Wie das Industrieland Nummer eins zum KI-Standort mutieren möchte
Es gibt wohl nur wenige Orte im Ruhrgebiet, die so sehr für Aufbruch und Zukunft stehen wie der Technologiepark Dortmund. Seit über 40 Jahren ist er die Heimat von Hightech-Unternehmen. Die Firma EUnet bot Anfang der 1990er-Jahre von hier aus die ersten privaten Internetzugänge an, der Halbleiterhersteller Elmos Semiconductor wurde 1984 im Technologiepark gegründet, und auch das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik sitzt auf dem Areal zwischen der Technischen Universität und der A40.
Top-KI-Start-ups – in Dortmund an der A40
Inzwischen haben sich 300 Unternehmen dort angesiedelt. Eines der jüngsten von ihnen ist die Logistikbude, eines der erfolgreichsten KI-Start-ups in NRW. Gegründet Ende 2021, hat die Logistikbude heute mehr als 30 Mitarbeiter. Der Dienstleister für Logistik-Unternehmen sorgt mithilfe von Künstlicher Intelligenz dafür, dass die Kunden den Überblick behalten, bei wem ihre Container, Paletten und Kisten im Einsatz sind und wessen Ladungsträger, so der Fachausdruck, sich gerade in den eigenen Hallen befinden. Weltweit gibt es etwa zehn Milliarden dieser Ladungsträger. Allein in Europa gibt es rund 650 Millionen Europaletten. „Der Gesamtwert der weltweit zwischen Unternehmen gebuchten Ladungsträger entspricht in etwa dem Bruttoinlandsprodukt Deutschlands“, sagt Philipp Hüning, Chef und Mitgründer der Logistikbude.
Die Ladungsträger großer Unternehmer hätten oft den Wert ihres Jahresumsatzes, so Hüning. „Wenn Sie davon ein oder zwei Prozent verlieren, ist praktisch die gesamte Marge weg. Das ist ein wirtschaftlich kritisches Thema.“ Und eines, um das sich lange Zeit kaum ein Unternehmen gekümmert hat – bis die Logistikbude kam: „Unser System kann alle Daten verarbeiten. Ob sie aus 40 Jahre alten Datenbanken kommen, von Lieferscheinen oder Fotos, ist egal“, erklärt Hüning. Es sei wie ein großer Trichter. „Alles, was Informationen zu Ladungsträgern enthält, wird hineingekippt.“ Eine Bilderkennungssoftware erkenne auf einem Foto nicht nur die Zahl der Paletten, sondern auch, um welchen Typ es sich handle.
Dem Ruhrgebiet verbunden
Große Logistiker wie Emons, Nagel und Dachser gehören heute zu den Kunden des schnell wachsenden Unternehmens. Nennenswerte Förderung habe man nie erhalten, sagt Hüning: „Ein Unternehmen muss wirtschaftlich erfolgreich werden. Öffentliche Förderung kann höchstens zu viel Druck rausnehmen.“ Von Anfang an setzte die Logistikbude auf Investoren, die Rendite sehen wollen. Bald steht die nächste Finanzierungsrunde an. Bei der ersten kamen 2,3 Millionen Euro zusammen. Bei der nächsten soll die Summe deutlich höher ausfallen. Aus Dortmund wegziehen will Hüning nicht: „Wir fühlen uns dem Ruhrgebiet sehr verbunden.“
Gehen die Pläne der in Essen ansässigen BRYCK Startup Alliance auf, wird das Ruhrgebiet in den kommenden Jahren einen Boom an neuen KI-Unternehmen erleben. Neun Milliarden Euro will Bryck-Beirat und Investor Gisbert Rühl in den kommenden zehn Jahren dafür mobilisieren. Bei Bryck denken sie groß, und das aus guten Gründen. Zu den Gründern gehören neben der Ruhr-Uni Bochum, der TU Dortmund und der Uni Duisburg-Essen auch die RAG-Stiftung und der Initiativkreis Ruhr, in dem sich Konzerne wie Evonik, RWE und LEG Wohnen zusammengeschlossen haben.
„Future“, überall „Future“
Future Industries, Future Cities und Future Life Science sind die drei großen Themen, denen sich Bryck widmet. KI ist für Philippa Köhnk, Mitglied der Geschäftsleitung, ein Querschnittsthema: „Ich halte es für unwahrscheinlich bis unmöglich, ein Unternehmen ohne KI aufzubauen.“ Die Bryck-Allianz will Unternehmen bei der Gründung, dem ersten Wachstum und der Skalierung begleiten. Bei der Entwicklung der Ideen wird eng mit den Universitäten zusammengearbeitet, bei der Vermittlung der ersten Kunden und der Beschaffung von Kapital helfen die Kontakte zu den Unternehmen und Investoren.
Köhnk sieht Bryck aber auch als eine Art Dolmetscher. Wenn der Wissenschafts- auf den Unternehmenskosmos treffe, scheitere eine Zusammenarbeit oft daran, dass man unterschiedliche Sprachen spreche, sagt sie. Es gebe auch einen Fonds, der Uni-Gründungen helfen soll, das „Tal des Todes“ zwischen dem Abschluss der Forschung und dem ersten Kunden zu überbrücken. Fremd ist Bryck das berüchtigte Kirchturmdenken des Ruhrgebiets: Wenn ein Unternehmen von einer Stadt in eine andere umziehe, sei das egal. Hauptsache, es habe Erfolg.
Prognosen für Hochwasser und Extremwetter
NRW ist nicht das Silicon Valley, hat aber dennoch im Bereich KI etliche Unternehmen vorzuweisen: DeepL aus Köln, das die präziseste Übersetzungssoftware der Welt geschaffen hat, ist eines der wenigen „Einhörner“ Deutschlands, das mit über einer Milliarde Dollar bewertet wurde. Ein anderes Einhorn aus NRW, Cognigy aus Düsseldorf, wurde verkauft. Der US-Konzern Nice hat den Spezialisten für KI-Agenten im vergangenen Jahr übernommen.
Die beiden gehören zu einer breiten Phalanx von Start-ups, die mit KI-Anwendungen auf die Märkte drängen: Amber Tech aus Aachen bereitet Unternehmensdaten auf und macht sie durchsuchbar und automatisiert nutzbar. Ebenfalls aus Aachen kommt FloodWaive, das Extremwetter- und Flutprognosen in Sekunden liefert. Das Bochumer Start-up Gemesys arbeitet an einer Hardware-Architektur, die sich am Aufbau des menschlichen Gehirns orientiert und Rechnen und Speichern enger verzahnt, um Energieverbrauch und Datenengpässe klassischer KI-Prozessoren zu umgehen.
Geschäfte statt Pizza
109 KI-Unternehmen aus NRW finden sich auf der Seite des deutschen KI-Verbands. Das ist im Vergleich zu Bayern mit 116 Unternehmen eine gute Zahl. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl liegt Berlin mit 97 Unternehmen vorn.
Berlin wird in der Branche gerne als Hauptstadt der Pizza-Apps bezeichnet. In NRW hingegen lägen die Stärken im Segment der Geschäftsanwendungen, sagt Christian Temath, Geschäftsführer der landeseigenen Kompetenzplattform KI.NRW. Viele Start-ups würden sich an der breiten Industriestruktur des Landes orientieren, seien bei Batterietechnologien aktiv, in der Logistik oder der Simulation von Produktionsprozessen. „Nordrhein-Westfalen gehört zu den Top 25 der Wirtschaftsregionen weltweit.“ Dass ein Gründer wie Philipp Hüning von der Logistikbude Förderung skeptisch sieht, kann Temath verstehen: „Je nach Förderprogramm sind die Antragsformalia mehr oder weniger bürokratisch, und das macht ein agiles Unternehmen natürlich nicht schneller.“
Start-ups brauchen Umsatz statt Förderung
Aber viele Gründungen aus den Universitäten seien zunächst auf Kapital angewiesen, sagt Temath. Dafür gebe es Formate wie „Start-up Transfer.NRW“, bei dem man bis zu 270.000 Euro bekomme. Die NRW.Bank biete darüber hinaus Venture Capital für Unternehmen, die ein starkes Wachstum über Beteiligungen finanzieren wollen. Rasmus Rothe, Vorsitzender des KI-Bundesverbands, habe einmal gesagt, Start-ups brauchten keine Förderung, sondern Umsatz. „Das trifft einen wichtigen Punkt. Für jede Finanzierungsrunde schauen Investoren auf die Umsätze.“
Dabei helfe Förderung nicht direkt, so Temath. Sie sei zwar gut für die Liquidität und zum Begleichen von Rechnungen, aber Umsätze würden in den Gesprächen mit Investoren deutlich mehr helfen. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) will, dass KI statt Kohle die wirtschaftliche Zukunft des Landes bestimmt. Die Grundlagen dafür sind gelegt. Aber entscheidend wird sein, ob sich die KI-Strategie des Landes in der Wirklichkeit bewähren kann.
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