50.000 geschmuggelte Starlink-Terminals – Wie Musk Irans Zensur verhindern will
Das Internet ist im Iran ein verlässlicher Seismograf für die Nervosität des Regimes. Immer dann, wenn Proteste eine kritische Masse erreichen und sich landesweit zu organisieren drohen, greift Teheran zum radikalsten digitalen Mittel: der Blockade des Netzes.
So war es 2019, 2022, 2025 und nun erneut seit dem 8. Januar 2026: Die iranische Regierung schaltet das Mobilfunk-Internet ab und sperrt Internetverkehr mit dem Ausland, um die Ausbreitung von Nachrichten, Bildern und Augenzeugenberichten zu verhindern und die interne wie externe Wahrnehmung zu kontrollieren. Seit Beginn der aktuellen Unruhen brach der Datenverkehr zeitweise um 99 Prozent ein, Mobilfunknetze wurden durch die drei großen Mobilfunkprovider im Iran regional komplett gekappt.
Das Ausmaß der digitalen Abschottung in Iran erreicht bereits seit 2022 neue Dimensionen. Experten sprechen von einer gezielten, „feingetunten“ Netzabschaltung, die selektiv bestimmte Social-Media-Dienste blockiert und damit länger durchhaltbar ist. So konnten etwa Regierungsstellen weiterhin auf ausgewählte Plattformen zugreifen, während die Bevölkerung offline gehalten wurde. Der Iran hat seine Zensur-Technik in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut, teils mit ausländischer Hilfe. Peking gilt als wichtiger Partner: China transferiert Know-how für KI-Überwachung und Internetzensur an Teheran.
Bis zu 50.000 Starlink-Terminals im Iran
Der Zensur-Aufwand zeigt, wie sehr die Mullahs das freie Internet fürchten – unzensierte Kommunikation könnte zur wichtigsten Waffe der USA gegen das Regime werden. Dabei könnte insbesondere Elon Musks Satelliten-Netzwerk Starlink eine entscheidende Rolle spielen: Mittels der Satellitenterminals können Oppositionsgruppen an den Netzblockaden des Regimes vorbeikommunizieren, sich koordinieren und die Weltöffentlichkeit über die tödlichen Maßnahmen der Mullahs gegen die Proteste informieren.
Noch 2022 waren laut Musk gerade einmal hundert Starlink-Terminals im Iran aktiv, die eingeschmuggelt und versteckt betrieben wurden und so ständig der Gefahr von Beschlagnahmung ausgesetzt waren. In den vergangenen Jahren hat die Opposition laut eigenen Angaben jedoch systematisch tausende weitere Terminals unerlaubt ins Land gebracht, laut ihren Schätzungen sind bis zu 50.000 Starlink-Geräte im Iran aktiv.
Damit markiert Starlink schon heute einen strategischen Einschnitt: Erstmals verfügt die Opposition über einen digitalen Kommunikationskanal, der sich der vollständigen Kontrolle des Staates zumindest teilweise entzieht.
Das ist auch den Mullahs klar, laut Berichten aus dem Iran versucht das Regime, systematisch, die Satellitenfunkfrequenzen zu stören und insbesondere auch das GPS-Signal zu blockieren, dass die Terminals zur Ausrichtung ihrer Antennen auf die Satelliten nutzen, laut US-Medienberichten ist der Datenverkehr via Satellit in den vergangenen 48 Stunden um etwa 80 Prozent eingebrochen.
Doch auch die Starlink-Technik ist – vor allem seit ihrem Einsatz in der Ukraine – deutlich weniger störungsanfällig geworden. Schon teilen Experten ihre Erfahrungen dazu, wie man die Satellitenverbindung aufrecht hält. Das Problem des Regimes: Zwar können die Störsender die Bandbreite der Satellitenverbindungen herabsetzen, doch ganz unterbrechen können sie sie nicht. Für die Koordination von Protesten jedoch reichen bereits wenige Kilobyte große Textnachrichten aus.
