Wie „Joker-Gleise“ und „Flex-Abfahrten“ die Bahn retten sollen
Wenn nichts mehr geht, dann helfen nur noch Maßnahmen. Ein Blick in den Duden verrät: Mit dem Wort ist eine Handlung gemeint, „die etwas Bestimmtes bewirken soll“. Im Fall der Bahn ist dieses Bestimmte etwas: mehr Pünktlichkeit und Verlässlichkeit. Und so haben sich Vertreter aus Branche, Bund und Ländern wieder einmal auf eine ganze Reihe von Maßnahmen geeinigt, um Bahnfahren in Deutschland attraktiver zu gestalten.
Genau genommen sind es 22, die am Ende von der „Taskforce zuverlässige Bahn“ erarbeitet wurden. Seit November hat die bunt zusammengemischte Runde aus der gesamten Branche immer wieder getagt. Initiator ist das Verkehrsministerium unter Minister Patrick Schnieder (CDU). Der sagt am Freitag in Berlin: „Mit den heute vorgestellten Maßnahmen haben wir einen weiteren wichtigen Meilenstein der Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene erreicht.“ Anders sieht das etwa die Opposition: „Ganz offensichtlich hatte die Taskforce einen Maulkorb: Über Geld durfte nicht gesprochen werden“, so Verkehrspolitiker Matthias Gastel (Grüne).
Wenn nicht über Geld, worüber wurde dann in den vergangenen Monaten gesprochen? Kurz gefasst: über eine Entlastung der Bahnhöfe und Digitalisierung. Alles am besten in diesem und nächsten Jahr für einen spürbar besseren Betrieb – bei Bahnkunden und Mitarbeitern. Dass Ankunftszeiten für Reisende zur Lotterie geworden sind, liegt den Teilnehmern zufolge der Runde neben maroden Strecken und Bauarbeiten hauptsächlich an überlasteten Bahnhöfen. Im Fachjargon als Knoten bezeichnet, werden hier insbesondere die Bahnhöfe Frankfurt, Köln, München, Hamburg, Berlin, Hannover und Mannheim herausgestellt. Welche Maßnahmen genau an den einzelnen Bahnhöfen umgesetzt werden sollen, wird in „Knoten-Workshops“ unter Leitung des Infrastrukturbetreibers DB InfraGO erarbeitet. Es verstreicht also noch etwas Zeit, bis Bahnfahrer davon etwas merken.
Das steckt hinter den „Joker-Gleisen“
Eine der möglichen Maßnahmen: Joker-Gleise. Gemeint sind keine eigenen Züge für Batmans größten Widersacher, sondern freie Kapazitäten an stark frequentierten Bahnhöfen. Einzelne Gleise könnten über den Tag extra freigehalten werden, um auf Zugverspätungen flexibler zu reagieren. Wer Bahn fährt, kennt es nämlich: Häufig wird kurz vor dem Ziel gehalten, weil aufgrund von Störungen im Betriebsablauf gerade kein Platz frei ist. Die Joker-Gleise sollen Abhilfe schaffen.
Nun sind freie Gleise an wichtigen Bahnhöfen eher ein Luxusproblem. Womit wir beim wohl größten Streitpunkt wären: der Reduzierung des Angebots. Weniger Züge heißt weniger Belastung, gleich pünktlichere Fahrten – so die Rechnung. Nun stellt die Taskforce klar: Eine Abbestellung von Verkehr sei Ultima Ratio, also das letzte Mittel. Sie stellen „kein reguläres Instrument zur Verbesserung der Betriebsqualität dar“. Komplett vom Tisch sind sie damit jedoch nicht.
Verkehrsminister Patrick Schnieder bei der Vorstellung der Ergebnisse der Taskforce am Freitag in BerlinDas zeigen auch andere Wege, mit denen die Anzahl der Züge reduziert werden könnte. So sollen Anreize für Eisenbahnunternehmen geschaffen werden, auf einzelne Trassen temporär zu verzichten, ohne sie an ein anderes Unternehmen zu verlieren. Das bedeutet in der Realität: weniger Züge. Längere Pufferzeiten zwischen einzelnen Bahnen sollen außerdem dafür sorgen, dass der Betrieb besser läuft.
Ab 2027 wird die DB InfraGO daher auf ausgewählten Strecken zielgerichtet eine verbindliche Pufferzeit einführen, wie es heißt. Längere Taktung? Auch das klingt verdächtig nach einem reduzierten Angebot. In der Taskforce geht man jedoch davon aus, „dass durch die Einführung von Pufferzeiten alle vertakteten Verkehre im bisherigen Umfang verkehren können.“
Bei der Vorstellung der Ergebnisse zeigen sich die Teilnehmer der Taskforce weitestgehend harmonisch. Man habe sachlich diskutiert, heißt es immer wieder. Doch nicht alle sind begeistert. Peter Westenberger vom Verband Die Güterbahnen warnt: „Wir sehen keinen Spielraum, Züge willkürlich herauszunehmen.“ Erst am Freitag habe er von DB-Infra-Go-Chef Philipp Nagl erfahren, dass auch Güterzüge von Angebotsreduzierungen betroffen sein könnten. Als letzte Maßnahme, versteht sich.
