Herr Hegger, Sie investieren viel Aufwand in Ausbildungsprogramme, oft für nur ein oder zwei Nachwuchskräfte pro Betrieb. Lohnt sich das?

Wilhelm Hegger: Absolut. Für uns ist Ausbildung ein strategisches Instrument. Es geht nicht nur um Zahlen, sondern darum, junge Menschen früh zu begeistern insbesondere für das Berufsbild Kfz‑Mechatroniker, das in den vergangenen Jahren spürbar an Attraktivität verloren hat. Über strukturierte Programme können wir Talente früh begleiten und gemeinsam entwickeln. Den sogenannten "Ferrari Weg" lernt man nicht im Schnellkurs, den muss man über Jahre erleben.

Warum liegt der Fokus zunächst so stark auf dem Kfz‑Mechatroniker?

W. Hegger: Weil hier der größte Handlungsdruck besteht. In vielen Gesprächen mit Kollegen aus der Branche wurde mir klar, dass es die größten Engpässe in der Werkstatt gibt. Unser Ansatz war deshalb bewusst, zunächst das Berufsbild selbst wieder attraktiver zu machen und das unabhängig von Ferrari. Ferrari ist dann der zweite Schritt. Die Marke hat Strahlkraft, gerade bei jungen Menschen. Dieses Konzept hat sich so gut bewährt, dass es inzwischen auch in anderen Regionen wie Japan oder Großbritannien adaptiert wird.

Sie sprechen von einer hohen Abbruchquote in der Ausbildung. Wie gehen Sie damit um?

W. Hegger: Branchenweit zeigen sich hohe Ausfallquoten sowie eine erhöhte Anzahl vorzeitiger Ausbildungsabbrüche. Das ist für alle Beteiligten unbefriedigend. Mit unserem strukturierten "Zukunftstag" lernen sich beide Seiten früh kennen. Die Kandidaten durchlaufen mehrere Praxisstationen, die jeweils von Fachkollegen betreut werden. Am Ende folgt intern ein gemeinsames Debriefing. So gewinnen wir ein sehr differenziertes Bild und erhöhen die Qualität der Auswahl deutlich.


Ferrari-Zukunftstag 2026 bei Emil Frey Sportivo


Ist dieses Prinzip auch für andere Marken und Autohäuser übertragbar?

W. Hegger: Definitiv. Entscheidend ist ein ehrliches, authentisches Kennenlernen. Unternehmen müssen zeigen, wie sie wirklich arbeiten, ohne einen Hochglanzfilter voranzustellen. Gleichzeitig bekommen Bewerber die Chance, sich praxisnah zu präsentieren. Der Schlüssel liegt darin, Theorie gegen Praxis zu tauschen. Am Ende profitieren die Betriebe, die Nachwuchskräfte und das Berufsbild insgesamt.

Ferrari gilt als Hochleistungsmarke. Wie halten Sie ambitionierte Mitarbeiter langfristig im Unternehmen?

W. Hegger: Wir bieten Perspektiven. Unter dem internen Programm "Triple R" – Recruit, Retain, Reward – zeigen wir klare Entwicklungswege auf. Ein Beispiel sind die globalen Testa Rossa Awards, bei denen sich Mitarbeiter aus Vertrieb, Service oder Werkstatt international messen. Wer leistungsbereit ist, soll sich entwickeln und vergleichen können. Das motiviert, ähnlich wie im Spitzensport.

Sie selbst sind seit rund 20 Jahren bei Ferrari. Was macht das Unternehmen für Sie aus?

W. Hegger: Für mich lässt sich Ferrari auf drei Begriffe verdichten, nämlich Innovation, Tradition und Passion. Diese Kombination prägt alles von den Produkten bis zur Unternehmenskultur. Wir schauen immer gleichzeitig nach vorne und zurück. Ferrari ist gewachsen, aber weiterhin sehr agil. Veränderungen ob technologisch, geopolitisch oder regulatorisch betrachten wir nicht als Bedrohung, sondern als Teil des Alltags.


Ferrari Amalfi Spider (2027)


Thema Elektrifizierung: Wie passt das zur DNA von Ferrari?

W. Hegger: Enzo Ferrari war ein Visionär. Er hätte sich niemals Neuerungen verschlossen. Für uns gilt daher Tradition und Innovation gehören zusammen. Wir bieten deshalb unterschiedliche Antriebsformen mit Verbrenner, Hybrid und künftig auch vollelektrisch. Der Kunde ist, der der entscheidet. Wichtig ist, dass die Ferrari typischen Fahremotionen erhalten bleiben. Genau darauf ist unser Entwicklungsansatz ausgerichtet.

Wie stellen Sie sicher, dass ein elektrischer Ferrari sich auch wie ein Ferrari anfühlt?

W. Hegger: Wir haben fünf klare Parameter definiert: Beschleunigung, Dynamik, Bremsverhalten, Sound und ein spezielles Torque‑Shifting‑Erlebnis. Auch ohne klassisches Getriebe bleiben Schaltvorgänge erlebbar. Das passiert über Software und Torque Vectoring. So stellen wir sicher, dass das typische Ferrari Fahrerlebnis jederzeit erhalten bleibt.

Gibt es intern Vorbehalte gegenüber neuen Antriebstechnologien?

W. Hegger: Es gibt unterschiedliche Haltungen, aber eine große Neugier. Unsere Erfahrung zeigt, dass die größten Skeptiker oft diejenigen sind, die neue Technologien noch nicht selbst erlebt haben. Deshalb ermöglichen wir unseren Mitarbeitern, vollelektrische Fahrzeuge selbst zu erfahren. Das nimmt viele Vorurteile.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

W. Hegger: Ich wünsche mir, dass junge Menschen weiterhin Lust auf das Automobil entwickeln und das unabhängig von der Antriebsart. Persönliche Mobilität ist ein hohes Gut. Wenn wir es schaffen, Begeisterung, Leistung und Authentizität zu verbinden, dann sichern wir nicht nur unsere Marke, sondern auch den Standort Deutschland.


Ferrari Luce (Cockpit)


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