„Man nennt das ‚kindgerecht‘. Ich nenne es eine Versündigung an der Zukunft unserer Kinder“
Wer wissen will, wie die Zukunft des Landes aussieht, muss in die Schulen gucken. Davon ist Josef Kraus überzeugt. 35 Jahre lang unterrichtete er als Gymnasiallehrer in Bayern, einen Großteil dieser Zeit als Schulleiter. Jetzt im April werden dort wieder 350.000 Schüler ihr Abitur machen. Weniger als sonst, weil wegen der Rückumstellung von 12 auf 13 Jahre Schule an vielen Gymnasien die Prüfung ausfällt.
Es ist nur eine von vielen Änderungen im Bildungssystem. Dort stehen die Zeichen im Moment fast überall auf Krise. „Besorgniserregend“ sei die Entwicklung der Schülerleistungen, schreibt etwa das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Auch im internationalen Vergleich fallen Schüler zurück. Kraus glaubt zu wissen, warum. Seit zehn Jahren ist der mehrfach ausgezeichnete Pädagoge und Ex-Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (1987 bis 2017) nun im Ruhestand. Seine freie Zeit verbringt er heute vor allem damit, das politische Geschehen zu kommentieren. WELT rief ihn für ein Interview an.
WELT: Herr Kraus, vermissen Sie das Klassenzimmer?
Kraus: Ich vermisse die jungen Leute.
WELT: Viele sind heute froh, wenn sie nicht mehr zur Schule müssen. Bis 2035 sollen 70.000 Lehrer fehlen.
Kraus: Ich rechne sogar damit, dass es noch mehr sind. Wir haben einen eklatanten Lehrermangel. Das ist übrigens schon seit 25 Jahren bekannt, aber es wurden keine Maßnahmen ergriffen. Stattdessen hat man die Zahlen immer wieder retuschiert und sich damit beschäftigt, die Statistiken zu schönen. Und die Politik hat immer nur in den engen Zeiträumen einer Legislaturperiode operiert.
WELT: Finden Sie, dass der Job heute noch attraktiv ist?
Kraus: Ich habe noch zu meiner aktiven Zeit einige Schüler gefragt, ob sie sich nicht auch vorstellen könnten, Lehrer zu werden. Ich habe oft erlebt, dass sie mir dann spontan und ohne Bosheit einen Vogel zeigten und sagten, dass sie keine Lust hätten, sich mit der aktuellen Schüler-Generation herumzuschlagen. Für leistungsorientierte junge Leute ist der Job an einer öffentlichen Stelle ebenfalls nicht besonders attraktiv.
WELT: Aber Lehrer verdienen doch gut.
Kraus: Sie verdienen ordentlich, klar. Aber wer in der Wirtschaft etwas bewegen will und dort Karriere machen kann, geht eher dorthin. Diese Leistungsträger bräuchten wir auch im Lehrerberuf. Aber wir kriegen sie nicht immer. Diejenigen, die das Lehramt anstreben, weil sie sich kein anderes Studium zutrauen, brauchen wir hingegen weniger.
WELT: Studien berichten auch darüber, dass an den Schulen die Gewalt zunimmt. Das spielt vielleicht auch eine Rolle bei der Entscheidung.
Kraus: Lehrer finden heute eine Schülerschaft vor, die erheblich schwieriger ist als noch vor ein paar Jahren. Die meisten trauen sich nicht auszusprechen, dass dabei zum Beispiel auch die kulturelle Herkunft eine Rolle spielt. In Berlin haben Sie einen Migrantenanteil von bis zu 90 Prozent in einigen Klassen. Das ist besonders für Lehrerinnen ein K.-o.-Kriterium. Messer sind heute ebenfalls ein Thema. Wir diskutieren schon Schulen mit Metalldetektoren. In Hochsicherheitstrakten kann Pädagogik aber nicht gedeihen.
WELT: Es gibt noch viele weitere Vorschläge. 2025 ging der „Themenpreis Demokratiebildung“ des Deutschen Schulpreises an eine Grundschule in Hamburg, die nicht nach Förderbedarf unterscheidet und in jahrgangsübergreifenden Gruppen unterrichtet.
Kraus: Der Deutsche Schulpreis ist aus meiner Sicht eine Lächerlichkeit, weil er ausgerichtet ist auf woke Pädagogik. Wir haben außerdem 40.000 Schulen in Deutschland. Der Anteil derer, die sich auf diese Preise bewerben, ist mickrig.
WELT: Vermitteln wir eine klassenlose Gesellschaft, bevor die Kinder rechnen können?
Kraus: Es sind im Grunde uralte linke Vorstellungen, die dort wieder Anklang finden: Schule ohne Stress, Schule als Lebensraum, Schule ohne Fächer, Schule ohne Stundentakt, Schule ohne Noten … Das nennt sich dann „demokratische Schule“. Aber Demokratie funktioniert nicht ohne das Leistungsprinzip. Und Bildung nicht ohne Anstrengung. Studien zeigen, dass das Niveau insgesamt immer weiter sinkt.
WELT: Die Abiturnoten werden immer besser...
Kraus: … und gleichzeitig nimmt der Anteil von Neuntklässlern, die die Mindeststandards in Mathematik und Naturwissenschaften nicht erreichen, auch zu. Das zeigt doch, dass die Noten inflationiert sind und in Wahrheit etwas nicht richtig läuft. Das sind die hausgemachten Probleme. Die nachlassenden Ergebnisse korrelieren aber ebenfalls mit den sogenannten Schülern n.d.H. Kennen Sie die Abkürzung?
WELT: Nein.
Kraus: Nicht deutscher Herkunft. Es ist wohl nicht politisch korrekt, dass ich es in diesem Zusammenhang nochmal erwähne.
WELT: Dann sprechen wir über die Wirtschaft. Die Schulen sollen ja auch aufs Berufsleben vorbereiten. Erfüllen sie diese Aufgabe?
Kraus: Zum Beispiel sagen die Metallarbeitgeber in Niedersachsen, dass die Qualität der Bewerber abnimmt. In demselben Bundesland streicht man ab diesem Herbst das schriftliche Dividieren aus der Grundschule, fährt die Ansprüche also noch weiter herunter. Man nennt das „kindgerecht“. Ich nenne es eine Versündigung an der Zukunft unserer Kinder.
WELT: Wir berichteten kürzlich darüber, dass 39 Prozent der Bewerber bei der Berliner Polizei durch ein Diktat fielen, das Teil des Einstellungsprozesses ist. 30 Prozent derjenigen, die die Übung nicht schafften, waren Abiturienten oder Akademiker.
Kraus: Da sieht man wieder, wie Heranwachsenden schulpolitisch, pseudo- und erleichterungspädagogisch die Zukunft verbaut wird. Junge Menschen leiden später darunter, wenn man sie nicht frühzeitig fordert und wenn gesagt wird: Wozu brauchen wir heute noch Rechtschreibung, wenn wir doch Korrekturprogramme haben? Oder die KI …?
WELT: Es sollen bis 2030 mehrere Milliarden Euro in die Digitalisierung investiert werden.
Kraus: Digitalisierte Bildung macht junge Menschen nicht zu Digital Natives, wie es oft behauptet wird. Sie werden höchstens digitale Naivlinge. Das Digitalverhalten der Jungen hat ja so schon Suchtcharakter. Wenn Kinder im Grundschulalter künftig noch mehr Zeit am Handy verbringen als mit richtigem Unterricht oder Hausaufgaben, ändert das auch unsere Einstellung zu Bildung insgesamt. Es gibt unter besonders schlauen Bildungsexperten bereits die Vorstellung, dass man sich kein Wissen mehr aneignen müsse, weil sich heute alles über das Internet downloaden lässt. Vorratswissen ist aber doch die Basis für Mündigkeit. Es versetzt Menschen in die Lage, Zusammenhänge herzustellen und selbstständig zu denken.
WELT: In Dänemark ist man schon wieder auf dem Weg, diesen Prozess umzukehren. Schüler schließen ihre Handys dort morgens in ein Fach ein. In der Pause spielen sie jetzt Fußball.
Kraus: Wunderbar.
WELT: Schreiben Lehrer heute eigentlich noch mit Kreide?
Kraus: Sehr selten. Höchstens die Älteren. Ich glaube ja, dass man mit Kreide noch immer sehr viel erreichen könnte. Es ist besser, mit Kreide und im Dialog mit den Schülern ein Schaubild zu entwickeln, als einfach ein vorgefertigtes hinzuprojizieren.
WELT: Glauben Sie, dass man in zehn Jahren wieder mit Kreide schreiben wird?
Kraus: Das kann sein. Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog sagte mal: Man muss nur lange genug an seinen Prinzipien festhalten, dann werden diese auch wieder modern. Oder, wenn den Schulen das Geld ausgeht.
WELT: Ist das wirklich eine Gefahr? Viele Schulen sehen ja jetzt schon etwas heruntergekommen aus …
Kraus: Na ja, es hängt von den Kommunen und deren jeweiliger Finanzkraft ab, sie sind für den Bau von Schulen oder Renovierungen zuständig. Es gibt Rechnungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die sagen, eine Sanierung aller Schulgebäude in Deutschland würde insgesamt etwa zehn Milliarden Euro kosten. Das halte ich aber für viel zu niedrig angesetzt. Ich schätze, wir bräuchten eher ein eigenes Sondervermögen, wie man es damals der Bundeswehr zugesagt hat.
WELT: Das waren Schulden über 100 Milliarden Euro.
Kraus: Ja, etwa diese Größenordnung. Schauen Sie sich mal manche Schultoiletten an. Viele würden keiner Überprüfung eines Gewerbe- oder Gesundheitsamtes standhalten. Ich habe mich gerade mit einem Bericht des Wehrbeauftragten der Bundesregierung beschäftigt. Er sagte, man habe einen Sanierungsbedarf von 68 Milliarden Euro – nicht für die Schulen, sondern Kasernen. Die Summe, die wir für die Schulen bräuchten, muss entsprechend größer sein. Wir haben in Deutschland ja deutlich mehr Schulen als Kasernen.
WELT: Noch …
Kraus: 184.000 Soldaten im Gegensatz zu zehn Millionen Schülern. Da wissen Sie, wo wirklich Bedarf besteht.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Felix Seifert ist Redakteur im Ressort Wirtschaft und Innovation. Er schreibt unter anderem über die Themen Karriere, Verbraucher, Mittelstand und Immobilien.
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