Als Mädchen verkleidet zum NPD-Parteitag
Aus einem Jungen aus der niedersächsischen Provinz wird eine der schillerndsten Travestiefiguren des Landes: Das ZDF erzählt am 13. Mai um 20:15 Uhr mit "Olivia" die Lebensgeschichte von Olivia Jones (56). Die Verfilmung der Bestseller-Biografie "Olivia Jones Ungeschminkt", die 2021 die "Spiegel"-Bestsellerliste anführte, zeichnet den Weg von Oliver Knöbel aus Springe bis zur Kiez-Gastronomin und Entertainerin auf St. Pauli nach. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news spricht Olivia Jones über die Erfahrungen, die der Film aufgreift - und warum er aus ihrer Sicht zum richtigen Zeitpunkt kommt.
Hauptdarsteller Johannes Hegemann (geb. 1996) verkörpert die erwachsene Olivia Jones, Arian Wegener (geb. 2012) spielt den jungen Oliver. Annette Frier (52) übernimmt die Rolle der Mutter Evelin Knöbel, Angelina Häntsch (42) ist als langjährige Freundin Marlene Stelling zu sehen. Auch Stephan Kampwirth (59) als Lilo Wanders, Daniel Zillmann (45), Jeremy Mockridge (32), Karin Hanczewski (44) und Martin Brambach (58) gehören zum Ensemble.
"Als Jugendlicher hätte ich mir das niemals träumen lassen"
Wegen seiner Vorliebe für Frauenkleider wurde Oliver in seiner Heimatstadt Springe in jungen Jahren mit Spott, Ablehnung und Gewalt konfrontiert. Selbst die eigene Mutter reagierte mit Härte. Heute ist die Situation eine andere: "Zum Glück hat sich vieles verändert. Die Gesellschaft ist in weiten Teilen toleranter geworden, und ich werde dort inzwischen als Ehrenbotschafterin gefeiert", erzählt Olivia Jones im spot-on-news-Gespräch. "Das ist eine wunderbare Entwicklung. Als Jugendlicher hätte ich mir das niemals träumen lassen."
Dass die Verfilmung gerade jetzt ins Programm kommt, hält die Kiez-Ikone für sehr passend. "Mich sorgt sehr, dass rechte Parteien erstarken, dass Demokratie und Meinungsfreiheit unter Druck geraten und queere Rechte wieder stärker infrage gestellt werden", sagt sie. "Gerade deshalb finde ich es wichtig und stark, dass das ZDF diesen Film gemacht hat und ausstrahlt. Das macht mich sehr stolz."
"Drag ist heute definitiv auch ein Beruf mit Berufung"
Im Film fällt der Satz, Travestie sei kein richtiger Beruf. Olivia Jones sieht das längst anders - und glaubt, dass auch die Gesellschaft mittlerweile umgedacht hat. "Drag steht heute für Freiheit, Kunst und dafür, sich selbst auszuleben und die Welt ein bisschen bunter und lustiger zu machen", erklärt sie. "Gleichzeitig kann Drag auch ein Sprachrohr für gesellschaftspolitische Themen sein, was ich sehr gerne nutze. Es ist ein sehr breites Feld und heute definitiv auch ein Beruf mit Berufung."
Mut habe sie schon früh bewiesen - als Mädchen verkleidet ging sie sogar zu einem NPD-Parteitag. Eine Heldengeschichte will sie daraus aber nicht machen: "Ich konnte auch gar nicht anders. Ich bin, wie ich bin. Ich bin schwul, ich liebe das Verkleiden, ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich habe einfach versucht, das Beste daraus zu machen."
Wendepunkt mit der Mutter
Ein bedeutender Erzählstrang des Films ist das schwierige Verhältnis zur eigenen Mutter. Den Wendepunkt brachte ausgerechnet der berufliche Erfolg: "Als sie merkte, dass ich davon doch leben kann, hat sie das sehr beruhigt", so Olivia Jones. Annette Frier spiele diese Zerrissenheit "sehr gut". Die Mutter habe schlicht Angst gehabt, ihr Sohn könne nie davon leben. "Mit der Zeit habe ich auch gelernt, mich stärker in sie hineinzuversetzen. Sie hat selbst unter vielen Anfeindungen gelitten, weil man ihr eingeredet hat, sie sei schuld daran, wie ich bin."
Auch der Auftritt beim "Wort zum Sonntag" rund um den Eurovision Song Contest 2016 spielt im Film eine Rolle. "Das war für mich etwas ganz Besonderes. Das 'Wort zum Sonntag' war für mich immer so etwas wie die konservativste Instanz im deutschen Fernsehen", erinnert sich die 56-Jährige im Interview. "Als die Anfrage kam, dachte ich erst an einen Scherz. Umso toller fand ich es, dass die Kirche diesen Schritt gegangen ist."
Olivia Jones: "Paradiesvögeln ein Nest bieten"
Als eine weitere prägende Erfahrung zeigt der Film das damalige Stigma von HIV und Aids. "Damals war HIV beziehungsweise Aids praktisch ein Todesurteil", sagt Olivia Jones über die 1980er und 1990er Jahre. "Das war für mich auch die Initialzündung, mich in der Prävention zu engagieren, die Aids-Hilfe zu unterstützen und Veranstaltungen zu moderieren." Sie habe miterlebt, wie brutal die Stigmatisierung war: "Menschen mit HIV wurden gemieden, manche wechselten sogar die Straßenseite."
Aus eigener Erfahrung mit Armut und Ausgrenzung sei das soziale Engagement gewachsen, das Olivia Jones bis heute prägt. "Gerade in einer Zeit, in der es mir finanziell sehr schlecht ging, in der ich meine Miete kaum zahlen konnte und mir sogar der Strom abgestellt wurde, haben mir Menschen geholfen und Jobs besorgt", schildert sie. "Genau das versuche ich heute mit der Olivia-Jones-Familie weiterzugeben: Paradiesvögeln ein Nest zu bieten, die es auf dem freien Arbeitsmarkt oft schwerer haben."
Sorge um den gesellschaftlichen Klimawandel
Trotz aller Fortschritte bereitet ihr die aktuelle Stimmung Sorgen. "Ausgrenzung und Diskriminierung gibt es leider immer noch, und auch die Gewalt gegen Homosexuelle nimmt leider wieder zu, was mir große Sorgen macht", betont Olivia Jones im Gespräch. "Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft zusammenstehen und für unsere Rechte und unsere Freiheit kämpfen."
"Olivia" wird am 13. Mai um 20:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt und ist in der Mediathek verfügbar.
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