Warum Frauen häufiger und Chefs seltener fehlen – Die Wahrheit über Krankschreibungen
Es ist wieder die Zeit, in der sich die Krankheitsfälle häufen: Die Höhepunkte der Grippewellen liegen in Deutschland normalerweise zwischen Januar und März, in den vergangenen Jahren erreichten die Fallzahlen ihren Gipfel in den ersten Februarwochen. Mitten in der Grippesaison melden sich aber auch Wirtschaftsvertreter zu Wort, die über steigende Zahl von Krankschreibungen ihrer Mitarbeiter klagen und politische Maßnahmen zu deren Eindämmung fordern.
Das ist ein heikles Thema. Das grundsätzliche Problem in diesem Feld sei, „Blaumacher vom Krankmachen abzuhalten, ohne diejenigen zu bestrafen, die wirklich krank sind“, sagt Nicolas Ziebarth, Leitender Ökonom am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Doch das ist leichter gesagt als getan.
Ein Blick in die Statistiken zeigt warum: Zwar gibt es einen reichen Datenschatz zu Krankschreibungen, zugleich aber einen großen Bereich, der statistisch nahezu im Dunkeln liegt. Das erschwert die Debatte erheblich. Daten helfen allerdings dabei, Fakten von Mythen zu trennen.
Darum ist die Zahl der Krankschreibungen stark gestiegen
Hier müssen zwei Entwicklungen unterschieden werden. Zum einen steigt die Zahl der Krankschreibungen und Krankheitstage seit Jahren leicht, aber stetig. Zum anderen kam es 2022 zu einem abrupten Sprung nach oben und seitdem steigen die Zahlen weiter. Auf dieses plötzliche Plus beziehen sich meist jene, die über die Zunahme von Krankheitsfällen klagen. Für beide Entwicklungen gibt es plausible Erklärungen.
Den sprunghaften Anstieg nach dem Ende der akuten Corona-Phase führen viele Beobachter zwar auf mehr Atemwegserkrankungen nach den Lockdowns zurück. Sie sind ein Teil der Erklärung, aber deutlich gewichtiger ist ein anderer Faktor: Seit 2022 müssen Ärzte Krankschreibungen automatisch an die Krankenkassen übermitteln. Dadurch wurde schlagartig eine große Dunkelziffer sichtbar.
Experten gehen davon aus, dass zuvor viele Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen zwar bei Arbeitgebern oder Versicherten vorlagen, aber nie bei den Kassen ankamen. Ihr Fazit: Das Niveau der Krankschreibungen war schon früher ähnlich hoch, es ist nur nicht in den Statistiken aufgetaucht.
Die telefonische Krankschreibung, die etwa auch von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) jüngst kritisiert wurde, gilt Experten hingegen nicht als starker Treiber des Anstiegs. Von 26,4 Millionen Krankschreibungen wegen Atemwegsinfekten bei AOK-Versicherten entfielen lediglich rund 145.000 auf telefonische Bescheinigungen – rechnerisch etwa 1,5 Prozent.
„Es gibt keine Evidenz, dass dieser geringe Anteil für die hohen Krankenstände verantwortlich ist“, sagt Helmut Schröder. Er ist Mitherausgeber des Fehlzeiten-Reports und Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Der jährlich erscheinende Report wertet die Krankschreibungsdaten aller AOK-Versicherten aus.
Darum steigen die Fehlzeiten langfristig
Experten nennen vor allem drei Gründe. Erstens: Die Belegschaften werden mit der Bevölkerung älter. Arbeitnehmer arbeiten zudem immer länger, weil das gesetzliche Renteneintrittsalter steigt. Erkrankungen verlaufen im höheren Alter oft schwerer, Ausfallzeiten sind länger und häufig erkranken ältere Personen an mehreren Krankheiten gleichzeitig. Mediziner sprechen dabei, wenig charmant, von Multimorbidität.
Zweitens: Der Anteil berufstätiger Frauen ist deutlich gestiegen. „Frauen sind nicht per se häufiger krank als Männer“, sagt Fehlzeiten-Experte Schröder. „Aber sie sind höheren Belastungen ausgesetzt, weil vorrangig sie es sind, die sich um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige kümmern.“ Zudem arbeiteten viele Frauen in sozialen Berufen mit hoher psychischer Belastung. Psychische Erkrankungen wiederum führen im Schnitt zu deutlich längeren Fehlzeiten als etwa Atemwegserkrankungen.
Drittens: Deutschland entwickelt sich zunehmend zu einer Dienstleistungs- und Wissenswirtschaft. „Der klassische Metallarbeiter ist längst nicht mehr der typische Arbeitnehmer“, sagt Schröder. Das zeigt sich auch in den Daten: Krankschreibungen wegen Muskel- und Skeletterkrankungen oder Verletzungen stagnieren, während jene aufgrund psychischer Erkrankungen seit Jahren zunehmen. Die Anforderungen und Belastungen moderner Arbeitsplätze begünstigen diese Entwicklung.
Wie verbreitet ist Blaumachen?
Wenn CSU-Chef Markus Söder sagt: „Das Blaumachen muss reduziert werden“, impliziert er, dass viele Arbeitnehmer zu Hause bleiben, obwohl sie gesund sind. Wie verbreitet dieses Phänomen ist, lässt sich jedoch kaum belastbar sagen.
Dass Blaumachen weniger verbreitet ist, als oft vermutet, darauf deuten Umfragen hin. In einer DAK-Erhebung aus dem Jahr 2024 gaben 92,2 Prozent der Befragten an, nie ohne triftigen Grund der Arbeit fernzubleiben.