Musk hat eine ultimative Option noch gar nicht genutzt: Die neueste Generation seiner Satelliten kann zu bestimmten Mobiltelefonen eine direkte Funkverbindung aufbauen, ganz ohne Bodenterminal. Unter den kompatiblen Geräten sind diverse Mittelklasse-Telefone von Samsung, die Im Iran sehr populär sind.
Laut Schätzungen von Aktivisten im Exil könnte Musk durch die kostenfreie Freigabe dieser „Direct to Cell“-Technologie mehrere Millionen Telefone im Iran wieder ins Netz heben – zumindest für Dienste mit geringer Bandbreite wie etwa Instant-Messaging.
Internetabschaltungen wirken wie Brandbeschleuniger
Auffällig ist, dass die aktuellen Proteste weniger ideologisch geprägt sind als frühere Erhebungen. Auslöser ist vor allem die wirtschaftliche Misere im Iran. Eine tiefe Rezession, explodierende Preise und die rapide Entwertung der Landeswährung wirken weit über klassische Oppositionsmilieus hinaus.
Gerade in diesem Kontext wirkt die Internetabschaltung wie ein Brandbeschleuniger. Digitale Blockaden treffen nicht nur Aktivisten, sondern unterbrechen Zahlungsverkehr, Handel und Logistik, legen Online-Geschäfte lahm und erschweren selbst einfache Banktransaktionen.
Vor diesem Hintergrund rücken auch digitale Einflussmöglichkeiten der USA in den Blick, die über reine Kommunikationshilfe hinausgehen. Washington hat in der Vergangenheit mehrfach angedeutet, über offensive Cyberfähigkeiten gegen den Iran zu verfügen und sie auch eingesetzt. Denkbar wären gezielte Angriffe auf die Öl-Wirtschaft des Regimes, auf Netzwerke der Sicherheitskräfte, Datenbanken zur Überwachung der Opposition, die aus China importierten Gesichtserkennungssysteme oder die technische Infrastruktur staatlicher Internetfilter.
Solche Operationen müssten nicht spektakulär sein, um Wirkung zu entfalten. Schon temporäre Störungen bei der Überwachung von Mobilfunknetzen, bei der Auswertung von Metadaten oder bei der Koordination von Polizei und Revolutionsgarden könnten dem Regime entscheidende Reaktionszeit nehmen. Öffentlich bestätigt werden derartige Eingriffe naturgemäß nicht. Doch die technische Machbarkeit gilt unter Sicherheitsexperten als hoch – zumal der Iran trotz aller Abschottung auf komplexe, teils veraltete IT-Systeme angewiesen bleibt, die verwundbar sind.
In den USA wird öffentlich vor allem über „Unterstützung“ der Protestierenden gesprochen. Zugleich berichten mehrere internationale Medien, dass die Regierung neben Sanktionen und Online-Hilfe auch Cyber-Optionen gegen Teheran erwägt. Präsident Trump kündigte am Wochenende öffentlich an, er wolle mit Elon Musk über die Wiederherstellung der Internetverbindungen sprechen. Das Signal ist klar: Digitale Mittel gelten als realistische Eskalationsstufe.
Dass die USA in der Vergangenheit solche Fähigkeiten bereits eingesetzt haben, ist gut dokumentiert. Nach dem Abschuss einer US-Drohne im Juni 2019 ordnete Trump statt eines kinetischen Gegenschlags eine US-Cyberoperation an. Berichte sprachen damals von Angriffen auf Waffensysteme der Revolutionsgarden.
Der historische Referenzpunkt bleibt jedoch Stuxnet, der früheste Cyberangriff des Westens, der nicht nur Daten ausspähte oder Netze störte, sondern physische Zerstörung anrichtete, indem er die Steuerung von Zentrifugen des iranischen Atomprogramms manipulierte und so die Urananreicherung sabotierte.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Benedikt Fuest ist Wirtschaftsredakteur und schreibt über Technologie und Rüstung.
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