„Ein Regimewechsel im Iran kann das deutsche Wirtschaftswachstum um 0,5 Prozent beschleunigen“
Steigende Energiepreise, fallende Aktienkurse, der Krieg im Nahen Osten sorgt für heftige Reaktionen an den Märkten. Und das in einer Zeit, in der die Verunsicherung bei vielen Investoren und in vielen Unternehmen ohnehin schon „überall hineinfrisst“, wie Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Felbermayr sagt.
Der Österreicher war Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, bevor er 2021 als Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung nach Wien ging. Der ausgewiesene Experte für Außenhandel und Energiemärkte ist der designierte Nachfolger von Ulrike Malmendier im fünfköpfigen Rat der Wirtschaftsweisen, dem wichtigsten Beratungsgremium der deutschen Bundesregierung in Wirtschaftsfragen. Am Mittwoch will das Kabinett die Position neu besetzen.
WELT: Herr Felbermayr, welche Folgen hat der Irak-Krieg für die Weltwirtschaft?
Gabriel Felbermayr: Lassen Sie mich zwischen der kurzfristigen und der langfristigen Perspektive unterscheiden. Kurzfristig kosten die Ereignisse im Nahen Osten alle viel Geld: Gas ist teurer geworden, Erdöl ist teurer geworden, die Unsicherheit bei Investoren und in den Chefetagen der Unternehmen sind gestiegen. Das alles wirkt weltweit konjunkturdämpfend. Deutschland ist dabei wahrscheinlich nicht einmal am stärksten betroffen – eher Asien, dort ist die Abhängigkeit von Öl und Gas aus den Golfstaaten größer.
WELT: Hohe Energiepreise auf den Weltmärkten werden alle spüren.
Felbermayr: Das stimmt. Wenn die Preise für Öl und Gas dauerhaft höher notieren, steigt der Inflationsdruck. Entscheidend ist, wie sich die Lage rund um die Straße von Hormus entwickelt. Diese Route ist für einen erheblichen Teil des globalen Öltransports zentral. Schon die Erwartung von Störungen treibt Preise.
WELT: Wie groß ist das Risiko eines neuen Energiepreisschocks in Europa, ähnlich wie 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine?
Felbermayr: Die Dimension wäre vermutlich kleiner als 2022. Damals war es vor allem ein Gaspreisschock, und Gas ist über den Strompreis extrem relevant. Jetzt ist die Krise eher im Ölbereich. Aber auch hier gilt: Wenn Erdöl teurer wird, wird Gas teurer – und wenn Gaskraftwerke preisrelevant sind, gerät der Strompreis wieder unter Druck.
WELT: Der Gaspreis ist zu Wochenbeginn sogar noch stärker gestiegen als der Ölpreis.
Felbermayr: Vor vier Wochen war der Preis für Gas aber auch schon einmal in der Höhe. Die Gasmärkte werden sich jetzt neu sortieren. 2022 war das Epizentrum in Europa. Wenn das Epizentrum dieses Mal stärker in Asien liegt, weil dort die Gas-Abhängigkeit vom Golf größer ist, kann das dennoch auf Europa durchschlagen – etwa über den Wettbewerb um Flüssiggas-Ladungen.
WELT: Womit wir bei den weltweiten Lieferketten sind. Die Schifffahrtsrouten sind eingeschränkt, der Flughafen Dubai als weltgrößtes Luftverkehrsdrehkreuz gesperrt. Wie groß ist hier das Risiko für das Wirtschaftswachstum?
Felbermayr: Bei der Containerschifffahrt ist der Umweg um Afrika wegen der Huthi-Aktivitäten ohnehin seit Monaten Realität – da ändert sich zunächst nichts Dramatisches. Aber in der Luftfahrt wird es komplizierter: Der russische Luftraum ist geschlossen. Wenn dann auch Ausweichrouten über den Nahen Osten ausfallen, wird der Umweg nach China groß, Luftfracht wird teurer und langsamer. Der Iran-Krieg führt zumindest kurzfristig zu längeren Lieferzeiten und höheren Preisen. Gerade bei einer schwachen Konjunktur in Deutschland brauchen wir solche zusätzlichen Verwerfungen „wie einen Kropf am Hals“.
WELT: Was heißt das konkret in diesem und dem nächsten Jahr für Deutschland?
Felbermayr: Wenn sich höhere Energiepreise verfestigen, kommt Inflationsdruck zurück. Dann werden Investitionsentscheidungen noch schwieriger – nicht primär wegen möglicher höherer Zinsen, sondern wegen der weiter steigenden Gesamtunsicherheit, die heute schon überall hineinfrisst. Wir würden eine breite Zurückhaltung sehen. Hinzu kommt: Teurere Energie und unsichere Transportwege treffen besonders die exportorientierten, energieintensiven Branchen, also viele Kernbranchen in Deutschland. Selbst wenn einzelne Lieferstränge stabil bleiben, reicht schon ein globaler Preisimpuls, um die Kalkulationen zu verschlechtern. Das ist Gift für eine Wirtschaft, der es ohnehin schwerfällt, aus der Stagnation herauszukommen.
WELT: Und wie sieht die langfristige Perspektive aus? Kann aus dem Konflikt nicht auch eine Gewinnergeschichte für die Wirtschaft werden?
