Chaos auf der USS „Gerald Ford“ – wie Amerikas Gigant außer Gefecht geriet
Die Folgen eines Feuers an Bord des US-Flugzeugträgers USS „Gerald R. Ford“ am vergangenen Donnerstag sind weitaus schwerwiegender als bislang bekannt. Laut einem aktuellen Bericht der „New York Times“ soll der Flugzeugträger über 30 Stunden lang gebrannt haben, dabei wurden unter anderem die Unterkünfte und Messen von etwa 600 der 4500 Besatzungsmitglieder so sehr beschädigt, dass sie nun unbrauchbar sind.
Der Träger soll laut einer Meldung der Navy vom Dienstag aus dem Roten Meer durch den Suezkanal zurück ins Mittelmeer laufen und dort eine Nato-Basis in Kreta anlaufen. Dort will die Navy auch die Ursache des Feuers genauer untersuchen. Der Ausfall des größten US-Kriegsschiffs in der Region reißt eine empfindliche Lücke in die Pläne des US-Präsidenten, die Sicherheit des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus zu gewährleisten.
Ausgebrochen war das Feuer vergangenen Donnerstag laut erstem US-Navy-Bericht in einem Wäschetrockner-Abluftschacht in der bordeigenen Wäscherei, es war nicht durch Kampfhandlungen verursacht. Der Flugzeugträger ist seit einem Transfer durch den Suezkanal Richtung Süden im Roten Meer im Einsatz, weit entfernt von den Raketen des Iran. Bei dem Feuer wurden zwei Seeleute verletzt, dutzende weitere erlitten leichte Rauchgasvergiftungen. Ein solches Feuer ist normalerweise schnell eingrenzbar, die großen Flugzeugträger der US-Navy haben die Feuerwehr-Kapazität einer mittelgroßen Stadt an Bord. Laut ersten Meldungen ist der Flugbetrieb nicht beeinträchtigt.
Mehrere US-Zerstörer und Kampfjets im Gefolge der USS „Gerald R. Ford“Doch nun zitiert die „New York Times“ Quellen aus der Besatzung, die berichten: Das Feuer sei erheblich schwerwiegender gewesen als zuvor gemeldet. Weite Bereiche der Unterkünfte seien durch Rauch beschädigt. Das Feuer und der Rauch haben sich demnach über das Abluftsystem ausgebreitet, die Entrauchung habe nicht richtig funktioniert. Aktuell müssten laut „New York Times“-Quellen an Bord hunderte Besatzungsmitglieder sich Betten teilen oder auf Tischen und Bänken in den Messen schlafen, da die durch Rauch beschädigten Unterkünfte nicht länger nutzbar sind.
Auch die Wäscherei ist nach dem Brand ausgefallen, die Besatzung kann ihre Kleidung nur noch notdürftig reinigen. Der Rückzug nach Kreta ist unter diesen Umständen unvermeidlich, bedeutet aber einen erheblichen Verlust für die Luftverteidigung Saudi-Arabiens und Israels. Als Ersatzschiff ist nun der Träger USS „George H. W. Bush“ von der Ostküste der USA in Marsch gesetzt worden, der Transfer bis ins Rote Meer dürfte mindestens zwei Wochen dauern.
Dass ein so modernes Schiff wie die USS „Ford“ derart von einem Feuer in der Wäscherei betroffen ist, überrascht. Das Typschiff der neuen „Ford“-Klasse, der größte Träger der Welt, ist relativ neu, wurde erst 2017 in Dienst gestellt.
Doch US-Medien berichten seit Monaten von technischen Problemen an Bord. Der Träger ist seit vergangenem Juni im Dauereinsatz, erst im Mittelmeer und bei Übungen vor Norwegen, dann schnell verlegt über den Atlantik zum Angriff der USA auf Venezuela, schließlich wieder zurück ins Mittelmeer und seit dem 5. März im Roten Meer vor der Küste Saudi-Arabiens. Die Einsatzfahrt dauert damit bereits erheblich länger als zuvor geplant, die „Ford“ wird voraussichtlich einen neuen Rekord für den längsten Einsatz eines Flugzeugträgers außerhalb der US-Gewässer aufstellen. Die Rückkehr in den US-Heimathafen Norfolk ist frühestens für Mai geplant.
Ein Foto aus einer besseren Zeit: Im Juni 2025 machte sich die USS „Gerald R. Ford“ in Norfolk auf zu ihrem aktuellen EinsatzDie Toilettenkatastrophe an Bord
Ein nuklear betriebener Flugzeugträger kann theoretisch unbegrenzt auf See bleiben. Er ist lediglich darauf angewiesen, regelmäßig mit Lebensmitteln, Munition und Jettreibstoff versorgt zu werden. Das geschieht während eines Einsatzes in der Regel durch Versorgungsschiffe und Versorgungsflieger. Dennoch begrenzt die US Navy die Dauer solcher Missionen meist auf etwa sechs Monate. Der Grund ist die wachsende Belastung für Besatzung und Material. Auch ein Kriegsschiff verschleißt im Dauereinsatz, es wird über Wochen und Monate stark beansprucht. Der frühere Pentagon-Sprecher und Konteradmiral John Kirby sagte, man könne ein Schiff nicht über einen so langen Zeitraum unter hoher Belastung betreiben und zugleich erwarten, dass Besatzung und Technik dauerhaft ihre maximale Leistungsfähigkeit erreichen.
Das war bereits zuvor deutlich: An Bord der „Ford“ sind zwischenzeitlich bis zu 80 Prozent der Toiletten ausgefallen. Ursache ist ein für die „Ford“-Klasse neu entwickeltes Vakuum-Abwassersystem mit relativ dünnen Leitungen, das als platzsparend gilt, in der Praxis jedoch als störanfällig beschrieben wird. Recherchen des „National Public Radio“ (NPR) in den USA auf Basis interner Navy-Unterlagen zeigen, dass seit Herbst nahezu täglich Reparaturen nötig waren. In einem internen Bericht, den das NPR über eine Informationsfreiheits-Anfrage („FOIA-Request“) erlangte, ist von täglichen Störmeldungen die Rede. Seit 2023 habe das Schiff mehr als 40 Mal externe Hilfe angefordert, ein Großteil davon im Jahr 2025 während der aktuellen Einsatzfahrt.
F18-Jets an Bord der USS „Gerald R. Ford“Interne Mails berichten von extremen Belastungen mit hunderten Reparaturfällen binnen weniger Tage und 19-Stunden-Arbeitstagen der Techniker. Die Ursache der Ausfälle waren laut dem NPR-Bericht zuletzt häufiger Verstopfungen mit T-Shirts, Kleidungsstücken, ganzen Toilettenpapierrollen und sogar meterlangen Seilstücken – die Toiletten fielen also nicht zufällig aus, sondern wurden augenscheinlich mit laut dem Navy-Bericht „ungeeigneten Materialien“ sabotiert. „Unser Abwassersystem wird von Seeleuten täglich misshandelt und zerstört“, so der Bericht von Bord des Schiffs.
Dazu passen Berichte, dass die Moral an Bord extrem angeschlagen ist: Besatzungsmitglieder verpassen aufgrund der immer weiteren Verlängerung ihres Einsatzes geplante Familienfeiern, Beerdigungen und die Geburten ihrer Kinder, können todkranke Familienmitglieder nicht mehr besuchen, sehen ihre Angehörigen über ein halbes Jahr lang nicht. Hinzu kommt, dass der Träger unter Einsatzbedingungen Funkstille einhält, auch Videoanrufe in die Heimat sind nicht länger erlaubt.
Angesichts dessen erscheint nun auch das Feuer in der Wäscherei in einem neuen Licht: Laut US-Medienberichten will die Navy in Kreta die Ursache des Brandes genau untersuchen, auch Sabotage durch einzelne frustrierte Besatzungsmitglieder steht im Raum. Der Träger soll parallel repariert werden und danach wieder in den Einsatz gehen.
Doch selbst wenn die „Ford“ nach einem Zwischenstopp in Kreta wieder ins Rote Meer zurückkehrt, bleibt der Schaden angerichtet. Der Vorfall zeigt, wie fragil die modernsten Einheiten der US Navy unter Dauerbelastung geworden sind. Ausgerechnet in einer Phase, in der Washington militärische Präsenz als zentrales Druckmittel gegenüber dem Iran und zur Sicherung der Seewege braucht, fällt eines seiner wichtigsten Instrumente zumindest zeitweise aus. Das wirft eine grundsätzliche Frage auf, die weit über diesen einzelnen Brand hinausgeht: Wie belastbar ist die globale Einsatzstrategie der USA, wenn schon ein Feuer in der Wäscherei genügt, um sie ins Wanken zu bringen.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Wirtschaftsredakteur Benedikt Fuest berichtet regelmäßig über das KI-Rennen, Technologie und Rüstung.
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