Ermutigt von den jüngsten Signalen aus Berlin, fordern der Branchenverband VSM und die Gewerkschaft IG Metall noch deutlich mehr Engagement der öffentlichen Hand in Deutschland und Europa für die maritime Industrie. Anlass für die gemeinsame Positionierung am Montag in Hamburg ist die diesjährige Nationale Maritime Konferenz Ende April in Emden. „Schiffbau und Meerestechnik sind eine Zukunftsbranche mit strategischer Bedeutung für Deutschland und Europa – technologisch führend, exportstark und sicherheitsrelevant“, sagte Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des VSM.

Die Europäische Kommission hat sich im Februar erstmals seit 2013 wieder zur Rolle des Schiffbaus in der Europäischen Union geäußert. Echte qualitative Fortschritte verzeichnet die Meeresindustrie dabei nicht – die Werften und ihre zahlreichen Zulieferunternehmen sind schon froh darüber, dass die EU das Thema überhaupt wieder einmal auf die Agenda gesetzt hat. „Die von der EU-Kommission präsentierte europäische Maritime Industriestrategie ist ein starkes Signal. Sie erkennt an, dass Schiffbau und Meerestechnik systemrelevant für Europas wirtschaftliche Sicherheit, Verteidigungsfähigkeit und technologische Souveränität sind“, sagt Lüken diplomatisch. Damit die Strategie spürbar Wirkung in der Realwirtschaft zeige, müssten nun vor allem die Mitgliedsländer handeln: „Die Bundesregierung ist sich dessen bewusst, denn sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Kommission die maritime Industriestrategie vorgelegt hat. Jetzt kommt es auf pragmatisches, ergebnisorientiertes Handeln an.“

Nach Informationen von Daniel Friedrich, dem Bezirksleiter Küste der IG Metall, arbeiten in den Stammbelegschaften der deutschen Werften derzeit wieder rund 20.000 Menschen, die endgültigen Zahlen für 2025 liegen allerdings noch nicht vor. Nach den Insolvenzen rund um die Pandemie war die Zahl der Beschäftigten auf den heimischen Werften auf 15.000 gesunken. Die bundesweit insgesamt 3000 Unternehmen, die dem Schiffbau und der Zulieferindustrie zugerechnet werden, beschäftigen etwa 80.000 bis 100.000 Menschen.

„Trotz voller Auftragsbücher bei den deutschen Werften und angekündigtem Beschäftigungsaufbau, steht die Branche vor großen Herausforderungen“, sagte Friedrich. „Alle Werften und Zulieferer müssen beteiligt werden, nur so ist es zu schaffen. Dafür muss die Branche noch stärker und konstruktiver zusammenarbeiten.“ Ein zentrales Thema dabei sei es, mehr Nachwuchs- und Fachkräfte für die Schiffbaubranche zu gewinnen, vor allem auch jüngere Frauen.

Angesichts zahlreicher Kriege und Krisen und der Unterwanderung multilateraler Abkommen wird derzeit die strategische Bedeutung des Schiffbaus besonders deutlich, bei der Fertigung von Handels- und auch von Marineschiffen. China drängt den Rest der Welt vor allem beim Bau von Handelsschiffen immer weiter in die Defensive, auch deshalb, weil es sich von seiner nicht regelkonformen Unterstützung seiner Schiffbauindustrie seit Jahrzehnten nicht abbringen lässt.

Im vergangenen Jahr lieferte China laut VSM einen umbauten Raum an Schiffstonnage von 33,8 Millionen CGT (Bruttoraumzahl) ab. In Europa inklusive der Nicht-EU-Mitglieder Großbritannien und Norwegen waren es 2,7 Millionen CGT, in den USA gerade einmal 100.000 CGT. Die Branche in Deutschland ist dabei auf technologisch besonders hochwertige Kreuzfahrtschiffe, Superyachten, Forschungsschiffe, Fähren und eine Vielzahl von Spezialschiffe fokussiert.

Die Bundesregierung setzte kürzlich ein wichtiges Signal für die zumeist mittelständischen deutschen Werften im Zivilschiffbau – sie nahm die Werften in ihr Großbürgschaftsprogramm des Bundes und der Länder mit auf, das erleichtert die künftige Finanzierung von Schiffbauprojekten erheblich.

Anders ist die Lage beim Bau von Marineschiffen. Eine stärkere Kooperation der europäischen Nato-Staaten insgesamt bei der Aufrüstung und auch im maritimen Bereich ist notwendig, um die verfügbaren öffentlichen Mittel effektiver einzusetzen. Die europäischen Staaten setzen eine Vielzahl unterschiedlicher Waffensysteme ein. Ansätze zur Vereinheitlichung kommen kaum voran, weder bei den Luftwaffen noch bei den Landstreitkräften oder den Marinen. „Europa muss sich darauf konzentrieren, den militärischen Output seiner sehr hohen finanziellen Eingaben zu maximieren – es muss mehr Ertrag aus jedem Euro ziehen, um endlich seine Möglichkeiten voll auszuschöpfen“, sagt Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW). „Europas Schwäche beruht auf der enormen Ineffizienz seiner Verteidigungsausgaben: Die Streitkräfte bleiben auf nationaler Ebene fragmentiert, was zu niedrigen Produktionsvolumina von Waffen, hohen Stückkosten, begrenzter Spitzentechnologie und politisch mächtigen nationalen Champions führt.“

Die Kooperation von Deutschland und Norwegen beim Bau von U-Booten ist ein positives Beispiel für einen europäischen Ansatz bei der Marinerüstung. TKMS in Kiel, das mehrheitlich zu ThyssenKrupp gehört, arbeitet dabei eng mit dem norwegischen Konzern Kongsberg zusammen. Im Orderbuch stehen derzeit jeweils sechs U-Boote des TKMS-Typs 212CD für die Deutsche Marine und die Königlich Norwegische Marine. Es sind die modernsten nicht-nuklearen U-Boote der Welt.

Auch VSM-Hauptgeschäftsführer Lüken und IG-Metall-Bezirksleiter Friedrich sehen die Notwendigkeit, dass die Marinewerften in Europa künftig stärker kooperieren. Derzeit aber geschieht genau das Gegenteil: Beim Bau von Überwasser-Marineschiffen dürften die nationalen Programme noch auf lange Zeit fragmentiert bleiben, auch in Deutschland. Das niederländische Unternehmen Damen Naval ist als Generalunternehmer daran gescheitert, die nächsten deutschen Fregatten des Typs F126 zeitgerecht herzustellen, der Rückstand auf den ursprünglichen Zeitplan beträgt bereits mehr als drei Jahre. Nun will der Rüstungskonzern Rheinmetall mit seiner von Lürssen soeben übernommenen Marinerüstungssparte das Projekt F126 übernehmen und zu Ende bringen – dabei geht es um sechs Fregatten für insgesamt rund zehn Milliarden Euro.

Auch die nächste deutsche Fregattengeneration F127 wird aus heutiger Sicht in deutscher Hand bleiben. Für die Unternehmen TKMS und Rheinmetall, die für die Konstruktion und den Bau der Schiffe ein Konsortium gebildet haben, gibt es bei der Bewerbung um den Auftrag keine Konkurrenz.

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Werften und Häfen.

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