Felbermayr: Langfristig bin ich durchaus optimistisch. Wenn es wirklich so käme, dass die Mullahs im Iran Geschichte werden und Iran wieder ein vollwertiges Mitglied der Weltgemeinschaft, wäre das für Europa und die Welt attraktiv. Nicht nur, weil Gas und Erdöl günstiger würden, sondern weil Iran ein großes Land mit rund 90 Millionen, überwiegend gut ausgebildeten Einwohnern ist. Im Iran gibt es ein gewaltiges wirtschaftliches Aufholpotenzial. Seit Jahrzehnten hat sich durch die weitgehende Isolation das Pro-Kopf-Wachstum kaum verändert. Wenn Sanktionen aufgehoben würden, Kapital ins Land fließen kann und tatsächlich Wiederaufbau passiert, dann wäre das – etwa für den deutschen Maschinenbau – eine echte Chance.
WELT: Wie schnell ließen sich Wirtschaftsbeziehungen aufbauen?
Felbermayr: Das hängt davon ab, wie schnell man an die Stabilität eines neuen Regimes glauben will und kann. Vergangene Regimewechsel in der Region zeigen, dass es nicht einfach ist. Die Ampeln könnten von Rot auf Gelb springen – aber nicht sofort auf Grün. Es kommt darauf an, welche Form der Veränderung stattfindet und wie sehr Europa und Deutschland den Prozess unterstützen. Wenn die Europäische Union, die Vereinigten Staaten und andere Länder mit hohem Kapitaleinsatz das Land wirtschaftlich voranbringen, kann es relativ rasch interessant werden. Wenn man zögert und nur Risiken sieht, dauert es länger. Oder es geht schief.
WELT: Lässt sich das Potenzial für die deutsche Wirtschaft beziffern?
Felbermayr: Wir haben das für Deutschland quantifiziert: Ein Regimewechsel im Iran kann das deutsche Wirtschaftswachstum um 0,5 Prozent beschleunigen.
WELT: Wie kommen Sie darauf?
Felbermayr: Deutschland würde von zwei Faktoren besonders profitieren: Mit der Aufhebung der Sanktionen hätten deutsche Exporteure wieder direkter Zugang zum iranischen Markt. Zudem würden die Energiepreise weltweit sinken, weil sehr viel mehr iranische Ausfuhren auf die Weltmärkte kämen.
WELT: Ein halbes Prozent Wirtschaftswachstum durch den beschriebenen Iran-Effekt klingt viel.
Felbermayr: Das ist viel. Von dem über Jahrzehnte verhandelten und gerade abgeschlossenen Handelsabkommen Mercosur mit Lateinamerika erwarten wir lediglich ein Plus von 0,1 bis 0,2 Prozent. Beim Iran ist das Potenzial größer, weil das Land näher liegt. Man könnte sich etwa vorstellen, über Aserbaidschan iranisches Gas via Pipeline nach Europa zu exportieren. Zudem gibt es eine große iranische Diaspora in Europa, auch in Deutschland. Ich bin davon überzeugt, dass über Netzwerkeffekte recht schnell eine neue, intensivere Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern aufgebaut werden könnte. Brasilianer oder Argentinier leben längst nicht so viel in Deutschland.
WELT: Inwiefern vertieft sich durch den Krieg im Nahen Osten die Fragmentierung des Welthandels? Schon jetzt findet Handel verstärkt innerhalb von geopolitischen Blöcken – mit den Vereinigten Staaten und China als Antipoden – statt. Wird der Iran-Konflikt die Blockbildung weiter verschärfen?
Felbermayr: Blockbildung ist Sand im Getriebe des Welthandels: Man bezieht Waren und Dienstleistungen nicht mehr dort, wo es ökonomisch am besten wäre, sondern aus geopolitischen Gründen. Die Sorge ist, dass aus handelspolitischer Konfrontation militärische wird – und der Westen hat mit Russland und nun auch Iran entlang solcher Bruchlinien Probleme. Ich erwarte aber nicht automatisch eine neue Sanktionsspirale zwischen China und dem Westen wegen Iran. Iran ist isoliert.
WELT: Sie meinen, rein wirtschaftlich hat China im Iran ähnliche Interessen wie der Westen?
Felbermayr: China hat ein enormes Interesse, dass die Straße von Hormus offen bleibt, die Tanker zügig wieder passieren können. Das ist vital. In diesem Punkt könnten sich Interessen zwischen den Vereinigten Staaten, Europa und China tatsächlich überschneiden. Alle haben das Ziel, die Seewege offenzuhalten.
WELT: Apropos Welthandel, Bundeskanzler Friedrich Merz will diese Woche in Washington auch über das ungelöste Zoll-Thema mit US-Präsident Donald Trump sprechen. Was sollte dabei das Ziel Deutschlands sein?
Felbermayr: Deutschland, die EU und die USA haben so viele gemeinsame Interessen – diese sollten im Vordergrund stehen. Etwa, wie man bei der Beschaffung kritischer Rohstoffe zusammenarbeiten, globale Überkapazitäten in der Schwerindustrie angehen und die Unterbewertung der chinesischen Währung bekämpfen kann. Wenn man hier gemeinsam gute Antworten findet, dann sollte es auch bei den Industriezöllen leichter werden, wieder von den für beide Seiten schädlichen Barrieren herunterzukommen.
WELT: Werden Sie die Bundesregierung künftig offiziell in Wirtschaftsfragen beraten und in den Sachverständigenrat einziehen?
Felbermayr: Da warten wir die Kabinettssitzung am Mittwoch ab. Danach können wir auch über dieses Thema sprechen.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider Deutschland erstellt.
Karsten Seibel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet unter anderem über Haushalts- und Steuerpolitik.
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