Für mehr Pünktlichkeit greift die Bahn in die Trickkiste
Gerade im Fernverkehr sind die Pünktlichkeitsquoten im Keller. Im Januar und Februar kamen weniger als 60 Prozent der Züge pünktlich an. Ziel bis 2029 sind 70 Prozent. Um bei Kunden den Eindruck von Pünktlichkeit zu erzeugen, greift die Taskforce in die Trickkiste und schlägt sogenannte „Flex-Abfahrten“ vor. Gemeint ist folgendes Problem: Oft kann die planmäßige Abfahrtszeit nicht eingehalten werden, weil die Fahrgäste zu langsam ein- und aussteigen und die Abfertigung zu lange dauert. Das Resultat sind Folgeverspätungen.
Der Trick bei „Flex-Abfahrten“: Der Fahrplan, den Fahrgäste sehen, zeigt eine Abfahrt um zehn Uhr. Sie kommen im besten Fall pünktlich und steigen ein. Intern plant die Bahn aber tatsächlich mit 10:01 Uhr als Abfahrt. Die betriebliche Pünktlichkeit bleibt auch bei leichter Verzögerung damit bestehen, so die Hoffnung. Eine Zahlenspielerei, von der die Fahrgäste im besten Fall nichts mitbekommen sollen. Immerhin: Nur bei belasteten Bahnhöfen und Zügen, die ohnehin einen Halt von mindestens einer Minute einplanen, soll das Instrument angewendet werden können.
Und um Fahrgästen generell beim Umstieg besser zu helfen, sollen mehr Mitarbeiter an den Bahnhöfen für Orientierung sorgen. Das klingt im ersten Schritt nach mehr Personal und mehr Geld. Woher das kommen soll, hat die Taskforce nicht besprochen. „Der Bericht enthält unzählige Prüf- und Arbeitsaufträge an die DB InfraGO. Unklar ist, wie das Unternehmen diese Aufträge finanzieren soll, ohne dass die Trassenpreise weiter ansteigen“, warnt Matthias Gastel, Berichterstatter für Bahnpolitik der grünen Bundestagsfraktion. Der Taskforce-Vorsitzende und Staatssekretär Ulrich Lange sagt auf Nachfrage, dass alle finanzrelevanten Maßnahmen erst im nächsten Haushalt mit aufgenommen werden können, also ab 2027.
Willkommen im 21. Jahrhundert
Doch nicht nur für Kunden soll sich etwas ändern, sondern auch für die Mitarbeiter im Betrieb. Besonders kurios: Bei Signal- oder Technikstörungen dürfen Lokführer ihre Fahrt nicht eigenständig fortsetzen, sondern benötigen einen entsprechenden Befehl. Dieser wird bis heute meist telefonisch übermittelt, so das Ministerium. Künftig soll die Befehlsübermittlung digital erfolgen und damit nur halb so lange dauern, heißt es weiter. Man verspricht sich allein dadurch eine Pünktlichkeitsverbesserung von bis zu zwei Prozentpunkten. Die DB InfraGO soll die flächendeckende Anwendbarkeit des Digitalen Befehls bis zum Sommer 2026 sicherstellen.
Und wo wir bereits im 21. Jahrhundert sind: Auch KI soll stärker in Betrieb und Planung eingesetzt werden. Auf ausgewählten Teststrecken habe die DB InfraGO bereits nachgewiesen, dass Züge damit bis zu 100 Sekunden früher als geplant ankommen könnten. Ab 2027 soll die KI-Assistenz stufenweise flächendeckend eingesetzt werden.
Bei den vorgelegten Ideen handelt es sich um kein Gesetz. Rechtlich verbindlich sind viele der Vorschläge daher nicht. Man zählt in der Runde jedoch auf den guten Willen der Branche. „Der Bericht der Taskforce ist zum großen Teil eine Mischung aus Prüfaufträgen, nicht finanzierten Versprechen und einer Menge alter Pläne“, meint dagegen Grünen-Politiker Gastel. Viele Ideen und Vorschläge seien bereits bekannt. „Diese werden ohne Taten wiederholt, das ist alter Wein in neuen Schläuchen.“ In einem Jahr wollen sich die Mitglieder der Taskforce erneut zusammensetzen und schauen, ob aus Maßnahmen auf dem Papier auch Maßnahmen in der Realität wurden.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera.
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