„Wir haben einen Flickenteppich aus komplexen nationalen und regionalen Maßnahmen“
Die Staatengemeinschaft tut sich derzeit schwer damit, eine Strategie für einen globalen Klimaschutz fortzuschreiben. Das gilt auch für die maritime Branche, die bislang kein Datum etwa für das Ziel einer „klimaneutralen“ Schifffahrt finden kann. Jens Meier, Chef der Hamburg Port Authority (HPA) erwartet dennoch, dass führende Seehäfen wie Hamburg weiter an einem besseren Klimaschutz arbeiten werden, auch in Kooperationen miteinander. Seit Ende 2023 ist Meier, 59, auch Präsident des Welt-Hafenverbandes IAPH.
WELT AM SONNTAG: Herr Meier, der Welt-Klimagipfel in Belém brachte keine Festlegung auf deutlich mehr internationalen Klimaschutz. Auch der internationalen Schifffahrtsorganisation IMO ist es im Herbst nicht gelungen, das Ziel einer klimaneutralen Schifffahrt bis zum Jahr 2050 festzuschreiben. Was bedeutet das für die Klimaschutz-Strategien der Seehäfen?
Jens Meier: Die Vertagung des sogenannten Net-Zero-Frameworks bei der IMO ist zweifellos eine verpasste Chance. Am Ende braucht man für den Klimaschutz einen Rahmen. In der Schifffahrt haben wir derzeit einen Flickenteppich aus komplizierten und komplexen nationalen und regionalen Maßnahmen oder Vorgaben. Das ist sicherlich nicht hilfreich. Nur die IMO kann eine einheitliche Grundlage für die Schifffahrt schaffen und damit auch weltweite Rechtssicherheit für Investitionen in der maritimen Branche. Und das betrifft auch die Hafeninfrastruktur. Auch die Häfen müssen investieren. In der Welthafenorganisation IAPH lassen sich die Häfen von dieser Entwicklung allerdings nicht entmutigen. Man spürt, dass alle vorangehen wollen. Die Zahl innovativer Projekte zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz, die auf der sogenannten Referenzplattform der IAPH für alle Mitglieder geteilt wird, steigt ständig weiter an.
WAMS: Wie eng muss die Entwicklung zwischen den Häfen und den Reedereien synchronisiert sein? Können die Häfen, die meist von der öffentlichen Hand finanziert werden, an manchen Stellen vorangehen?
Meier: Während meiner Präsidentschaft bei der IAPH ist es uns gelungen, dass wir sehr eng mit der International Chamber of Shipping, mit der IMO, aber auch mit den Organisationen der Schiffseigner zusammenkommen, also etwa mit BIMCO und WCO. Es gibt mittlerweile eine Menge bilateraler Austauschformate und Gremien. Die Transformation hin zu einer klimaneutralen maritimen Wirtschaft wird kommen, da bin ich hundertprozentig sicher. Dieser Prozess muss aber nicht nur technisch funktionieren, sondern auch bezahlbar bleiben. Häfen sind nicht nur wichtig für die Schifffahrt, sondern für die gesamte Energieversorgung. Das bietet die große Chance, „grüne“ Energieträger gerade an der Schnittstelle der Häfen durch Skalierung und große Mengen perspektivisch bezahlbar und wettbewerbsfähig zu machen – auch für die Schifffahrt. Die Häfen sind ein Schlüsselfaktor für die Transformation der Energiewirtschaft.
WAMS: Haben Häfen, vor allem diejenigen, die der öffentlichen Hand gehören, mehr Spielraum, Investitionen zu fördern, zum Beispiel in neue Tanklager für synthetische Kraftstoffe? Oder geht es nicht ohne die Reedereien?
Meier: Ein abgestimmtes Vorgehen ist für alle Beteiligten effizienter, kostengünstiger und verhindert Fehlinvestitionen. Wir versuchen, in gemeinschaftlichen Anstrengungen Dinge umzusetzen, und insofern sind Kooperationen wirklich gut. Wir haben mit verschiedenen Häfen darüber gesprochen, dass die Dekarbonisierung unseres Planeten nicht zum Wettbewerbsfaktor werden sollte. Gute Lösungen kann man zu weltweiten Standards machen. Darin sehe ich auch meine Rolle als IAPH-Präsident. Für Hamburg gilt das ganz speziell. Hamburg hat mit den beiden in meiner Zeit als HPA-Chef organisierten Welthafenkonferenzen wichtige Zeichen gesetzt, sei es mit den seinerzeit ersten Landstromanlagen für Kreuzfahrtschiffe in Europa oder auch mit der Logistik für „grüne“, synthetische Energieträger.
WAMS: In der nordeuropäischen Hafenwirtschaft wird inzwischen oft von einem „grünen maritimen Korridor“ gesprochen. Wie funktioniert diese Kooperation?
Meier: Ich nenne es mal „maritime und digitale Korridore“. Die gibt es in verschiedenen Regionen der Welt. Viele Häfen und Reedereien arbeiten gut und eng miteinander, sie tauschen sich aus über die sogenannten „Best Practices“. Auch hier würde eine klare Vorgabe der IMO helfen, denn damit wäre es sicherlich noch leichter, zusätzliche wirtschaftliche Anreize zu setzen. Wichtig ist dabei , dass es keine Wettbewerbsverzerrungen gibt, also Vorteile zum Beispiel für diejenigen, die sich erst einmal nicht an Innovationen für „grüne“ maritime Korridore beteiligen.
WAMS: Der Hafen von Los Angeles galt lange Zeit als Vorreiter mit strengen Vorgaben für die Luftreinhaltung und bei der Einführung von Landstromanschlüssen für Schiffe. Was passiert dort, seit die USA unter Präsident Donald Trump wieder Abstand vom Klimaschutz nehmen?
Meier: Los Angeles und Long Beach, also die sogenannte San Pedro Bay, waren und sind immer noch Vorreiter beim Thema Landstrom. Wir haben von dort viel gelernt und deren Lösungen auf die europäische Version adaptiert und erweitert, umgebaut und standardisiert – und tauschen in die andere Richtung wiederum neue Erkenntnisse aus, wie man solche Anlagen effizienter baut. Die Westküste der USA insgesamt, also etwa auch Seattle, ist bei diesem Thema sehr stark aufgestellt, insbesondere auch wegen der Kreuzfahrtaktivitäten in Richtung Alaska. Auch der Hafen von Miami, immerhin der zweitgrößte Kreuzfahrthafen weltweit, hat Landstromanlagen installiert. Es ist nicht so, dass die Nachhaltigkeitsthemen in den USA zum Stillstand gekommen sind, sie werden durchaus weiter umgesetzt. Schon deshalb, weil die wirtschaftlich so starke Kreuzfahrtbranche ein großes Interesse daran hat.
WAMS: Wo steht der Hamburger Hafen heutzutage beim Klimaschutz im internationalen Vergleich?
Meier: Wir haben alle Kreuzfahrt-Terminals mittlerweile mit Landstromanlagen ausgestattet und planen auch in der Hafencity nach erfolgter Testphase in den Regelbetrieb zu gehen. Wir sind ganz weit vorn bei der Umsetzung, denn es gibt in der Tat bis heute nur wenige Häfen in Europa, in denen Kreuzfahrtschiffe überhaupt verlässlich Landstrom nehmen können. Es macht uns in Hamburg stolz, dass wir von vielen Häfen weltweit angefragt werden, ob wir unsere Expertise nicht einbringen können. Der Hamburger Hafen strebt eine bilanzielle Klimaneutralität bis 2040 an. Beim Landstrom an den Containerterminals sind wir ebenfalls sehr gut unterwegs. Das gilt auch für etliche andere Themen: bei der Elektrifizierung von Containerbrücken und Staplerfahrzeugen, bei der Rückgewinnung von Energie, beim Aufbau von Infrastruktur für „grüne“ Energien wie regenerativ erzeugten Wasserstoff und dessen Derivaten wie etwa eMethanol und Ammoniak.
WAMS: Wie kommt der Aufbau von Landstromanlagen für Containerschiffe voran?
