Olivia Jones: "Wir müssen als Gesellschaft wieder zusammenstehen"
Sie ist die bekannteste Dragqueen Deutschlands: Olivia Jones weiß, worauf es im Showbusiness ankommt. Mit ihren bunten Auftritten begeistert sie seit Jahrzehnten zuverlässig auf der Hamburger Reeperbahn. Gleichzeitig setzt sich die 56-Jährige, die sich innerlich jedoch auf ewig als 28-Jährige fühlt, couragiert und unermüdlich für Toleranz und Vielfalt ein. Schließlich musste sie als kleiner Junge aus der Provinz, der sich heimlich für Muttis Kleider und Schminke interessiert, selbst etliche Anfeindungen ertragen. Über ihren nicht immer leichten Werdegang schrieb Olivia Jones 2021 in der Autobiografie "Ungeschminkt: Mein schrilles Doppelleben". Darauf basierend entstand der Eventfilm "Olivia" von Till Endemann (Regie) und David Ungureit (Buch), den das ZDF am Mittwoch, 13. Mai, um 20.15 Uhr, im TV, sowie bereits ab Dienstag, 5. Mai, online zeigt. Wie es sich anfühlt, das eigene Leben plötzlich als Film zu sehen, verrät Olivia Jones im Interview. Außerdem spricht sie über zunehmende Gewalt gegen Homosexuelle, politisches Engagement im Kleinen und die Frage, warum sie auf keinen Fall noch mal ins Dschungelcamp gehen würde.
teleschau: Der Film "Olivia" beginnt in Ihrer Heimat, der niedersächsischen Kleinstadt Springe, bei Hannover. Wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit dort?
Olivia Jones: Das Erste, das mir in den Sinn kommt, ist natürlich mein Kampf dafür, so geliebt und akzeptiert zu werden, wie ich bin. Auf der anderen Seite erinnere ich mich aber auch an viele lustige Erfahrungen und Begegnungen, weil ich schon immer gut mit Menschen umgehen konnte.
teleschau: Wie reagieren die Menschen dort heute, wenn Sie zu Besuch kommen? Hat sich ihr Verhalten Ihnen gegenüber verändert?
Jones: Natürlich gibt es eine Veränderung, weil ich bekannt bin. Aber die Gesellschaft hat sich auch ein bisschen verändert. Das waren schon andere Zeiten, als ich jugendlich war. Auf der anderen Seite gibt es derzeit wieder einen Rechtsruck, was dazu führt, dass die Rechte von queeren Menschen auch wieder infrage gestellt werden. Das macht mir große Sorgen, weil mich das doch sehr an meine eigene Jugend erinnert.
"Ohne Humor funktioniert mein Leben nicht"
teleschau: Wie haben Sie es geschafft, nach all den schlechten Erfahrungen, die Sie gemacht haben, nicht den Mut zu verlieren?
Jones: Ich glaube, zunächst einmal bin ich von Natur aus sehr mutig. Aber ich kann auch nicht anders. Das ist einfach mein Leben, das bin ich. Ich hab mir das ja nicht ausgesucht. Wenn ich damals gefragt worden wäre, hätte ich sicher nicht schwul und Travestie gewählt, sondern hetero, weil das der einfachere Weg ist. Ich habe einfach versucht, für mich selbst das Beste daraus zu machen. Mein Job ist meine große Leidenschaft und macht mir großen Spaß. Das ist auch mein Schlüssel zum Erfolg: dass ich mutig bin und dass ich das liebe, was ich tue, dabei aber gleichzeitig auch eine gute Selbstironie habe.
teleschau: Wie äußert sich diese Selbstironie?
Jones: Das Wichtigste ist der Humor. Ohne den funktioniert mein Leben nicht. Das Gute ist, dass ich auch über mich selbst lachen kann. Deshalb hatte ich auch ganz früh als Travestiekünstler oder Drag Queen Erfolg. Ich hatte immer Mut zur Hässlichkeit, war lustig und habe Comedy und Überzeichnung schon ganz früh sehr geliebt.
Über den Film "Olivia": "Für mich ist es eine Achterbahn der Gefühle"
teleschau: Wie fühlt es sich an, das eigene Leben plötzlich als Film zu sehen?
Jones: Das macht mich natürlich stolz! Dass das ZDF daraus einen Eventfilm um 20.15 Uhr machen würde, hätte ich mir nicht träumen lassen und die Mainzelmännchen sicherlich auch nicht. (lacht) Das ist schon eine ganz besondere Ehre. Für mich ist es eine Achterbahn der Gefühle, wenn ich diesen Film sehe, weil er mir auch noch mal zeigt, wie schwer der Weg war. Auf der anderen Seite gibt es im Film natürlich auch schrille und lustige Momente und ein Happy End.
teleschau: Wie stark waren Sie in die Entwicklung des Drehbuchs involviert?
Jones: Der Film basiert auf meiner Autobiografie. Ich habe viel mit den Darstellerinnen und Darstellern gesprochen und war auch am Filmset, was für mich wirklich ein Gänsehautmoment war: Ich fühlte mich so in die Zeit von damals zurückversetzt. Sogar mein Kinderzimmer sah genauso aus wie früher. Annette Frier hat die Rolle meiner Mutter ganz wunderbar gespielt. Durch diese Authentizität und dieses Herzblut ist der Film am Ende auch so gut geworden.
"Wichtig ist, sich selbst für Meinungsfreiheit einzusetzen"
teleschau: Queere Rechte sind derzeit wieder vermehrt in Gefahr. Wie steht es Ihrer Einschätzung nach um die allgemeine Toleranz in unserer Gesellschaft?
Jones: Im Vergleich zu meiner Kindheit ist unsere Gesellschaft natürlich viel, viel toleranter geworden. Durch das Internet ist es auch viel leichter, Gleichgesinnte zu finden. Es gibt viele Selbsthilfegruppen, die es zu meiner Zeit noch nicht gab. Aber auf der anderen Seite gibt es so viel Hass in der Gesellschaft und so viel Diskriminierung. Die Gewalt gegen Homosexuelle steigt wieder. Hinzukommen Ausgrenzung und der weltweite Rechtsruck. Das alles macht mir große Sorgen. Wir müssen als Gesellschaft wieder zusammenstehen und für unsere Rechte und unsere Freiheiten kämpfen! Denn unsere Demokratie, unsere Meinungsfreiheit, die Rechte von queeren Menschen – das alles sollte doch eigentlich selbstverständlich sein! Es ist schlimm, wenn wir darüber heute immer noch streiten müssen.
teleschau: Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass es eines Tages wirklich gleiche Rechte für alle Menschen geben wird?
Jones: Ich bin ein sehr positiver Mensch und versuche immer Hoffnung zu haben. Das ist einfach wichtig, um nicht selbst daran zu zerbrechen. Wichtig ist, sich selbst für Meinungsfreiheit einzusetzen und die Welt im Kleinen ein Stück weit besser zu machen.
"Dass ein Kind so sein darf, wie es möchte, ist der Schlüssel, um glücklich zu sein"
teleschau: Was würden Sie jungen Menschen raten, die sich heute in einer ähnlichen Situation wie Sie damals befinden?
Jones: Wichtig ist, jungen Menschen zu sagen, dass diese Freiheiten, die sie heute genießen, hart erkämpft wurden. Für viele junge Menschen sind diese Freiheiten selbstverständlich, weil sie damit aufgewachsen sind. Doch genau diese Freiheiten sind heute wieder in Gefahr. Da sind wir als Gesellschaft gefragt: Wir dürfen uns das einfach nicht bieten lassen! Es gibt so viele Möglichkeiten, sich einzusetzen, aber Stillschweigen bringt uns auf keinen Fall weiter.
teleschau: Welche Bedeutung haben Filme wie "Olivia" in diesem Kontext?
Jones: Es ist insofern wichtig, dass es eine öffentlich-rechtliche Sendung ist. Es geht einfach darum, den Menschen Kraft zu geben und vielleicht auch Eltern, die queere Kinder haben, zu zeigen, wie wichtig Akzeptanz und Liebe sind. Dass ein Kind so sein darf, wie es möchte, ist der Schlüssel, um glücklich zu sein. Das kann man nicht oft genug betonen.
teleschau: Tut das deutsche Fernsehen genug, um Queerness zu enttabuisieren und Diversität zu fördern? Oder würden Sie sich noch mehr Filme in diese Richtung gehend wünschen?
Jones: Ich würde mir viel mehr solcher Filme wünschen! Es gab eine Zeit, in der Queerness in den Medien viel sichtbarer war. Aber heute habe ich das Gefühl, dass der momentane Rechtsruck in den USA zunehmend auch zu uns rüberschwappt, und das finde ich ziemlich gefährlich.
teleschau: Welche konkreten Formate für oder über queere Menschen bräuchte es Ihrer Meinung nach noch?
Jones: Was wir brauchen, ist einfach mehr Selbstverständnis, mehr Sichtbarkeit. Und dass man gegen diesen ganzen Hass im Internet, diese Desinformationen und dieses Schüren von Ängsten vorgeht. Denn das alles erreicht vor allem junge Leute, die das überhaupt nicht einordnen können. Da braucht es eine Regulation!
teleschau: Könnte eine Klarnamenpflicht im Netz, die derzeit wieder diskutiert wird, helfen?
Jones: Ich bin für eine Klarnamenpflicht. Aber vor allem bin ich dafür, dass man diesen Hass eindämmt. Erst mal indem man mit den Verfasserinnen und Verfassern spricht: Viele junge Menschen wissen gar nicht, was ihr Mobbing und ihr Hass anrichten. Das ist auch Thema in "Olivia". Es ist wichtig, immer wieder über diese Dinge zu sprechen und sich klar gegen diesen Hass zu stellen.
Zum politischen Engagement: "Für mich ist das eine gewisse Selbstverständlichkeit"
teleschau: "Olivia" zeigt auch, wie Sie 2017 über den neuen Bundespräsidenten abstimmen durften. Nächstes Jahr wird neu gewählt. Wäre das Amt auch was für Sie?
Jones: Ich bin ein politischer Mensch, aber ich würde in dem Politik-Betrieb niemals klarkommen, weil ich zu emotional bin. Aber wir haben ja eine tolle Demokratie, in der man auch politisch sein kann, ohne Politiker zu sein. Ich setze mich gesellschaftspolitisch ein. Das würde ich mir auch von anderen wünschen, gerade von denen, die in der Öffentlichkeit stehen. Für mich ist das eine gewisse Selbstverständlichkeit, dass man, wenn man so privilegiert ist, wie ich, auch ein bisschen was zurückgibt.
teleschau: Als Olivia Jones stehen Sie seit rund 30 Jahren auf der Bühne. Was betrachten Sie als Ihre größten Meilensteine in all den Jahren?
Jones: Meine größten Meilensteine waren die ersten Gewinne von Talentwettbewerben. Mein wirtschaftlicher Durchbruch waren aber 2006 unsere Kult-Kieztouren, die auch Grundstein für meine Bars und Theater waren. Die Gäste wollen ja irgendwo weiterfeiern. Dann sind da natürlich meine ersten Fernsehauftritte: Zum Beispiel bei "Big Brother", das damals noch bei RTLZWEI lief. Durch das und die ganzen Talkshows habe ich mich langsam in Position gearbeitet. Und dann kam irgendwann das Dschungelcamp (2013, d. Red.). Das war mein größter Karriere-Booster! Ich gehörte ja auch zu den wenigen, die sich dafür auch wirklich beworben haben, weil ich das als große Chance für mich sah.
teleschau: Inwiefern?
Jones: Naja, es war für mich eine Chance, mich bekannt zu machen. Das ist so eine große Plattform und mittlerweile so ein Kult! Unsere Staffel hatte eine Riesenquote von durchschnittlich über sieben Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern! Das ist schon enorm! Inzwischen bin ich Teil vom Dschungelcamp und das finde ich super! Das macht mir sehr viel Spaß! Ich muss mich nicht mehr quälen lassen, sondern kann über die Kandidaten lästern (lacht).
"Ich würde auf keinen Fall nochmal ins Dschungelcamp gehen"
teleschau: Und Sie haben kürzlich Ihre eigene Dschungelbar eröffnet ...
Jones: Ja, das ist natürlich etwas, was einfach super in die heutige Zeit passt. Auch mit dem Reality-Quiz, das wir da veranstalten. Weil Reality-TV ist so angesagt und hat Millionen Fans!
teleschau: Wie erklären Sie sich diese Faszination für Reality?
Jones: Ich glaube, das ist einfach die Faszination dafür, dass man in komplett andere Welten abtauchen kann, dass man seine Probleme vergessen kann und sieht: Mensch, so schlimm bin ich doch gar nicht! (lacht) Es macht einfach Spaß, und es verbindet auch durch den Tratsch darüber. Jede und jeder kann sich mit irgendwem oder irgendwas darin identifizieren. Das ist einfach krass! Auch dass Realitystar mittlerweile ein Beruf ist! Das hätte ich niemals für möglich gehalten!
teleschau: Wobei es dazu auch kritische Stimmen gibt ...
Jones: Ja, es polarisiert natürlich. Ich muss mich manchmal auch selber fragen: Finde ich das lustig, dass es Leute gibt, die gefühlt in jedem Format auftauchen? Freue ich mich darüber? Finde ich das grausam? Aber ich gucke es halt, auch wenn ich mich darüber aufrege. (lacht) Es ist einfach eine unglaubliche Faszination.
teleschau: Gibt es Formate, an denen Sie gerne teilnehmen würden, oder welche, bei denen Sie keinesfalls teilnehmen würden?
Jones: Ich würde auf keinen Fall noch mal ins Dschungelcamp gehen. Das war so eine Quälerei! Deswegen ist es ja auch so ein großer Erfolg. Schlafentzug, kein Essen und dann mit diesen verhaltensauffälligen Leuten auf so kleinem Raum gefangen zu sein. Und dann diese Temperaturen dort! Tagsüber ist es da affenheiß und abends sogar noch ein bisschen kühl! Und dann dieses Viehzeug überall! Das würde ich auf keinen Fall noch mal mitmachen! Ich bin froh, dass ich das moderieren darf (lacht).
"Ich würde wünschen, dass es ein Olivia-Mainzelmännchen gibt"
teleschau: Reality-Stars waren zuletzt auch oft beim "Traumschiff" zu sehen. Wäre das was für Sie?
Jones: "Das Traumschiff" hatte mich schon einmal angefragt, und da konnte ich leider nicht. Ich hoffe, sie fragen mich noch mal, So was ist natürlich toll! Im Grunde handelt es sich dabei ja auch ein bisschen um Reality (lacht). Denn von Schauspielerei ist das weit entfernt. Aber es ist wirklich unterhaltsam. Und es ist Kult! Und bei Kult bin ich gerne mit dabei! (lacht).
teleschau: Welche Träume wollen Sie sich in Ihrer Karriere noch erfüllen?
Jones: Das Krasse ist, dass ich meinen Traum lebe und erfolgreicher bin, als ich mir das je zu träumen gewagt hätte: Drei Bars und zwei kleine Theater auf St. Pauli, dazu die Kult Kieztouren, mit denen wir in diesem Jahr 20-Jahre-Jubiläum feiern. Ich wollte einfach Spaß haben, mich ausleben, dem Publikum Freude bringen und davon leben können. Aber dass man damit wirklich bekannt werden kann und andere Künstler unterstützen kann, hätte ich nie für möglich gehalten.
teleschau: Sie haben also keine Träume mehr?
Jones: Ich bin da ganz demütig: Ich bin froh, wenn es so bleibt, wie es ist, weil es mehr ist, als ich erwartet oder erhofft habe. Ich würde mir vielleicht noch wünschen, dass es ein Olivia-Mainzelmännchen gibt. Darüber muss ich mit dem ZDF noch mal sprechen (lacht).
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