Die leeren Giganten aus dem Nahen Osten – ihr Ziel ist jetzt der Flugzeugfriedhof
Am Flugzeugfriedhof Teruel in Aragonien ist normalerweise der Hund begraben. Doch an diesem Wochenende herrschte an dem ehemaligen Militärflughafen über die Mittagsstunden teilweise Betrieb wie auf einem großen Verkehrsflughafen.
Im Viertelstundentakt setzte eine Passagiermaschine nach der anderen in der nordspanischen Wüste auf. Alle leer bis auf die Cockpitcrew. Und alle mit demselben lilafarbenen Antilopenkopf auf dem Leitwerk – dem Logo von Qatar Airways.
Der Iran-Krieg bedeutet für den weltweiten Luftverkehr die größte Disruption seit der Corona-Pandemie. Gesperrte Lufträume und explodierende Kerosinpreise belasten das Geschäft von Fluggesellschaften rund um den Globus. Am stärksten jedoch betrifft der Konflikt die Airlines, deren Drehkreuze und Flotten in der Region beheimatet sind. Die andauernde Bedrohung durch iranische Raketen und Drohnen macht einen regulären Flugbetrieb für sie äußerst schwierig und gefährlich, die Nachfrage nach Tickets ist eingebrochen. Das touristische Geschäftsmodell einer ganzen Region steht infrage.
Qatar Airways zieht aus der desaströsen Lage nun offenbar die Konsequenzen und verlegt große Teile seiner Flotte nach Teruel. Am Sonntag landeten unmittelbar hintereinander vier Airbus-Langstreckenjets vom Typ A330 aus Doha gefolgt von einem A350 aus Los Angeles. Am Tag zuvor waren unter anderem drei A350 und eine Boeing 787 von ihren Zielen in Amerika und Afrika nicht zum Heimat-Drehkreuz Doha zurückgeflogen, sondern stattdessen nach Spanien auf den Flugzeugfriedhof. Kurz nach Ausbruch des Iran-Kriegs hatte bereits Gulf Air zahlreiche Flugzeuge von Bahrain International Airport nach Saudi-Arabien ausgeflogen.
„Die Verlegung nach Teruel zeigt, dass Qatar offenbar nicht mit einem kurzfristigen Ende der Krise rechnet“, sagt Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Ein offensichtliches Ziel der Flottenverlegung sei es, die Flugzeuge vor iranischen Drohnen und Raketen in Sicherheit zu bringen.
Zugleich könne es aber auch darum gehen, die massenhaft am Boden stehenden Flugzeuge vor den Linsen von Touristen und Journalisten zu verbergen. „Es geht auch um die Bilder“, so Großbongardt. „Die Golf-Airlines sind darum bemüht, den Image-Schaden zu begrenzen, den der Krieg schon jetzt für sie angerichtet hat.“
Wie im Gänseflug verlegen viele Airlines am Golf ihre Flugzeuge in sicherere GebieteNatürlich bringt Qatar seine Flugzeuge nicht auf den Flugzeugfriedhof, um sie dort verschrotten zu lassen. Teruel hatte schon während der Corona-Zeit als Langzeitparkplatz für Flugzeuge hergehalten. Die Lufthansa hatte dort zum Beispiel ihre A380 jahrelang abgestellt und später wieder in Dienst gestellt.
Teruel bietet neben einem trockenen Klima auch das nötige Know-how und Personal, um Flugzeuge über einen längeren Zeitraum zu verwahren. Schon für Standzeiten von ein bis zwei Monaten müssten Triebwerke abgedeckt und Öffnungen versiegelt werden, erklärt Großbongardt. Bei längeren Standzeiten würden auch Systeme wie das für den Notsauerstoff ausgebaut. Die Wahl von Teruel als Abstellort weise darauf hin, dass man zumindest in den nächsten zwei, drei Monaten nicht mit einer Normalisierung rechne.
Tatsächlich ist die Nachfrage nach Tickets der Fluggesellschaften vom Golf seit Beginn des Konflikts eingebrochen. Obwohl die Airlines sich trotz des Kriegs in der Region früh bemühten, zumindest einen eingeschränkten Flugbetrieb aufrechtzuerhalten, um Kunden nach Hause zu bringen, ist die Lage für sie desaströs.
Nur 25 Passagiere in einem A380
Emirates zum Beispiel fliegt zwar einen eingeschränkten Flugplan, auch die deutschen Flughäfen werden täglich bedient. Doch die Maschinen sind insbesondere in Richtung Golf offenbar kaum besetzt. Die Agentur Bloomberg berichtete letzte Woche von einem A380 von Paris nach Dubai, in dem nur 25 Passagiere saßen – bei einer Kapazität von 600 Sitzplätzen. Auf anderen Routen läge die Auslastung zwischen 5 und 25 Prozent. Emirates kommentiert dies nicht.
Dass Emirates trotz weitgehend leerer Flugzeuge und einer anhaltend angespannten Sicherheitslage – nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ wurde bei iranischen Angriffen unter anderem ein am Boden stehender A380 der Airline beschädigt – weiter fliegt, hat Großbongardt zufolge mehrere Gründe. „Zum einen will man nach außen sicherlich eine gewisse Normalität demonstrieren. Vor allem aber geht es um Luftfracht.“
Seit Ausbruch des Kriegs sind große Mengen zumeist termingebundener Ware am Golf gestrandet. Die weltweite Luftfrachtkapazität ist laut Bundesverband der Luftverkehrswirtschaft (BDL) infolge des Kriegs um 18 Prozent eingebrochen. Auch die DHL hat ihre Frachtflugzeuge vom Luftfrachtdrehkreuz in Bahrain abgezogen. Die Frachtraten sind sprunghaft angestiegen, insbesondere für Ware, die beim Umschlag von Schiff auf Luft steckengeblieben ist. Emirates nutze nun die großen Frachträume insbesondere seiner Boeing-777-Flotte, um wenigstens Pakete zu befördern, wenn schon kaum Passagiere an Bord sind.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.
Steffen Fründt ist Wirtschaftskorrespondent der WELT-Gruppe und berichtet über Luftfahrtbranche und Tourismus.
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