Russlands Krieg gegen die Ukraine, hybride Attacken gegen Europas Infrastruktur, Naturkatastrophen – die Bandbreite der Szenarien nimmt zu, bei denen das private, öffentliche und wirtschaftliche Leben in seinen Grundfesten eingeschränkt und erschüttert werden kann. Der mutmaßliche Anschlag einer linksextremen Terrorgruppe am Samstag auf die Stromversorgung im Südwesten von Berlin fügt dem noch eine weitere Facette hinzu. Nach wie vor sind in den betroffenen Stadtteilen Zehntausende Verbraucher ohne Strom.

Die Handelskammer Hamburg hat die grundstürzenden Erfahrungen der vergangenen Jahre – auch mit Blick auf die vorangegangene Pandemie – in einem Leitfaden für Unternehmen analysiert und ausgewertet. Erarbeitet hat die Kammer den 24-seitigen „Vorsorgeplan“ gemeinsam mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. „Krisen, Katastrophen, Konflikte: Wie Sie ihr Unternehmen in unsicheren Zeiten schützen“, heißt das Papier.

Darin geht es unter anderem um angepasste Führungsstrukturen in Unternehmen während schwerer Krisen, um die Sicherung von Standorten etwa bei Cyberangriffen, um Prävention gegen andere Formen von Spionage und Sabotage, um eine robustere interne Kommunikation und die Stärkung von Lieferketten, um die Rechtslage im Spannungs- und Verteidigungsfall. Auch die Rolle der Zivilverteidigung im Rahmen der Gesamtverteidigung wird in dem Papier schematisch dargestellt. Die Handelskammer Hamburg vertritt mehr als 180.000 Mitgliedsunternehmen.

Auf den ersten Blick mag das Papier anmuten wie Prepping für Profis, tatsächlich aber steckt weit mehr dahinter. Gesellschaftliche Resilienz und Wehrfähigkeit lassen sich nur in enger Abstimmung zwischen den Institutionen der Zivilgesellschaft, den Unternehmen und Vereinigungen der Wirtschaft, der Bundeswehr und vielen anderen Institutionen verbessern und steigern. Der weitgehende geheime „Operationsplan Deutschland“ der Bundeswehr, des Bundes und der Länder liefert dafür eine Grundlage. Vor Ort muss dieser Plan mit Leben erfüllt werden. Ein Faktor dabei ist die künftig engere Zusammenarbeit von Bundeswehr und Wirtschaft: Großvolumige Truppentransporte durch Europa an die Ostflanke der Nato etwas lassen sich bei Bedarf nur mithilfe der Transportkapazität privatwirtschaftlicher Unternehmen schnell und effektiv umsetzen.

Die Handelskammer Hamburg sieht sich als ein zentraler Akteur in den dafür nötigen Netzwerken. „Die vergangenen Jahre haben uns deutlich vor Augen geführt, wie eng wirtschaftliche Stabilität, gesellschaftliche Resilienz und Sicherheit miteinander verflochten sind“, schreiben Handelskammer-Präses Norbert Aust und Hauptgeschäftsführer Malte Heyne. „Der völkerrechtswidrige Angriff Russlands auf die Ukraine und die dadurch veränderte Sicherheitslage in Europa haben gezeigt, dass Krisenvorsorge und Widerstandsfähigkeit keine abstrakten Themen sind, sondern eine zentrale Zukunftsaufgabe für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft darstellen.“

Von den Anforderungen an eine höhere gesellschaftliche Resilienz erhofft sich das Führungspersonal der Handelskammer allerdings auch einen Modernisierungsschub, weit über Hamburg hinaus. „Die Herausforderungen unserer Zeit – von geopolitischen Spannungen über Energiefragen bis zu Lieferkettenrisiken und Cybergefahren – sind groß. Doch sie eröffnen zugleich neue Chancen für Innovation, Zusammenarbeit und nachhaltiges Wachstum“, schreiben Aust und Heyne. „Wenn Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft gemeinsam an Lösungen arbeiten, kann Hamburg seine Stärke als resilienter, verlässlicher und zukunftsorientierter Wirtschaftsstandort weiter ausbauen.“

Die Handelskammer Hamburg allerdings wäre nicht eine der einflussreichsten Vertretungen von Kaufleuten in Deutschland, würde sie nicht auch wirtschaftliche Potenziale im Krisenfall sehen – die zu heben wiederum etliche positive Effekte für das Land insgesamt haben kann: „Während der Covid-19-Pandemie haben viele Unternehmen ihre Produktion auf spezifische Produkte wie Desinfektionsmittel oder Infektionsschutz umgestellt oder neue Dienstleistungen im Rahmen des Social Distancing angeboten“, heißt es im Leitfaden der Kammer. „Wer solche Potenziale frühzeitig erkennt und Wertschöpfungsprozesse anpasst, hat die Chance, gut durch die Krise zu kommen.“

Für den 20. Januar lädt die Handelskammer Hamburg zu ihrem diesjährigen, hochkarätig besetzten „Dialogforum Sicherheit und Resilienz“. Mit dabei in der Kammer ist unter anderem Generalarzt Nicole Schilling, die stellvertretende Generalinspekteurin der Bundeswehr.

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit langer Zeit über die regionalen Institutionen der Wirtschaft – und seit einigen Jahren auch über die vielen Facetten der Aufrüstung und die Kooperation von Wirtschaft und Bundeswehr.

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