Ob amtlicher oder freiberuflicher Bereich: Wer im Namen und Auftrag von TÜV SÜD Sachverständigentätigkeiten durchführen will, muss Fachkompetenz nachweisen, aufbauen und ständig weiterentwickeln.

Mit der ständig komplexer werdenden Fahrzeugtechnik, zunehmend kritischen Privatkunden und den steigenden Anforderungen in Sachen reibungsloses Unfallschadenmanagement wird der Beruf des Kfz-Sachverständigen Tag für Tag anspruchsvoller. Dass der Verkehrsgerichtstag 2025 mit Verabschiedung einer neuen VDI-Richtlinie die Ausbildung und Zugangsvoraussetzungen zu dieser verantwortungsvollen und sicherheitsrelevanten Tätigkeit endlich einheitlich geregelt hat, war für Tom Lewanowski längst überfällig. Als gelernter Kfz-Meister und IFS-zertifizierter Kfz-Sachverständiger, der seit 14 Jahren für TÜV SÜD tätig ist, weiß der Experte, wovon er spricht. Seit rund drei Jahren arbeitet er im Fachbereich Aus- und Weiterbildung und steht im AUTOHAUS-Interview ganz klar hinter den hohen Qualitätsansprüchen für den SV-Nachwuchs.

AH: Herr Lewanowski, wie lautet Ihr Fazit rund ein Jahr nach Einführung der VDI-Richtlinie MT 5900 Blatt 2?

"Mit verlängertem Ausbildungszeitraum, intensivem Mentoring und Pflichtweiterbildungen geht TÜV SÜD über die Qualitätsvorgaben des VDI hinaus": Tom Lewanowski, Fachbereich Aus- und Weiterbildung TÜV SÜD Auto Service GmbH. © Foto: TÜV SÜD

T. Lewanowski: Wir als TÜV SÜD sind, wie alle berufsständischen Verbände und Organisationen, sehr glücklich damit, dass es endlich zu dieser Vereinheitlichung in Sachen Qualitätsstandards und Ausbildung gekommen ist. Dass nur noch Meister (Karosseriebau, Lackierer oder Kfz-Technik) beziehungsweise Ingenieure die Sachverständigenausbildung überhaupt antreten können, war ein längst überfälliger Schritt. Aus unserer Sicht hätte es die zweijährige Übergangsfrist für SV, die bereits lange am Markt aktiv sind, nicht gebraucht – ich hätte mir da sogar noch mehr Konsequenz gewünscht.

Wie werden die Vorgaben bei TÜV SÜD in die Praxis umgesetzt?

T. Lewanowski: Die Qualität unserer Kfz-Sachverständigen ist bei uns seit Jahren das A und O. Deshalb haben wir die Standards, die seit 2025 vorgeschrieben sind, in unserer Ausbildung bereits vorab umgesetzt. Auch ganz aktuell geht TÜV SÜD wieder voran und hat die VDI-Forderung einer sechswöchigen Qualifikationsphase um eine ganze Woche übertroffen. Seit 1. Januar 2026 investieren wir zusammen mit unserem Schulungspartner in Zwickau noch einmal deutlich in die Fahrzeugtechnik-Ausbildung. Die Inhalte reichen von Rechtsgrundlagen über Schadenanalyse, Karosseriebau und Verbindungstechniken, Bauartveränderungen bis hin zu Elektrik und Elektronik, Schadenkalkulation und Hergangsprüfungen – und auch das sind nur Auszüge. Wir sprechen also wirklich von geballtem Wissen und die Nachwuchs-SV sind nach den sieben Wochen und der schriftlichen, mündlichen und praktischen Prüfung oft "fix und fertig".

Eine solide Grundausbildung ist jedoch nur eine Seite der Medaille, wie stellen Sie sicher, dass die jungen Kfz-Sachverständigen auch weiter am Ball bleiben?

T. Lewanowski: In den ersten zwei Jahren bekommt der Nachwuchs erfahrene Mentoren an die Seite gestellt, die eine essenzielle Rolle dabei spielen, die ersten erfolgreichen Schritte am Markt zu machen. Diese öffentlich bestellten und vereidigten oder persönlich zertifizierten Kollegen stehen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Zudem sind pro Jahr drei Weiterbildungstage vorgeschrieben, die in Präsenz, online und im jeweiligen Marktgebiet absolviert werden können. Über eine interne Lernplattform bieten wir entsprechende Kurse und Seminare an und prüfen als TÜV SÜD natürlich auch noch einmal, ob die eingereichten Zertifikate unseren Qualitätsansprüchen auch genügen – dies gehört konkret zu meinem Aufgabengebiet.

