Viel hilft viel. Je mehr, desto besser. Oder einfach: Zu viel des Guten? Fangen wir mit den drei Sprichworten an, die gut versinnbildlichen, was den Volvo ES90 ausmacht. Beim großen Schweden ist von allem (zu?) viel vorhanden. Und das irritiert auf den ersten Blick. Sind die Schweden, wie die Skandinavier generell, doch gern Vorreiter beim Simplifizieren oder Minimalisieren.

Bei der Formgebung des durchschnittlich aerodynamischen ES90 (CW-Wert 0,25) trifft das noch zu. Die neue Limousine wirkt klassisch, elegant und progressiv zugleich. Bei genauerer Betrachtung baut er allerdings doch ungewohnt hoch. 1,55 Meter, um genau zu sein. Klar, es handelt sich beim Volvo ES90 um ein Elektroauto dessen massives Batteriepack untergebracht werden will. 92–106 kWh (brutto) müssen irgendwo hin. Platz findet sich in der untersten Etage des exakt fünf Meter langen Volvo ES90. Gardemaß in der oberen Mittelklasse. Bei der Fahrzeugbreite schießt der Volvo ES90 übers Ziel hinaus. Trotz eingedrehter Spiegelkörper ragen deren Ärmchen (mit Kamera) auf 2,05 Meter hinaus. 


Volvo ES90 (RWD)


Volvo, die "Sicherheitsmarke"

Das bei unserem Testwagen noch installierte "Taxischild" am Dachanfang oberhalb der Windschutzscheibe entfällt ab sofort. In dieser Box befindet sich ein Teil des Lidar-Sensors (Light Detection and Ranging). Dieser Sensor ist hochpreisig (Mercedes hat diesen gerade aus der facegelifteten S-Klasse verbannt) und soll eine bessere Kollisionsvermeidung gewährleisten, da er bis rund 250 Meter in die Ferne "blicken" kann. Und genau deswegen klebt das Ding bei den ersten ES90 so prägnant oben auf dem Dach – das sei bis dato die beste Position für ideale Reichweite, Reflexionssicherheit und Verschmutzungsschutz gewesen. Gut, dass Volvo eine andere Lösung gefunden hat. Die Taxilackierung Hellelfenbein, RAL1015, gibt es ab Werk eh nicht.

Volvo bezeichnet sich selbst gern als "Sicherheitsmarke". Beim Verbundglas war Volvo der erste, beim Dreipunktgurt ebenfalls. Und bei der Schildererkennung waren sie vorn dabei. Das ist fast 20 Jahre her. Und im Volvo ES90 blickt man dann anno 2026 auf den Hinweis im glasklaren Head-up-Display und im Kombiinstrument: "60". Allerdings passierte das auf der komplett schilderfreien A9 bei Tempo 180. So lang das nicht funktioniert, sollte nirgendwo ein Fahrzeug "autonom" unterwegs sein.

Der Volvo ES90 ist ein Autobahn-Gleiter

Seit Frühjahr 2020 limitiert Volvo alle Modelle auf 180 km/h. Beim Elektroauto leuchtet das mehr ein als beim Verbrenner – und stört weniger, wenn überhaupt. Auf der beschriebenen A9 zwischen Berlin und Leipzig um 23.30h am Freitagabend nervt es. Denn der ES90 zieht stoisch seine Bahnen, ist superleise (Akustikglas gibt es nur in der Topausstattung Ultra), komfortabel und man merkt, dass spielend mehr gehen könnte und keinerlei Gefahr für Leib und Leben droht. Selbst bei dieser Geschwindigkeit kann die Luftfederung (2.530 Euro extra) trotz montierter 22-Zoll-Monsterräder überzeugen – sie erhöhen allerdings den WLTP-Verbrauch um 0,6 kWh/100 km im Vergleich zu den serienmäßig aufgezogenen 20-Zoll-Rädern. Wer es braucht, kann den 2.440 Kilogramm schweren Brocken im Touchmenü auf Sport, beim ES90 "hart" genannt, stellen. Das Fahrwerk wird zwar nicht zappelig, aber er liegt spürbar straffer. Bis zirka 45 km/h lässt sich ein "Offroad"-Modus aktivieren. Dann hebt die Luftfederung die Karosserie um etwa zwei Zentimeter an. Wie sich die Version mit Stahlfahrwerk und 20 Zoll fährt, sollte bei einer eigenen Probefahrt beäugt werden.

Zurück zur Autobahn. Wer mit dem 333-PS-Volvo die A9 im Eiltempo runterprügelt, landet bei 40 kWh Stromverbrauch auf 100 Kilometern. Gemessen an der Masse und den Maßen, die sich den Fahrwiderständen entgegenstellen, ist das akzeptabel. Und dennoch dezimiert sich die Reichweite des netto 88 kWh speichernden Akkuangebots auf gut 200 Kilometer. Wer sich an der Richtgeschwindigkeit orientiert, muss mit 27 kWh rechnen. Im Stadtbetrieb und beim echten Cruisen, landet man bei rund 21 kWh, alles ohne Ladeverluste. Sparsam ist der ES90 nicht.

300 kW kann der ES90 als Maximum und erreichte diesen Wert bei jedem HPC-Ladestopp – sofern die Ladesäule so viel liefern konnte. © Foto: Michael Blumenstein

Erstklassiges Ladetempo im Volvo ES90

Dafür lädt er den Speicher schnell auf. Als Hinterradantriebsversion (es gibt noch zwei Allradvarianten mit zwei Motoren) lautet die maximale Ladeleistung 300 kW. Bei unseren durchaus häufigen Ladestopps, die wir jeweils mit rund zehn kWh State of Charge (Akkustand) angesteuert haben, ballerte der im chinesischen Chengdu produzierte (da läuft auch der Technikzwilling Polestar 4 vom Band) Volvo ES90 mit eben diesen 300 kW los. Die Ladekurve ging zwar stets deutlich nach unten, im Mittel bis 80 Prozent, konnten wiederholt aber dennoch rund 185 kW ausgewiesen werden. Das bedeutet in Zeit: 20 Minuten. Ein echtes Manko: AC kann der Volvo ES90 nur mit elf kW nuckeln. Das ist in dem Preisgefüge zu wenig und der Polestar 4 kann 22 kW.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke