landwirtschaft als Mitgestalterin. Nach einer groß angelegten Studie des Thünen-Instituts zu Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben gaben sogar 72 Prozent der Befragten an, an strategisch-unternehmerischen Entscheidungen beteiligt zu sein. In ihrer rechtlichen Position spiegelt sich das jedoch nicht immer wieder.
Was das konkret in der Praxis bedeutet, weiß Ute Voß, die insbesondere Frauen in der Landwirtschaft rund um Finanzen berät. "Die sitzen dann da und sagen: Ich habe für meinen Mann Kredite unterschrieben, für die ich jetzt haften muss, obwohl ich gar nicht mit im Grundbuch stehe und mir der Betrieb auch gar nicht gehört."
Voß betont daher, wie wichtig es sei, die Verhältnisse zu klären, bevor Konflikte auftreten oder eine Scheidung im Raum stehe. Auch unverheirateten Paaren rät sie zu einem Partnerschaftsvertrag, um "für alle Beteiligten möglichst faire Lösungen zu finden". Das sei letztlich auch im Interesse eines männlichen Betriebsleiters, der sich ebenfalls überlegen sollte, was eine Trennung oder der Todesfall der Partnerin für ihn bedeutet.
Den Betrieb führt später eh mal der Mann?
Wie gewöhnungsbedürftig der Gedanke an eine Frau als Betriebsleiterin ist, hat die Leipzigerin Voges selbst erlebt. Aus ihrer Familie schildert sie zwar vor allem Unterstützung, ihre Mutter beschreibt sie auch mit Blick auf finanzielle Unabhängigkeit als Vorbild. Doch als es um die Betriebsübergabe ging, brachte ein Steuerberater ganz unerwartete eigene Vorstellungen mit ein, erinnert sich Voges.
Sein einziger Fokus war, wie so eine Übergabe vertraglich vonstattengehen könnte, dass ich zwar die Mehrheitsanteile habe, aber mein Mann später mal den Betrieb führt.
Sein einziger Fokus sei gewesen, wie so eine Übergabe mit der Maßgabe vonstatten gehen könnte, dass sie zwar die Mehrheitsanteile habe und diejenige sei, die nach Gesellschaftsrecht entscheide und hafte, erklärt Voges, es aber selbstverständlich sei, "dass mein Mann später mal den Betrieb führt". Dabei habe es damals weder den Mann gegeben, noch sei vonseiten der Familie die Aufgabe gestellt worden, sich darüber Gedanken zu machen, schmunzelt Voges.
"Das war letztes Jahr, nicht vor 100 Jahren"
Als Frau in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden, kennt auch Katrin Beberhold. Zusammen mit zwei männlichen Vorstandskollegen leitet sie die Agrar Burgscheidungen im Süden von Sachsen-Anhalt, als Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführerin ist sie Hauptverantwortliche. Den 1.900-Hektar-Betrieb mit Ackerbau und Weinbau hat sie noch um eine Mikroalgenproduktion erweitert. Außerhalb des Betriebs begegne ihr wegen ihrer Leitungsposition immer wieder Erstaunen, schildert sie. "Irgendwie scheint es 2026 noch nicht angekommen zu sein, dass es auch Frauen in der Landwirtschaft gibt und die dann in der Leitung oder Führungsposition sind."
Da war ich schon überrascht, weil ich plötzlich in dieser Schublade war, dass Frau sich wahrscheinlich nicht für Technik interessiert.
Besonders ärgere sie, wenn bestimmte Informationen sie nicht erreichten – weil andere meinen, eine Frau interessiere sich nicht dafür. So sei es erst bei der letzten größeren Anschaffung der Genossenschaft gewesen, erinnert sich Beberhold. Da habe sie zwar die Unterschrift für den Kauf geleistet. Doch dass der Hersteller der Arbeitsmaschine für den Kauf noch eine Firmenbesichtigung anbot, erfuhr sie nur durch Zufall. "Da war ich schon überrascht, weil ich plötzlich in dieser Schublade war, dass Frau sich wahrscheinlich nicht für Technik interessiert." Die Entschuldigung des Unternehmens habe sie natürlich angenommen, sagt sie. Dennoch finde sie es schade, dass so etwas noch bis in die jüngste Vergangenheit passiere. "Das ist ja jetzt nicht vor 100 Jahren gewesen."
Als Mentee beworben, als Mentorin genommen
Landwirtin Katrin Beberhold steht vor der Mikroalgen-Anlage, die sie aufgebaut hat.Bildrechte: Agrar Burgscheidungen eGIn einem Mentoringprogramm beim Deutschen Bauernverband unterstützt Beberhold heute selbst jüngere Kolleginnen, aktuell im dritten Jahr. Wie wichtig der Zuspruch und die Ermutigung von außen sind, weiß sie aus eigener Erfahrung. Denn dass sie selbst die Geschäftsführung der Genossenschaft übernimmt, hätte sie lange selbst nicht gedacht. Erst auf Umwegen fand sie überhaupt in die Landwirtschaft. Als sie bereits ein paar Jahre in der Genossenschaft des Vaters arbeitete, sei es ein externer Wirtschaftsberater gewesen, der sie für die Nachfolge vorschlug.
"Das hat mich mehr als nur überrascht", erinnert sich Beberhold. Doch sie entschied sich dann dafür. Einschüchtern ließ sie sich auch nicht mehr, als ihr eigener Vater zunächst noch ihren Bruder fragte, ob der das nicht machen wolle. Heute kann sie selbst beobachten, wie hochqualifizierte Frauen die eigenen Fähigkeiten unterschätzen. Und sie versucht dann, zu ermutigen. Als sich etwa eine Landwirtin für das Mentoringprogramm als Mentee bewarb, war für Beberhold und die anderen im Auswahlkomitee schnell klar: "Die ist doch keine Mentee, die ist Mentorin." Nach einem längeren Telefonat habe sich die Bewerberin auch tatsächlich zu dem Rollenwechsel bereiterklärt.
FAO: Chancengleichheit könnte weltweite Ernteerträge steigern
Die Bedeutung von Mentoringprogrammen und Vernetzung von Frauen untereinander betonen auch Forschende. Agrar-Wissenschaftlerin Susanne von Münchhausen etwa hat an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde unter anderem zu Innovationen durch Frauen in der Landwirtschaft geforscht. Ihr Fazit: Von technischen über organisatorische bis hin zu sozialen Bereichen können Landwirtinnen einen wichtigen Beitrag leisten – und tun das bereits, selbst wenn sie nicht die eigentliche Betriebsleiterin sind.
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mit AudioBildrechte: picture alliance / Zoonar | Eugene Nekrasovmit AudioCarbon FarmingWie Landwirte doppelt "ernten" können
Carbon Farming: Wie Bauern mehr einnehmen und den Klimawandel bremsen können
Carbon Farming soll Landwirten zusätzliche Einnahmen bringen: Sie bauen Humus im Boden auf und speichern so CO₂. Diese Leistung können sie als Zertifikate an Firmen verkaufen. Geht das Konzept auf?
mehr"Das war häufig eher so ein Zufallsbefund", schildert die Wissenschaftlerin aus Gesprächen mit männlichen Betriebsleitern. "An den Küchentischen hieß es immer wieder: 'Wenn meine Frau nicht gewesen wäre, die gesagt hätte, wir müssen das und das unbedingt ändern, dann hätte ich das nicht gemacht.'" Mehr Weiterbildung, Coaching und Mentoring könnte daher helfen, die Innovationskraft von Frauen in der Landwirtschaft weiter zu begünstigen.
In einer weltweiten Untersuchung geht die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sogar noch weiter: Hätten Frauen einen gleichberechtigten Zugang zu Land, Technologien und Finanzen, könnten die weltweiten Ernteerträge um 20 bis 30 Prozent gesteigert werden. Der Prognose zufolge könnten so rund 45 Millionen Menschen aus der Ernährungsunsicherheit geholt werden.
"Was macht denn die da mit Pilzen?"
Mit ihrer Pilzfarm im Kyffhäuserkreis hat Anja Kolbe-Nelde zwar eher auf Luxusprodukte gesetzt und sich auf den Trüffel spezialisiert. Doch auch die klassische Landwirtschaft könnte davon profitieren, ist sie überzeugt. "Für den Trüffel gibt es fast keinen schwierigen Boden", erklärt sie. Mit wenigen Hektar des Edelpilzes könnte so auch mal ein Ernteausfall bei Weizen oder Mais zumindest finanziell kompensiert werden. Ihre Vision: Einen heimischen Markt für Trüffel aufbauen und damit Importe überflüssig machen.
Das dauert immer ein Weilchen, bis die Leute dann Pilze wirklich ins Körbchen legen und auch essen wollen.
Pilzzüchterin Anja Kolbe-Nelde im Gewächshaus zwischen Jungbäumen, an deren Wurzeln Trüffel wachsen.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKAls sie vor rund zehn Jahren ihre Pilzfarm gründete, sei es aber zunächst sehr schwierig gewesen, erinnert sie sich. "Viele haben hinter der Tür gemunkelt: 'Was macht denn die da mit Pilzen? Das funktioniert sowieso nicht. Sowas gibt es doch hier gar nicht.'" Dass sie dafür ihren Job als Bankkauffrau aufgab, konnten auch Familienangehörige zunächst nicht nachvollziehen. Skepsis sei ihr aber weniger als Frau begegnet, sondern vor allem wegen der Nische Pilz.
Inzwischen seien die Zweifel einem wachsenden Interesse gewichen, sagt Kolbe-Nelde. Auf zehn Mitarbeiter ist ihre Pilzfarm mittlerweile gewachsen. Für ihr unternehmerisches Geschick und ihre Innovationskraft hat sie bereits mehrere Preise abgeräumt. Auf ihren Pilzlehrwanderungen merke sie aber schon manchmal, dass sie die Erwartungen einiger Teilnehmer breche. Die rechneten mitunter eher mit einer Frau jenseits der 60 oder mit einem männlichen Pilzguru, erzählt sie schmunzelnd. "Das dauert immer ein Weilchen, bis die Leute dann Pilze wirklich ins Körbchen legen und auch essen wollen."
Fest steht: Wenn die Thüringer Bratwurst eines Tages von Thüringer Trüffeln abgelöst wird, wäre das wohl einer Frau zu verdanken.
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