Julia Roberts ist zurück – und macht Ernst mit einem MeToo-Film
Gerade wurde noch Emma Stone zur Königin von Venedig ausgerufen – für ihr böses Verschwörungsdrama "Bugonia" lässt sie sich unter anderem entführen, foltern und den Kopf kahl rasieren – schon macht die nächste Hollywood-Adelige ihre Aufwartung und verzaubert die Massen. Julia Roberts ist zurück. Ihre Show für die Fotografen und auf dem roten Teppich ist tatsächlich ihre persönliche Premiere auf dem Filmfestival. Vorher war sie in Venedig lediglich für Dreharbeiten zu Besuch. Zeit für Besichtigungen hätte sie diesmal aber leider nicht, erzählte sie gut gelaunt bei der überfüllten Pressekonferenz. "Aber allein die Anfahrt auf dem Boot fühlt sich an wie ein Traum."

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Eher wie ein langsamer Albtraum entwickelt sich der Film in ihrem Gepäck. "After the Hunt" heißt das Drama des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino. Erotisch aufgeladene Begegnungen sind mit Werken wie "Call Me By Your Name", "Challengers" oder zuletzt "Queer" mit Daniel Craig zu seiner Spezialität geworden. Doch in dem neuen Drama steht ein angeblicher MeToo-Fall an der Universität Yale im Zentrum, sexuelle Szenen kippen schnell ins Unangenehme, Übergriffige.
Julia Roberts hat etwas zu verheimlichen
Ein weißer Dozent (Andrew Garfield) soll nach einer Party eine schwarze, lesbische Doktorandin (Ayo Edebiri, bekannt geworden mit ihrer Rolle als Köchin in der Serie "The Bear") vergewaltigt haben, deren Eltern zu allem Unheil auch noch wichtige Geldgeber der Elite-Schule sind. Er streitet ab und vermutet einen Rachefeldzug, weil er ihr Schummelei bei der Doktorarbeit nachweisen konnte. Immer komplizierter und verworrener wird es dann, weil sich die Studentin ausgerechnet ihre Professorin für Philosophie und Ethik (Julia Roberts) als Mentorin und Komplizin ausgesucht hat, die offenbar ebenfalls einen zweifelhaften MeToo-Fall aus ihren Teenager-Tagen verheimlicht.
Bereits nach den ersten Vorstellungen wurde der Film heiß diskutiert. Werden hier Frauen gegeneinander ausgespielt in ihrer Glaubwürdigkeit und der andauernde Kampf der Feministinnen unterlaufen? Kann man komplex und akademisch anspruchsvoll über Rassismus und Diversität, Cancel Culture und die Identitätsthesen von Philosophen wie Foucault, Arendt und Adorno erzählen, ohne dass die Zuschauer irgendwann den Faden oder die Geduld verlieren?
Sie lächelt ihr berühmtes Lächeln
"Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als dass Sie aus dem Kino kommen und darüber reden", sagte Roberts und lächelte ihr berühmtes Lächeln, das man auf Panorama-Postkarten drucken könnte. "Die Kunst der Konversation geht uns Menschen gerade verloren", befürchtet sie. Zuschauer könnten doch selbst entscheiden, ob sie nach dem Abspann "lieber Martinis trinken oder Limonade".
Streiten oder mehr ins Detail gehen, wollte Roberts bewusst nicht auf der Bühne in Venedig. "Unhöflich zu sein, zu widersprechen, liegt nicht in meiner Natur", sagte sie fast mütterlich. Vorher hatte sie bereits fürsorglich ihre Kollegen aufgefordert, schon mal die vor ihnen platzierten Dosen mit Wasser zu öffnen, damit später alle besser zu verstehen wären. "So lief das jeden Tag bei den Dreharbeiten", witzelte Andrew Garfield. "Willkommen im Mikrokosmos von Julia Roberts."
"Pretty Woman" ist sehr lange her
So gut wie in "After the Hunt" war Roberts tatsächlich sehr lange nicht mehr in einer Hauptrolle. Ihr Oscar für "Erin Brockovich" ist 24 Jahre her, die Nominierung für "Pretty Woman" noch einmal zehn Jahre länger. In gut zwei Jahren wird sie, schwer vorstellbar, ihren 60. Geburtstag feiern. Zuletzt hat sie leider kaum noch bei Kinofilmen zugesagt, wenn dann meist Mütterrollen übernommen. Stattdessen spielte sie in ein paar Fernsehserien mit, ließ sich als Botschafterin für Luxusmode und Schmuck anheuern und setzte sich als Aktivistin ein für nachhaltige Themen und Menschenrechte.
Und sie gründete zusammen mit ihrer Schwester Lisa eine eigene Produktionsfirma, um mehr Mitbestimmung und Kontrolle zu haben bei künftigen Projekten. Der Name ihrer Firma wurde von einem Hindu-Symbol inspiriert: "Red Om". Er macht auch rückwärts gelesen Sinn. Der Mann ihrer drei Kinder heißt Danny Moder.
Roberts wollte sich auf die Familie konzentrieren
Nach dem frühen Durchbruch in den 90er Jahren mit romantischen Komödien und modernen Klassikern wie "Notting Hill" wollte sich Roberts generell mehr auf die eigene Familie konzentrieren und wurde immer wählerischer. Dafür zeigt sie nun in Venedig ihre ganze Kunst und warum sie auch im aktuellen Oscar-Rennen weit vorne landen könnte. Für die Rolle einer Frau, deren überragender Intellekt ihre Gefühlswelt, Lebenslügen und persönliche Wahrheiten infrage stellt und ins Wanken bringt, hat sie sich die Haare fast Trump-Blond färben lassen, die Fingernägel schwarz lackiert und trägt gerne weiße Hosen zu schwarzen Slippern. Ihre Figur liest Thomas Mann, hört Miles Davis und hat ein Magengeschwür.
Zu lächeln gibt es für die sonst so heiter gestimmte Roberts diesmal nur wenig, ihre sonst so freundlichen Augen senden eisige Blicke in Richtung ihrer Freunde, Kollegen und Widersacher. Kurzum: Julia Roberts kann auch in den Kampfmodus schalten und ernste, vielschichtige Charaktere zum Leben erwecken. "Bei Problemen wird es erst richtig saftig für eine Schauspielerin", sagt sie. "Dafür steht man morgens gerne auf." Gesprochen wie eine wahre Königin.
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