Die Kaufkraft der Beschäftigten ist zuletzt erneut gestiegen. Die Löhne legten stärker zu als die Inflation. Bei Finanz- und Versicherungsdienstleistern ist das Lohnplus besonders kräftig. Doch Beschäftigte einer Branche profitieren von der Trendwende bisher nicht.

Die Kaufkraft der deutschen Arbeitnehmer ist im zweiten Quartal erneut gestiegen. Die Reallöhne lagen von April bis Ende Juni um durchschnittlich 1,9 Prozent höher als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Das ist bereits der neunte Quartalszuwachs in Folge. Es fällt mit 1,2 Prozent höher als im ersten Quartal aus, aber geringer als am Jahresende 2024 - als es 2,5 Prozent waren. Nominal legten die Löhne im Frühjahr um rund 4,1 Prozent zu, während die Verbraucherpreise um 2,1 Prozent stiegen. Der Reallohn gibt an, wie viel den Arbeitnehmern nach Abzug der Inflation tatsächlich übrig bleibt.

"Die Reallöhne steigen - wie schon im Jahr 2024", sagte der Mindestlohnexperte aus dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, Malte Lübker. "Das ist eine gute Nachricht für die Beschäftigten und für die Konjunktur in Deutschland, die aktuell besonders stark auf die Binnennachfrage angewiesen ist." Allerdings sei die Kaufkraft der Löhne zuvor aufgrund der hohen Teuerungsraten deutlich gesunken. Inflationsbereinigt lägen die Löhne aktuell noch unter dem Niveau des zweiten Quartals 2019. "Eine lange Durststrecke für die Beschäftigten", sagte Lübker.

Dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) zufolge kommt die Entwicklung nicht überraschend, da die Reallöhne 2024 so stark gestiegen seien wie seit über 30 Jahren nicht mehr - was wiederum eine Reaktion auf die Kaufkraftverluste in den vier Jahren zuvor gewesen sei. "Vor diesem Hintergrund war die langsamere Gangart im laufenden Jahr absehbar", sagte IfW-Experte Dominik Groll. Für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte komme erschwerend hinzu, dass zu Jahresbeginn die Zusatzbeiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung stark gestiegen seien, "so dass von dem Plus bei den realen Bruttolöhnen netto kaum noch etwas übrig bleibt".

Löhne könnten aufgrund des Arbeitskräftemangels weiter steigen

In den einzelnen Branchen fielen die nominalen Lohnzuwächse sehr unterschiedlich aus. Mit einem Plus von 7,6 Prozent gab es überdurchschnittliche Steigerungen bei den Finanz- und Versicherungsdienstleistern. Im Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden gab es dagegen ein Minus von 2,4 Prozent.

Für die Europäische Zentralbank ist das geringere Lohnplus nach den Worten von Chefvolkswirt Cyrus de la Rubia von der Hamburg Commercial Bank eine gute Nachricht. Das führe perspektivisch zu einer geringeren Inflation im Dienstleistungssektor. Allerdings herrsche in vielen Branchen ein Arbeitskräftemangel, weshalb die Lohnzuwächse "in den kommenden Jahren überdurchschnittlich bleiben dürften", sagte de la Rubia. "Ein Unsicherheitsfaktor bei dieser Erwartung ist die Entwicklung der künstlichen Intelligenz und das Tempo, mit dem diese neue Technologie in der Lage ist, menschliche Arbeitskräfte zu ersetzen."

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke