Deutsche sind im Homeoffice disziplinierter als ihre europäischen Nachbarn
Der Küchentisch mutiert zum Schreibtisch, das Sofa zur Telefonzentrale und die Kommode zum Sammelplatz für Ladegeräte. Egal, ob es Tele-Arbeit, Homeoffice oder mobiles Arbeiten heißt: Arbeitnehmer sind in Deutschland längst nicht mehr an den Sitz des Unternehmens gebunden.
Das Verlangen nach der Arbeit von zu Hause hat sich seit der Corona-Pandemie grundlegend verändert. Das geht aus der großangelegten „Home & Office – Better Together“-Studie von PwC hervor. Demnach wollten vor der Covid-19-Krise nur 22 Prozent der Beschäftigten in Deutschland mindestens einmal pro Woche im Homeoffice arbeiten. Mit Beginn der Pandemie stieg dieser Wunsch sprunghaft auf 71 Prozent. Für 2026 erwarten die Studienautoren sogar 88 Prozent.
Homeoffice ist damit von der Ausnahme zur festen Erwartung geworden – vor allem für junge Arbeitnehmer. Laut der PwC-Analyse ist vor allem die Flexibilität, die das Homeoffice mit sich bringt, ein entscheidendes Kriterium bei der Jobwahl. Für mehr als die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen ist die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, dabei ausschlaggebend. Bei den 30- bis 39-Jährigen liegt der Wert ähnlich hoch. Mit zunehmendem Alter verliert das Thema an Gewicht. In der Gruppe der über 60-Jährigen halten nur wenige Homeoffice für entscheidend, für viele hat es keine Relevanz.
Über die Haltung zur Tele-Arbeit entscheidet aber nicht nur das Alter, sondern zum Beispiel auch der Arbeitsweg. So ist die Heimarbeit besonders beliebt bei Pendlern. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamts arbeiten 42,2 Prozent der Angestellten gelegentlich von zu Hause, wenn sie mindestens 50 Kilometer zur Arbeitsstätte pendeln. Bei einer Entfernung von 25 bis unter 50 Kilometern sind es noch 28,8 Prozent. Je kürzer der Weg, desto geringer der Bedarf: Unter fünf Kilometern liegt der Anteil bei 13,9 Prozent.
Auch der Blick auf die Produktivität spricht für das Arbeiten von zu Hause. Laut der PwC-Studie schätzen immer mehr Beschäftigte ihre Leistung im Homeoffice als ebenso hoch ein wie im Büro. 2021 gaben 30 Prozent an, zu Hause produktiver zu arbeiten, 2025 lag der Wert bei 43 Prozent. Weitere 46 Prozent erwarten, im Homeoffice gleich produktiv zu sein wie im Büro. Gleichzeitig schrumpft die Gruppe derjenigen, die sich zu Hause weniger leistungsfähig fühlen: von 17 Prozent im Jahr 2021 auf nur noch 11 Prozent im Jahr 2025.
Eine Auswertung von YouGov und Galaxus relativiert zugleich eine der häufigsten Sorgen rund um das Homeoffice. Demnach lässt sich der Vorwurf, zu Hause werde besonders viel Arbeitszeit zweckentfremdet, für Deutschland kaum halten. Im europäischen Vergleich nutzen Beschäftigte hierzulande ihre Arbeitszeit am seltensten für private Tätigkeiten. So geben 31 Prozent der Befragten an, im Homeoffice keine Minuten für nicht-berufliche Dinge aufzuwenden. Weitere 19 Prozent liegen bei maximal 15 Minuten. Längere private Unterbrechungen bleiben die Ausnahme: Nur sechs Prozent kommen auf mehr als zwei Stunden täglich.
In Ländern wie Frankreich oder Italien fallen die Werte deutlich höher aus, dort verbringen deutlich mehr Beschäftigte ein bis zwei Stunden oder sogar mehr mit privaten Erledigungen während der Arbeitszeit. Der Blick ins Ausland zeigt damit: Homeoffice bedeutet nicht automatisch Kontrollverlust. Zumindest in Deutschland scheint es eher von Disziplin als von Missbrauch geprägt zu sein.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Lea M. Oetjen schreibt seit 2025 als Redakteurin für WELT. Für ihre Arbeit erhielt sie den „Axel Springer Preis“. Das Magazin „Wirtschaftsjournalist:in“ wählte sie 2026 in die „Top 30 bis 30“-Liste der jungen Talente. Thematisch liegt ihr Schwerpunkt irgendwo zwischen Finanzen, Immobilien, Geldanlage, Wirtschaft, Börse und Social Media. Sie ist Co-Host des WELT-Podcasts „Alles auf Aktien“.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke