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Seit mehr als einem halben Jahrhundert prägt Udo Lindenberg den deutschen Rock. Am 17. Mai feiert er seinen 80. Geburtstag.

"Exzessor", "Panikpräsident", "König von Scheißegalien": Von all den kunterbunten Titeln, die Udo Lindenberg durchs Leben getragen haben, ist "Nachtigall" der schönste. Der Gesang des kleinen, unscheinbaren Vogels gilt als das schönste Geräusch, das die Natur hervorzubringen vermag. Und schon ist man bei Udo und dem schönsten Nuscheln der Welt, für seine Fans die schönste Stimme unter dem Rock-Himmel, nur vergleichbar mit der einer Nachtigall. Oder?

Die unverwechselbare Lindenberg-Uniform

Am 17. Mai wird der schrägste aller Vögel 80 Jahre alt. Wirklich 80? Er ist Lichtjahre vom Rollator entfernt, seine äußerliche Erscheinung: unverwechselbar, dafür sorgt schon seine Stylistin Niko Kazal, genannt "die Zarin", die seit Jahrzehnten zu seiner Panik-Familie gehört. Röhrenhose, enge Jacke, Hemd mit Kragen, Lederkrawatte, alles dunkel auf dunkel, dazu neongrüne Socken. Die nonkonformistische Lindenberg-Uniform. Vor Auftritten schminkt ihn die Zarin diskret.

Sein Gang ist leichtfüßig schleppend, beim Sprechen sind die Lippen leicht nach vorn geschoben, das Haar wallt ihm auf die Schulter, gekrönt vom obligatorischen Schlapphut. Sein Gesicht ist kantig wie immer, der Blick klar. Er fühle sich "zeitlos", sagt er. So sieht er auch aus, wenn er durch Hamburg federt, wo gerade eine Feierlichkeit die andere ablöst.

Feierlichkeiten für "eine Jahrhundertfigur"

In seiner Wahlheimat ist zu seinen Ehren die Ausstellung "Udoversum" angelaufen. Sie dokumentiert sein Leben und Wirken und läuft bis zum Oktober. In der Speicherstadt wurde in der größten Modelleisenbahnanlage der Welt ein spezieller "Panik-Express" mit acht Lindenberg-Waggons in Betrieb genommen. Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre (51) hat das neue Lexikon "Udo Fröhliche - Alles über Udo Lindenberg - von Alkohol bis Zigarre" vorgestellt. Der Udo sei "nun mal eine Jahrhundertfigur", meint Stuckrad-Barre. Er betrachte es als seine Aufgabe, "von Udo zu erzählen und festzuhalten, wer er ist".

Am 8. Mai erschien das Tribute-Album "We Love Udo", auf dem zahlreiche Künstlerinnen und Künstler - darunter Hans Zimmer, Jan Delay, Peter Maffay, Inga Humpe, Ina Müller und Tokio Hotel - 20 Lindenberg-Hits neu interpretieren. Am 15. Mai folgte unter anderem die Panik-Compilation "Alles unter einem Hut". Zu seinem runden Geburtstag hatten mehr als 20.000 Fans über ihre Favoriten aus Lindenbergs 40 Studioalben abgestimmt. Die ARD zeigt eine ausführliche Dokumentation über das Leben und die Karriere des deutschen Rockstars. "UDO Rebell. Rockstar. Ikone." ist bereits ab dem 10. Mai in der Mediathek abrufbar - die Ausstrahlung im Ersten folgt am Montag, dem 18. Mai, um 20:15 Uhr.

Und auch enge Wegbegleiter wie Benjamin von Stuckrad-Barre und Jan Delay (49) feiern den Panikrocker: Mit der Show "Vorglühen 2026", einer Revue aus Liedern und Texten über Lindenberg, tourten sie bereits durch Deutschland.

Der Udo mit dem lässigen Hamburger Slang kommt aus Gronau in Westfalen. Bereits als Kind zeigte er ausgeprägtes Rhythmusgefühl und trommelte auf Benzinfässern rum. Nach der Mittleren Reife schickte ihn die Familie zur Kellnerlehre ins Düsseldorfer Luxushotel "Breidenbacher Hof". Dort saß eines Tages der Schlagersänger Benny Quick, dessen Halbstarken-Song "Motorbiene" gerade in war. Der 16-Jährige fragte den Mann laut TV-Doku zum 80. Geburtstag: "So'n Leben als Star: Ist das richtig geil?" Quick habe erwidert: "Lange Autos. Jede Menge Frauen. Auch Männer. Alles, was du willst." Geld sowieso. "Das Konto ist brechend voll. Passt nichts mehr drauf." Darauf Udo: "Ach so ... das wär' doch ... mach ich auch!"

"Eine Alternative zu diesem Schlagergesülze"

Zunächst wurde er einer der besten deutschen Jazzschlagzeuger, unter anderem in Bands wie Free Orbit (mit Peter Herbolzheimer) und in Klaus Doldingers legendärer Jazzrock-Formation Passport, mit der er die Titelmelodie für den "Tatort" einspielte. Die erste LP mit englischen Texten floppte, Udo erkannte: "Mein ganzer Sprachwitz, meine Joke-Dinger, den Straßen-Talk, das kriege ich in Englisch nicht hin", auch nicht die vielen "Worterfindungen".

Also ist er bei Deutsch geblieben, "weil's so 'ne megageile Sprache ist. Und weil ich in diesem Land so viel recherchiert habe, als Detektiv meiner Songs. Weil ich mich hier auskenne." Das musste er "einfach hinkriegen. Und wenn ich mir noch 'ne Flasche Doppelkorn reinziehe". Von Anfang an wollte er "wirklich jeden erreichen und zeigen: Es gibt jetzt endlich eine deutsche Alternative zu diesem Schlagergesülze".

Er nahm alles auf: Graffiti-Sprüche in verrauchten Kneipen, Szene-Jargon, flüchtige Gedanken auf Bierdeckeln. Aus solchen Momentaufnahmen entstanden Klassiker wie "Rudi Ratlos", "Bodo Ballermann" oder "Cello".

Schließlich stellte sich die Frage: Ein deutscher Popstar, wie sieht der aus, was macht der? "Dann hab' ich mir den ausgedacht - und wurde der. Er war ja bereits angelegt in mir, nur noch nicht so kultiviert."

Wie sein unnachahmlicher Tanzstil entstand

Einen seiner ersten Auftritte absolvierte er Anfang der 1970er-Jahre in der Hamburger Musikhalle. "Ich habe die Nacht durchgeschluckt. Es war die pure Angst vorm Versagen", erinnerte er sich vor einigen Jahren im Interview mit dem "Playboy". Als er schließlich "gut breit" auf die Bühne gekommen sei, sei er erst einmal gestolpert. "Schockermäßig. Aber ich habe mich katzenmäßig abgerollt, und dann knallte mir das Mikro vor die Schnauze. Die haben echt gedacht, das war inszeniert. Lange geprobter Show-Fallrückzieher. Aber unter uns: Es war schiere Besoffenheit. Und dann mein promilliges Geschwanke. Daraus ist dann mein unnachahmlicher Tanzstil entstanden - aus dem Versuch, Balance zu halten und nicht auf die Fresse zu fliegen." Gleichzeitig habe er Rilkes Gedicht "Der Panther" im Kopf gehabt: "Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte."

Die Karriere nahm in dieser Zeit Fahrt auf. Für sein Panikorchester fand er keinen Sänger, er musste selbst ran. Das Album "Alles klar auf der Andrea Doria" (1973) wurde ein Erfolg und Udo Lindenberg zum deutschen Rocker schlechthin. Bis 1988 veröffentlichte er 20 Studioalben, darunter Highlights wie "Ball Pompös", "Galaxo Gang", "Panische Zeiten", "Odyssee". Dann brach das Panikorchester auseinander.

Der Alkohol wird ihm fast zum Verhängnis

Es begann die Krisenzeit, was auch am Alkohol lag. Udo hatte einfach zu viel geschluckt. Bereits nach seinem Musikerintermezzo in Libyen (1963/64) musste er als 17-Jähriger in therapeutische Behandlung. Die Zeit bei der Bundeswehr in Wesel machte es auch nicht besser. ("Ich hatte nur noch Restblut im Alkohol.")

1989 erlitt er einen Herzinfarkt, doch er trank weiter, lag oft "besoffen unterm Tisch in der Ritze [Kiez-Kneipe an der Reeperbahn, Red.]. Und zwar tagelang, nächtelang. Nee, ob das weitergehen würde oder ob ich da abkratze oder so, wusste ich echt nicht". Zeitweilig habe er sich "mit zwei bis zweieinhalb Flaschen Whisky hochgeballert, und zwar jeden Tag". Hamburgs "heiligster Trinker" (Stuckrad-Barre) hat seine Songs "dicht gedichtet und nüchtern gegengelesen", er hätte den Alkohol als "Mitdichter der GEMA" melden können.

Erst als 2006 sein älterer Bruder, der Kunstmaler Erich Lindenberg, mit 67 starb, besann sich der Panik-Rocker. Um seinen 60. Geburtstag hat er schließlich "die Liaison mit Lady Whisky" beendet und wurde trocken. Und dann stand er nach dem Suff und all den Selbstzweifeln aus der "miesen, fiesen Krise" auf wie Phoenix aus der Asche. Mit dem grandiosen Musikproduzenten Andreas Herbig, "den Großen mit den langen Ohren, den ganz langen Antennen und der Taschenlampe für die Tiefen der Seele", spielte er 2008 das Album "Stark wie Zwei" ein. Die Nachtigall tirilierte wieder.

"Dass Udo endlich wieder klang wie er selbst, das war das absolute Meisterwerk von Andreas, der leider 2022 gestorben ist", sagt Benjamin von Stuckrad-Barre der "Süddeutschen Zeitung". "Ohne den wäre Udo längst tot, glaube ich. Ohne Andreas hätte Udo vor 20 Jahren nicht dieses Glück eines Comebacks erlebt, das ihn wider alle Wahrscheinlichkeit bis heute hat glücklich leben lassen."

Mit "Stark wie Zwei" (und Musikern wie Jan Delay, Til Brönner oder Helge Schneider) erreichte er erstmals Platz 1 der deutschen Charts. Ein Gefühl tiefen Glücks durchströmte ihn. "Jeden Morgen wache ich jetzt auf und kneife mich: Träume ich? Nee, es ist alles wahr."

Engagement über die Musik hinaus

Dieser glückliche Udo, seit 30 Jahren Dauergast im Hotel Atlantic an der Alster, geht hellwach durchs Leben. Hinter der dicken Brille beobachtet er die Menschen, schreibt poetische Songs und malt Bilder, die er - unter Beigabe von Alkohol - "Likörelle" nennt. Er engagiert sich für die Afrikahilfe und gegen Neonazismus; unter anderem gründete er "Rock gegen rechte Gewalt". Seine Udo-Lindenberg-Stiftung fördert Nachwuchsbands mit deutschsprachigen Texten und richtet das Hermann-Hesse-Festival aus.

Das mit den Frauen ist überschaubarer geworden, allerdings: Nichts Genaues weiß man nicht, denn Udo ist sehr diskret. Bekannt ist, dass er in den 1980ern eine Affäre mit dem Popstar Nena (66) hatte. Geheimnisumwittert war auch sein Verhältnis zu der Privatsekretärin Gabi Blitz, die 1986 mit 33 Jahren an einem Cocktail aus Alkohol und Drogen starb. Ihr widmete er die Ballade "Horizont". Der Song vom "Mädchen aus Ostberlin" (1973) soll ebenfalls einen realen Hintergrund haben. Angeblich gibt es einen Sohn, hat er vor Jahren "Bunte" gesagt. Seit rund 30 Jahren ist er mit der Fotografin Tine Acke (49) zusammen. Er sträubt sich nicht dagegen, wenn sie es Liebe nennt.

Nun ist er 80 geworden. So ein Alter liegt bei einem Rockstar normalerweise deutlich jenseits des Verfallsdatums, doch bei Udo hat das nichts zu bedeuten. "Ich bin ja E.T., nicht so ganz von dieser Welt, über Gronau vom Planeten gerutscht und auf einem Doppelkornfeld gelandet. Alter ist nur eine Zahl, scheißegal."

Er tigert also weiterhin durch sein Hamburg, vornehmlich nachts, wenn die Nachtigall erwacht, in mystische Rauchschwaden seiner Havanna-Zigarre gehüllt. Denn es geht weiter, nicht nur hinter'm, sondern auch vor'm Horizont...

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