"Es ist eine gute Geschichte, kein politisches Statement"
Mit Filmen wie dem verstörenden "Requiem for a Dream", dem düsteren "Black Swan" und dem zugänglicheren "The Wrestler" hat Darren Aronofsky Filmgeschichte geschrieben. Sein berührendes Kammerspiel "The Whale" sorgte zuletzt nicht allein aufgrund der Performance von Hauptdarsteller Brendan Fraser für Aufsehen. Jetzt startet mit "Caught Stealing" ein neuer, etwas anderer Film des 56-jährigen US-Filmemachers im Kino und damit ein Thriller, der dem Zuschauenden kaum Zeit zum Durchatmen lässt.
Im Interview mit ntv.de spricht Darren Aronofsky über das Drehen mit Katzen und mit Austin Butler sowie über seine persönlichen Erinnerungen an die 90er-Jahre, in denen der Film spielt.
ntv.de: Wie sind Sie zu der Geschichte von "Caught Stealing" gekommen - über den Roman oder erst über das Drehbuch?
Darren Aronofsky: Eigentlich beides. Ich habe den Roman vor rund 18 Jahren gelesen und sofort geliebt - wegen der Energie, der Spannung, der überraschenden Wendungen. Damals versuchte ich, die Rechte zu bekommen, aber es klappte nicht. Dann, etwa drei Jahre ist es her, meldete sich der Autor Charlie Huston. Er hatte die Rechte zurückbekommen, zusätzlich selbst ein Drehbuch geschrieben und fragte, ob ich mir das anschauen wolle. Ich las es - und hatte wieder genau dasselbe Gefühl wie beim ersten Mal. Also haben wir es erworben und uns sofort an die Arbeit gemacht.
Das Buch erschien bereits 2004. Haben Sie Aspekte daraus überdacht, weil sich seither die Zeiten geändert haben? Beispielsweise hinsichtlich der "Bösewichte", die schwarz, puerto-ricanisch, russisch und jüdisch sind, während die weiße Hauptfigur unverschuldet in deren Fänge gerät.
Nein. Für mich stand fest: Es ist vor allem eine gute Geschichte, kein politisches Statement. Natürlich liest jeder hinein, was er möchte. Aber was New York ausmacht, ist und bleibt die Vielfalt: Menschen aus aller Welt bringen ihre Sprachen, ihre Kultur, ihre Musik mit - und sind trotzdem Teil einer großen, gemeinsamen New-York-Erzählung. Im Film, der in just dieser Zeit spielt, spiegelt sich das genauso. Der Cast ist genauso divers. Es passte einfach.
War das Drehbuch, das Charlie Huston vorlegte, bereits perfekt oder gab es Nachbesserungsbedarf?
Als ich ihn erstmals kontaktierte - vor über zehn Jahren - war er ausschließlich Romanautor. In den 15 Jahren danach hat er eine ziemliche Hollywood-Reise hingelegt, an vielen Serien gearbeitet, zahlreiche Drehbücher geschrieben. Als wir dann wieder zusammenkamen, war er ein viel erfahrenerer Drehbuchautor. Für mich war von Anfang an klar: Wir tauschen ihn nicht aus. Er konnte sein eigenes Buch selbst hervorragend adaptieren. Wir haben intensiv am Skript gearbeitet, und die Zusammenarbeit war großartig.
Im Roman spielt eine Katze eine wichtige Rolle. Sie selbst sind ein Hundemensch. Gab es die Idee, zumindest hier was zu ändern?
Nein, man hätte auch sehr viel ändern müssen, wenn es ein Hund geworden wäre. Hunde binden den Menschen stärker, sie interagieren ständig. Bei einer Katze ist das anders, sie sind geheimnisvoll, unabhängig. Das passt perfekt zur Geschichte. Entscheidend war dann, die richtige Katze zu finden - und das dauerte seine Zeit.
Wie viele Katzen kamen am Ende zum Einsatz?
Fünf verschiedene, jede mit eigenem Charakter. Eine konnte den Raum beherrschen, indem sie einfach irgendwo saß und den perfekten Blick hatte. Eine andere war verschmust, aber kam mit bestimmten Situationen nicht klar. Wir haben ihre Stärken kombiniert.
War die Arbeit mit ihnen schwieriger als mit Schauspielern?
Ganz und gar nicht. Ehrlich gesagt habe ich schon mit Schauspielern gearbeitet, bei denen ich mir gewünscht hätte, sie wären wie diese Katze. (lacht) Das Tier war brillant, nach ein bis zwei Takes war fast immer alles im Kasten. Die Produzenten hatten große Sorgen wegen der Drehzeiten, aber die Katze hat uns nie aufgehalten. Im Gegenteil.
Wie fanden Sie Austin Butler für die Hauptrolle des Hank Thompson?
Wir begegneten uns bei einer Award-Show. Er war dort mit "Elvis", ich mit "The Whale". Ein unglaublich netter, bodenständiger Mensch, der unbedingt gute Arbeit leisten will. Ich erinnere mich, wie er aus dem Raum ging und ich dachte: Vielleicht ist das Hank Thompson. Wir haben ihn angesprochen - er war begeistert. Natürlich weiß man nie zu 100 Prozent, ob es funktioniert. Manchmal stehst du am Set und denkst: "Oh nein, wie kommen wir da durch?" Dieses Mal war es anders: Mit Austin haben wir losgelegt, und er hat es von Beginn an perfekt getroffen.
Und der Rest des Casts? Stand der für Sie früh fest oder mussten alle klassisch zum Casting vorbeischneien?
Teilweise hatte ich direkt Ideen, andere Rollen haben wir sehr klassisch über Castings besetzt. Für eine Frauenrolle war mir früh klar: Sie muss eine echte New Yorkerin sein, mit Haltung und diesem speziellen Tonfall. Wir haben dann zwar viele Leute getestet - aber am Ende war Zoë Kravitz die Richtige. Bei einer anderen Rolle, die des Punks Russ, war ursprünglich eine US-Besetzung vorgesehen, dann brachte mich jemand auf Matt Smith - und auf einmal klickte es. Man baut so ein Ensemble Stück für Stück, wie mit Legosteinen.
Der Film spielt Ende der 90er-Jahre in New York. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Ich liebe New York heute, aber die späten 90er waren wirklich besonders. Der Kalte Krieg war vorbei, die Sowjetunion zerfallen, die Berliner Mauer längst gefallen. Es gab so viel Optimismus. Man hatte das Gefühl: Das neue Millennium bringt unglaubliche Möglichkeiten für die Menschheit. Es war die Zeit unmittelbar vor 9/11 und noch ein ganz besonderer Moment voller Versprechen.
Auch der Soundtrack ist auffällig: Sie haben mit der Punkband Idles gearbeitet.
Ich bin schon lange Fan ihrer Musik. Irgendwann hatte ich die Idee: Wäre es nicht großartig, wenn eine Punkband quasi den Score liefert? Songs schreibt, die Energie auf die Leinwand bringt? Für mich waren die Idles die beste Wahl. Zum Glück dachten sie genauso.
Der Roman ist der erste Teil einer Serie. Planen Sie weitere Filme?
Das hängt nicht an mir oder an Austin, sondern letztlich am Publikum. Mal sehen, wie die Leute reagieren. Dieser Film ist eine abgeschlossene Geschichte, er steht für sich. Natürlich gibt es im Buchzyklus weitere Storys, ich kenne sie aber selbst nur noch vage - ich habe sie zuletzt vor 18 Jahren gelesen. Wer weiß, vielleicht ergibt sich etwas.
Die Arbeit an "Caught Stealing" ist abgeschlossen, die Promotion läuft. Arbeiten Sie schon an neuen Projekten?
Ja, ich schreibe, entwickle, lasse auch für mich schreiben. Man muss immer überlegen: Was kommt als nächstes? Aber Drehbücher verfasse ich ausschließlich für meine eigenen Filme. Alles andere wäre für mich vergeudete Zeit.
Mit Darren Aronofsky sprach Nicole Ankelmann
"Caught Stealing" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.
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