Auch Zahlen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, der Diagnosen kontrolliert, sprechen dafür: In den Jahren 2022 und 2023 wurden von knapp 68 Millionen Krankheitsfällen lediglich 13.648 auf Drängen der Arbeitgeber überprüft; nur in 11,4 Prozent dieser Fälle kamen Ärzte zu dem Schluss, dass keine weitere Arbeitsunfähigkeit vorlag.
Zwar werden besonders viele Krankschreibungen montags ausgestellt: 2024 etwa entfielen rund 37 Prozent aller Bescheinigungen für AOK-Versicherte auf diesen Wochentag. Doch daraus lasse sich kein „Blaumach-Montag“ ableiten, betonen die Autoren des Fehlzeiten-Reports. Wären Arztpraxen auch am Wochenende regulär geöffnet, würden sich alle überschüssigen Fälle auf Samstag und Sonntag verteilen. Der Montag erscheint deshalb statistisch überhöht.
Ein großes Aber bleibt dennoch: In den Statistiken fehlen all jene Fälle, in denen Arbeitnehmer nur ein, zwei oder drei Tage krank sind. Ein ärztliches Attest ist gesetzlich erst ab dem vierten Krankheitstag vorgeschrieben. Zwar können Arbeitgeber auch früher eines verlangen, doch die meisten verzichten darauf.
Nur 20 Prozent der Arbeitnehmer haben einen misstrauischen Arbeitgeber und müssen ab dem ersten Tag ein Attest vorlegen. Öffentliche Statistiken erfassen aber nur attestierte Krankheitstage. Kurzzeit-Ausfälle ohne Krankschreibung bleiben unsichtbar.
Wer ist besonders häufig krank?
Die Verteilung der Fehlzeiten ist stark konzentriert: Rund 80 Prozent aller Krankheitstage entfallen auf nur 22 Prozent der Beschäftigten. Ein Viertel der Tage geht sogar auf lediglich 1,8 Prozent zurück – meist Menschen mit schweren oder langwierigen Erkrankungen wie Krebs, psychischen Leiden oder Erkrankungen des Bewegungsapparats.
Junge Arbeitnehmer sind besonders häufig krankgeschrieben, ältere dagegen deutlich länger. Bei 15- bis 19-Jährigen kommen auf 100 AOK-Versicherte rund 444 einzelne Krankschreibungen, bei 55- bis 59-Jährigen nicht einmal halb so viele.
Experten erklären das mit einem riskanteren Lebensstil, mit mehr sozialen Kontakten, Sport, Clubbesuchen und Nutzung von ÖPNV oder Fahrrad. Jugendliche fehlen im Schnitt nur wenige Tage, ältere Beschäftigte dagegen im Schnitt mehrere Wochen.
Und wer fehlt selten?
Gutverdiener, hochgebildete Arbeitnehmer und vor allem Führungskräfte sind seltener krankgeschrieben. Untersuchungen wie die klassischen Whitehall-Studien unter Angestellten im britischen öffentlichen Dienst haben dafür eine Reihe von Erklärungen: einen gesünderen Lebensstil mit mehr Sport und besserer Ernährung, mehr Geld für Prävention und Ärzte und einen körperlich weniger belastenden Alltag. Eine Verkäuferin im Backshop etwa, die um 5 Uhr morgens die U-Bahn nimmt, ist stärker belastet als ein Hochschullehrer, der um 9 Uhr mit dem Auto an die Uni fährt oder gar aus dem Homeoffice Sprechstunden hält.
Eine aktuelle Untersuchung von Stephanie Funk von der Universität Augsburg zeigt, dass gerade Führungskräfte und Topmanager aus Pflichtgefühl, Zeitdruck und der Notwendigkeit ständig erreichbar zu sein, seltener krankgeschrieben sind, aber auch häufiger trotz Krankheit arbeiten.
Dazu trägt vermutlich auch bei, dass sie in ihren Tätigkeiten viel Gestaltungsspielraum haben. Etliche wissenschaftliche Studien belegen seit den 1970er-Jahren eindeutig, dass Personen mit mehr Autonomie im Beruf, die stärker über Arbeitszeit, Methoden und Abläufe ihrer eigenen Arbeit entscheiden können, zufriedener im Job sind und mehr Verantwortungsbewusstsein für die eigene Arbeit und das Team haben. Die Kehrseite: Ausgeprägtes Pflichtbewusstsein und Arbeiten bei Krankheit kann dazu führen, dass Krankheiten verschleppt werden und später im Extremfall für umso längere Ausfälle sorgen.
Bei Beamten tappen Statistiker im Dunkeln
Bei Beamten und privat Krankenversicherten stoßen Forscher an Grenzen. Für rund zehn Millionen Privatversicherte gibt es kaum belastbare Daten, darunter sind besonders viele Gutverdiener und Beamte. Ob der Krankenstand im öffentlichen Dienst höher ist als in der Privatwirtschaft, lässt sich anhand der verfügbaren Daten nicht sagen.
Fehlzeiten-Experte Schröder hält es allerdings für nachvollziehbar, dass Verwaltungsangestellte im öffentlichen Dienst häufiger krankgeschrieben sind. Ihre Arbeit sei oft durch Hierarchien, geringe Autonomie und wenig Gestaltungsspielraum geprägt. Beschäftigte mit hoher Arbeitsplatzsicherheit und wenig Eigenverantwortung bildeten damit das Gegenstück zu hoch motivierten Führungskräften mit einer starken Unternehmensbindung, die im Schnitt seltener krank sind.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Tobias Kaiser verfolgt als Senior Editor Arbeit & Soziales die großen Verschiebungen in Arbeitswelt und Gesellschaft und die Reaktionen der Politik.
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