Meier: Die wesentlichen Bauarbeiten für die Container-Terminals sind abgeschlossen, in den kommenden Monaten und Jahren werden die Landstromanlagen dort sukzessive von Testbetrieben in Regelbetriebe übergehen. Und es ist schön zu sehen, wie die Reedereien heute schon ihr Interesse daran zeigen, auszutesten, ob das alles dann auch funktioniert. Der Hamburger Hafen ist mittlerweile bekannt für die sogenannten „Integrationstests“. Die Land- und die Schiffsseite kommunizieren dabei während der Testläufe an Landstromanlagen eng miteinander, wenn die Systeme eingeschaltet und hochgefahren werden, wie und ob alles funktioniert. Denn jeder Teilnehmer – auf der Land- und der Wasserseite – hat natürlich Sorge, dass neuartige Anlagen dabei auch kaputt gehen können. Und das wollen wir ändern.
WAMS: Hilft der jüngste Volksentscheid, wonach Hamburg insgesamt bis 2040 klimaneutral sein soll, dem Hafen bei der Erreichung seines eigenen Ziels?
Meier: Wir haben unseren eigenen Weg schon vorher definiert, lange, bevor wir wussten, dass es einen solchen Volksentschied geben würde. Wir testen im Hafen und auch bei der HPA selbst immer wieder die neuesten verfügbaren Technologien, die für den Klimaschutz sinnvoll und nützlich sein können, bei der HPA zum Beispiel synthetische Kraftstoffe und elektrische Antriebe für die „Flotte Hamburg“ unserer Schiffe. Dabei geht es nicht nur um Luft-, sondern auch um Lärmemissionen. Ein sehr wichtiger Hebel für neue Technologien ist außerdem die Hafenbahn, die wir ständig modernisieren. Hamburg ist der führende Eisenbahnhafen Europas, mehr als die Hälfte des Hafenumschlags hier bei uns kommt und geht per Bahn. Wir wollen ein Solution Port sein, ein Hafen der Lösungen.
WAMS: Wird die Entsorgung von Kohlendioxid mithilfe der sogenannten CCS-Technologie im Hamburger Hafen logistisch und wirtschaftlich eine Rolle spielen?
Meier: Hamburg ist prädestiniert für den Umschlag von Kohlendioxid, in erster Linie durch die multimodale Anbindung, also im Wesentlichen durch den leistungsstarken Schienentransport. Bisher gibt es noch keine ernst zu nehmenden Überlegungen, in Hamburg eine CO2-Pipeline anzuschließen. Aber das liegt sicher auch daran, dass wir die bisher diskutierten Mengen vor allem per Bahn transportieren könnten. Ob es dann künftig sinnvoll wäre, auch eine Pipeline für den Transport von Kohlendioxid in Richtung der Lagerstätten auf der Nordsee zu bauen, so wie in Antwerpen und Rotterdam, das werden wir sehen.
WAMS: Wann könnte der Import von regenerativ erzeugtem, „grünen“ Wasserstoff und auch von dessen Ableitung Ammoniak über den Hamburger Hafen beginnen?
Meier: Die Wirtschaftlichkeit beim Preis von Wasserstoff und dessen Derivaten ist derzeit noch nicht gegeben. Klar ist aus meiner Sicht aber: Wenn der Import von Wasserstoff und dessen Derivaten Ammoniak und Methanol beginnen soll, wird der Hamburger Hafen darauf vorbereitet sein. Hamburg ist hervorragend aufgestellt, mit dem Wasserstoff-Industrie-Netz, mit dem Tankschiffhafen, mit den Grundstücken im Hafen, die für Tanklager und Anlagen zur Aufspaltung von Ammoniak zur Verfügung stehen. Häfen wie vor allem auch Hamburg sind die Drehscheiben für eine sichere Energieversorgung in Europa. Das wird in einer Welt der „grünen“, klimaschonenden Energieträger nicht anders sein als heute.
Der gebürtige Hamburger Jens Meier, 59, ist seit 2008 Geschäftsführer der Hafenverwaltung Hamburg Port Authority (HPA). Zuvor arbeitete der Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler in den Branchen Logistik und Informationstechnologien. Von 2015 bis 2018 war Meier im Ehrenamt Präsident des Hamburger Sportvereins (HSV). Ende 2023 wählte ihn die Generalversammlung der Welt-Hafenorganisation IAPH zu ihrem Präsidenten, im Oktober wurde Meier bis Ende 2027 in diesem Amt bestätigt.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften.
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