Das Unicredit-Angebot stellt die Bundesregierung vor ein heikles Dilemma
Man hat niemals eine zweite Chance, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen, lautet eine ebenso bekannte wie abgedroschene Lebensweisheit. Im Fall von Andrea Orcel und seiner Annäherung an die Commerzbank aber passt sie – ebenso durchgekaut – wie die Faust aufs Auge. Der italienische Chef der Unicredit hat sich, um mal in Beziehungsbegriffen zu argumentieren, im Dunkel einer Verkaufsaktion vor anderthalb Jahren derart uncharmant an die Commerzbank herangemacht, dass sein Ruf in Frankfurt ziemlich ruiniert ist.
Nun unterscheidet sich das Verhältnis zwischen Unternehmen vom privaten Bereich, aber auch im Umgang zwischen Top-Managern ist persönliches Vertrauen ein nahezu unbezahlbares Gut. Orcell – der selbstbewusste Investmentbanker mit der Macho-Attitüde – steckt, was Vertrauen und Glaubwürdigkeit angeht, zumindest bei der Commerzbank tief in den Miesen.
Der Italiener weiß das. Anderthalb Jahre lang hat er versucht, vom ersten Fuß in der Tür der Commerzbank zumindest mal an den großen Tisch in der Essküche zu kommen. Dennoch steht er nach all der Zeit, obwohl er Milliarden in die Hand genommen und damit sogar ordentlich Rendite gemacht hat, noch immer wie ein Bittsteller im Flur herum.
Andrea Orcel ist seit 2025 CEO der UnicreditFür den selbstbewussten Investmentbanker fühlt sich das vermutlich ein bisschen entwürdigend an. Er, der große Andrea Orcel von der großen Unicredit, wird von der gar nicht so überwältigenden Commerzbank nicht zum Gespräch vorgelassen. Für ihn ist das mittlerweile rufschädigend.
Orcel hofft auf „konstruktiven Dialog mit Commerzbank“
Weil die Lage so verfahren ist, hat Orcel am Anfang dieser Woche etwas getan, was jeder normale Bieter schon lange getan hätte: Er hat ein Angebot für die Übernahme der Commerzbank vorgelegt. Das Umtauschverhältnis soll in den nächsten Tagen festgelegt werden. Erwartet wird, dass Orcel den Commerzbank-Aktionären 0,485 neue Unicredit-Aktien für jede Commerzbank-Aktie bietet. Beim Schlusskurs vom Freitag entspräche das einem Preis von 30,80 Euro oder einem Aufschlag von vier Prozent.
Der CEO der Italo-Bank hofft damit, über die im deutschen Übernahmerecht wichtige Schwelle von 30 Prozent zu kommen und damit „in den kommenden Wochen einen konstruktiven Dialog mit der Commerzbank und ihren Stakeholdern zu fördern“. Um in der besser verständlichen Sprache privater Beziehungen zu bleiben: Orcel will den Platz am Esstisch auf diese Art erzwingen, damit er endlich mit der Tochter selbst und deren Großfamilie reden kann. Vermutlich wird ihm das auch gelingen.
Was die Bundesregierung als wichtigsten Teil dieser Familie – immerhin hält sie gut zwölf Prozent der Aktien – vor ein heikles Dilemma stellt. Schon die Ampel-Koalition hatte sich nach anfänglichem Wirrwarr gegen die Übernahme gestellt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und die Seinen haben sich ähnlich positioniert. Bislang ließ sich das unter Verweis auf Orcels unglückseligen Start und dessen ziemlich brachiale Art der Annäherung auch irgendwie erklären.
Wenn der Italiener aber jetzt mit konkreten Angeboten um die Ecke käme – etwa wenn er verspräche, die Verantwortung für zentrale Teile des Geschäfts in Frankfurt anzusiedeln und nicht in Mailand –, wäre es politisch kaum nachvollziehbar, wenn Vater Staat ‚Nein‘ sagen würde.
Der großangelegte Stellenabbau, der dann droht, ist unangenehm – gerade vor dem Hintergrund einer steigenden Arbeitslosigkeit. Als zentrales Argument gegen eine innereuropäische Bankenehe aber reicht er nicht aus.
Global gesehen lehrt uns US-Präsident Donald Trump seit Amtsantritt doch eines: Wir Europäer müssen in dieser Welt zusammenhalten, wenn wir gegen die Großmächte USA, China und Russland nicht untergehen wollen. Italien ist innerhalb der EU einer der wichtigsten Partner.
Der Unicredit den Segen der Politik für eine Bankenehe zu verweigern, nur weil man möchte, dass die eigene Bank möglichst lebenslang solo bleibt, ist in diesem Umfeld kein gutes Argument. Erst recht, wenn man eigentlich weiß, dass die Commerzbank auf Dauer allein etwas klein sein könnte in einem Markt, der zu Größe neigt.
Wenn Orcel also seine Hausaufgaben gemacht hat – wie gesagt, wenn –, dann müsste die Politik ihr Veto überdenken. Dann könnten am Ende auch die Commerzbank-Aktionäre rein ökonomisch entscheiden, ob die Mitgift aus Mailand groß genug ist, um die Frankfurter in diese Beziehung zu schicken. Unterm Strich wäre dieses entpolitisierte Vorgehen die sauberste Lösung.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Jan Dams ist Chefreporter WELT AM SONNTAG.
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