Wie groß ist die Bandbreite bei diesen Weiterbildungsangeboten?

T. Lewanowski: Der Sachverständige kann sich über die allgemeine Ausbildung hinaus selbst entscheiden, in welche spezielle Richtung er gehen will. Dies ist auch oft von seinem jeweiligen Marktgebiet abhängig: Ist er an der Küste tätig, können Wohnmobile oder Boote eine lukrative Einnahmequelle darstellen, in ländlichen Gebieten spezialisiert man sich vielleicht eher auf Landmaschinen. Nutzfahrzeuge, Omnibusse, Motorräder, E-Bikes, Einsatzfahrzeuge – die Palette ist riesig. Ganz neu bei TÜV SÜD ist eine Klassikabteilung mit vier besonders kompetenten Kollegen: Zum dritten Quartal wird es mit der neuen Richtlinie VDI 5900 Blatt 3 Vorgaben in Sachen Oldtimer-Bewertungen geben. Ein weiteres anspruchsvolles Spezialgebiet für Kfz-Sachverständige, vor allem jene, die eine Ingenieursausbildung haben, sind Gerichtsgutachten. Hier stehen technische Bewertungen, Unfallanalytik, Plausibilitätsprüfungen, Crashrekonstruktionen aber auch Biomechanik auf dem Programm.

Eine weitere Besonderheit ist eine Pflichtfortbildung in Sachen Kundenumgang/Reklamation. Was hat es damit auf sich?

T. Lewanowski: Dieses spezielle Seminar schreiben wir alle fünf Jahre vor. Wir wollen die Kollegen dahingehend sensibilisieren, Konfliktsituationen im Umgang mit Autohäusern, Rechtsanwälten und Kunden möglichst aktiv aufzulösen. Dazu gehört sicheres Auftreten, überzeugende Argumentation und die Fähigkeit, auch in emotionalen Momenten ruhig zu bleiben. Leider nehmen Diskussionen zu, in denen Autofahrer auf Basis von Internetwissen und Falschinformation glauben, Druck aufbauen zu müssen.

Gegenseitige Unterstützung groß geschrieben

Janine Roehse, Kfz-Sachverständige TÜV SÜD in Berlin-Brandenburg sowie Sachsen-Anhalt. © Foto: TÜV SÜD

"Als gelernte Kfz-Meisterin wollte ich mich weiterentwickeln und habe mich mit diesem klaren Wunsch bei TÜV SÜD beworben – und habe es nicht bereut: Obwohl die sieben Wochen Sachverständigen-Ausbildung sehr viel Input waren, haben unsere Dozenten das Wissen sehr anschaulich und praxisnah vermittelt. Sie haben uns an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, sodass man gewisse Zusammenhänge besser verstehen und abspeichern konnte. So ging ein Ausbilder mit uns seinen Ablauf bei der Schadenaufnahme durch, zudem wurde uns eine Woche lang in einem Karosseriebetrieb gezeigt, welche Reparaturwege möglich sind. Diese Einblicke waren sehr interessant und haben Spaß gemacht. So war auch die Abschlussprüfung aus Theorie, Praxis und mündlichem Teil sehr an der tatsächlichen SV-Arbeit orientiert und dadurch gut machbar.

Zusammen mit einem Mentor aus dem Backoffice habe ich meine ersten Gutachten geschrieben und von seinem Erfahrungsschatz profitiert. Wenn ich Fragen oder Probleme habe, kann ich ihn anrufen und alles klären – manchmal bitte ich ihn auch um eine Zweitmeinung zu einem Schadenbild. Die gute Zusammenarbeit gilt aber nicht nur für ihn als Mentor, sondern ich kann mich an jeden in unserem Team wenden. Wir unterstützen uns gegenseitig. Das fördert die Selbstständigkeit und gibt Sicherheit, dass man mit Fragen oder Problemen nicht alleine dasteht.

Zukünftig beabsichtige ich, mich in Richtung Fahrrad und Wohnmobile weiterzubilden. In diesen Bereichen sehe ich eine weiter steigende Anfrage. Generell stehen bei TÜV SÜD aber alle Möglichkeiten offen."

Janine Roehse, Kfz-Sachverständige TÜV SÜD in Berlin-Brandenburg sowie Sachsen-Anhalt

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