Die Bundeswehr macht deutlich, dass Deutschland im Kriegsfall nur in einer engen Vernetzung von Armee, Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft zu verteidigen ist. „Wir sind dann weg“, sagte Generalmajor Wolfgang Ohl, stellvertretender Abteilungsleiter Militärstrategie, Einsatz und Operationen im Bundesverteidigungsministerium, am Dienstag in der Handelskammer Hamburg. Komme es tatsächlich zu einem Angriff Russlands auf das Gebiet der Nato, werde die Bundeswehr wesentliche Kräfte an die Ostflanke der Nato verlegen, um Deutschlands Verteidigungsaufgaben im Rahmen des Bündnisses wahrzunehmen.

Die Landesverteidigung müsse dann in die Hände von Reserveverbänden gelegt werden, die es heutzutage allerdings nicht im erforderlichen Umfang gebe. Die Bundeswehr soll in den kommenden Jahren von 185.000 auf 260.000 Soldatinnen und Soldaten aufwachsen. Hinzu müssten dann 200.000 Menschen in der Reserve kommen. „Die heutige Alterskohorte ist mit ihren Zeitsoldaten allerdings nicht groß genug. Wir brauchen den neuen Wehrdienst, um eine ausreichende Reserve herstellen zu können“, sagte Ohl zur aktuellen Debatte um die Wiedereinführung eines Wehrdienstes und auch eines allgemeineren Gesellschaftsdienstes: „Wir brauchen diejenigen, die ein Jahr lang Wehrdienst geleistet haben und die wissen, wo das böse Ende des Gewehrs ist.“

Russlands Aggression in Osteuropa werde völlig unabhängig vom Ukraine-Krieg nicht nachlassen. Der russische Präsident Wladimir Putin habe die heutige Situation seit dem Jahr 2000 systematisch vorbereitet und die russische Gesellschaft „in einen Würgegriff genommen, aus dem sie nicht mehr herauskommt“. Russlands Fähigkeit, spätestens von 2029 an auch Nato-Staaten anzugreifen, etwa die baltischen Staaten, müsse die Nato ernst nehmen. Russland sei in der Lage, seine Verluste in der Ukraine an Menschen und Material „überzukompensieren“. Russlands Wirtschaft sei komplett auf Kriegswirtschaft umgestellt. Putin ziele systematisch darauf ab, Russlands Einflusssphäre aus der Zeit vor 1994 wiederherzustellen, vor der Osterweiterung der Nato: „Das geht nicht weg“, sagte Ohl.

Die Handelskammer Hamburg veranstaltete am Dienstag ihr nach 2025 zweites „Dialogforum Sicherheit und Resilienz“. Im Dezember hatte die Kammer einen „Vorsorgeplan“ für ihre rund 180.000 Mitgliedsunternehmen vorgelegt, der grundlegende Informationen zu Resilienz, Wehrfähigkeit und Rechtslage im Spannungs- und Verteidigungsfall enthält. Das Dokument ergänzt den – allerdings weitgehend geheimen – „Operationsplan Deutschland“, den die Bundeswehr 2024 vorgelegt hat. Er bildet die Grundlage für die Mobilisierung der Nato und die Verlegung hunderttausender Soldaten nach Osteuropa im Verteidigungsfall, mit Deutschland als logistischem Zentrum.

Beim Vorsorgeplan der Handelskammer geht es aber auch um einen besseren Selbstschutz der Unternehmen: „Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie eng wirtschaftliche Stabilität, gesellschaftliche Resilienz und Sicherheit verflochten sind“, sagte Norbert Aust, Präses der Handelskammer Hamburg. „Krisenvorsorge ist heute ein strategischer Vorteil – und Voraussetzung dafür, dass Unternehmen und unser Standort in einer unsicheren Welt stabil und handlungsfähig bleiben.“

Generalmajor Ohl warb eindringlich für eine engere Kooperation von Wirtschaft und Bundeswehr in den kommenden Jahren. „Wir als Bundeswehr benötigen die Unternehmen, um die Verteidigung in Deutschland zu organisieren. Wir brauchen zu einem guten Teil zivilwirtschaftliche Leistungen, wir brauchen das gesamte Spektrum der Wirtschaft.“ Der Tieflader zum Panzertransport „muss nicht grau sein, und die Verpflegung für Marschkolonnen muss nicht aus der Gulaschkanone kommen“, nannte er Beispiele für die Einbeziehung von Unternehmen und deren Leistungen, auch weit jenseits der Rüstungsindustrie. Letztlich gehe es auch darum, dass Unternehmen sich und ihre kritische Infrastruktur selbst schützen müssten: „Die Bundeswehr kann das nicht leisten.“

Ohl lobte den Vorsorgeplan der Handelskammer Hamburg und allgemein das verstärkte Engagement der Wirtschaft in den vergangenen Jahren, nicht nur in der Hansestadt: „Die Wirtschaft hat sehr wohl verstanden, worum es geht.“

Diese Einschätzung teilt auch Kapitän zur See Kurt Leonards, der Landeskommandeur Hamburg der Bundeswehr: „Der Krisenvorsorgeplan der Handelskammer Hamburg setzt Maßstäbe. Mit strategischem Weitblick stärkt sie die Resilienz der Hamburger Wirtschaft“, sagte er in der Handelskammer. „Das Landeskommando Hamburg steht mit der Handelskammer in einem kontinuierlichen, vertrauensvollen Austausch und arbeitet eng, unbürokratisch und pragmatisch mit ihr zusammen. Die in Hamburg gelebte Kooperation zwischen Wirtschaft, Sicherheitsbehörden und Bundeswehr ist eine Säule der Gesamtverteidigung.“

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit vielen Jahren über die Rüstungsindustrie und auch über die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Bundeswehr.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke